Das koloniale Missverständnis

Die koloniale Vergangenheit Deutschlands ist im öffentlichen Diskurs kaum noch präsent. Jean-Marie Ténos eindrucksvoller Dokumentarfilm unternimmt den Versuch, dies zu ändern.

Das koloniale Missverständnis

Afrika ist wieder in, zumindest im Kino. Zahlreiche diskursbestimmende Filme der letzten Jahre beschäftigten sich mit dem Kontinent, unter anderem Der ewige Gärtner (The Constant Gardener, 2005), Babel (2006) und Blood Diamond (2006), selbst eine Episode des letzten James-Bond-Abenteuers situierte sich dort. Mit The Last King of Scotland (2006) steht ein weiteres, explizit politisches Werk bereits in den Startlöchern. So unterschiedlich diese Filme ausfallen, eines haben sie doch gemeinsam: Keiner wurde von einem einheimischen Regisseur gedreht. Das afrikanische Kino selbst nimmt auch weiterhin eine äußerst periphere Position ein. Dem kleinen Dokumentarfilm Das koloniale Missverständnis (Le malentendu colonial) des Kameruners Jean-Marie Téno ist es jedoch gelungen, wenigstens einige wenige deutsche Leinwände zu erreichen.

Eine deutsche Karriere: Heinrich Vedder arbeitete lange Jahrzehnte in Namibia als christlicher Missionar. Er erwarb sich Verdienste um die Erforschung der einheimischen Kultur und zahlreicher afrikanischer Sprachen, setzte jedoch den rassistischen Praktiken der Kolonialverwaltung keinen nennenswerten Widerstand entgegen, nicht einmal während des Genozids an den Herero und Nama, dem zwischen 1904 und 1908 über 70.000 Menschen zum Opfer fielen. Wiewohl nie Mitglied der NSDAP, zeigte sich Vedder in zahlreichen Briefen als glühender Anhänger des Nationalsozialismus und war in den fünfziger Jahren Mitglied des südafrikanischen Apartheidsregimes.

Das koloniale Missverständnis

Vedders Lebenslauf steht paradigmatisch für den Verlauf der Kolonialgeschichte in Das koloniale Missverständnis. Ténos Werk setzt sich mit dem vielleicht größten blinden Fleck der deutschen Vergangenheit auseinander. Die Beteiligung des Deutschen Reiches an der Eroberung Afrikas Ende des 19. Jahrhunderts ist bis heute wissenschaftlich vergleichsweise wenig aufgearbeitet, vor allem jedoch ist diese Problematik im öffentlichen Bewusstsein kaum präsent, obwohl immer noch Schadensersatzklagen der Nachfahren damals betroffener Volksgruppen gegen deutsche Unternehmen in amerikanischen Gerichten verhandelt werden.

Ténos Werk zeichnet – wie der Titel andeutet – eine Reihe von Missverständnissen nach, die den Blick auf die koloniale Vergangenheit erschweren. Unter anderem präsentiert der Film Fotografien aus den ersten deutschen Konzentrationslagern, die nicht während des Zweiten Weltkriegs, sondern im Zuge des oben erwähnten Genozids errichtet wurden. Bis hin zur Uniformierung der Wächter nehmen diese Bilder einzelne Elemente der Schreckensikonografie vorweg, die bis heute die Darstellung der Ereignisse in den späteren Lagern prägt.

Das grundlegende Anliegen des Films zielt jedoch auf die Tätigkeit der europäischen Kirchen in Afrika. Ausführlich beleuchtet Das koloniale Missverständnis die Rolle der Rheinischen Missionsgesellschaft, die 1828 gegründet wurde und in der afrikanischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts eine wichtige Rolle spielte, und der unter anderem auch Vedder seinen Arbeitsplatz verdankte. Téno ist vor allem daran gelegen, die in öffentlichen Auseinandersetzungen präsente Unterscheidung zwischen bösen Kolonialisten und guten Missionaren in Frage zu stellen. In zahlreichen Interviews mit wissenschaftlichen Experten macht sich Téno daran, diese Legende zu dekonstruieren und zeigt auf, wie die Bekehrungsarbeit der Kirchen von Anfang an von der Politik als strategisches Mittel zur Eroberung des Kontinents eingesetzt wurde. Und nicht nur das Beispiel Vedders beweist, dass die Missionare der imperialistischen Ideologie der Kolonialisten oft sehr nahe standen.

Das koloniale Missverständnis

Der Film endet mit einem Blick auf die Gegenwart. Das koloniale Missverständnis klagt nicht nur den Unwillen der ehemaligen Kolonialmächte an, die politische Verantwortung für die Folgeschäden zu übernehmen, sondern verweist auch auf eine beängstigende Kontinuität. Téno: „Jahrhunderte sind vergangen, und Afrika ist immer noch Missionsgebiet. Die ‚humanitären Helfer’ haben die Missionare von einst ersetzt. Die Kolonisation hat sich das Gewand der Globalisierung angezogen, und in Afrika ist nichts Neues in Sicht: immer noch ein bisschen mehr Hilfe und immer weniger Gerechtigkeit.“ Ob man sich dieser Diagnose – wie auch einigen anderen, ähnlich kontroversen Thesen des Films – in vollem Umfang anschließen möchte, bleibt jedem selbst überlassen. Ténos Film, der sich bei der Präsentation seiner Argumentation nie manipulativer Techniken bedient, möchte nicht um jeden Preis überzeugen und ist sich der Beschränkungen des eigenen Mediums bewusst.

Ein Dokumentarfilm kann historiografische Arbeit nicht ersetzen. Ténos Ziel besteht weniger darin, innerhalb einer geschichtswissenschaftlichen Diskussion eine Position zu beziehen, als darin, eine – nicht nur in Deutschland – verdrängte Epoche wieder der öffentlichen Diskussion zugänglich zu machen und gleichzeitig auf die zahlreichen Lebenslügen hinzuweisen, die das europäische Selbstverständnis prägen.

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