Das kalte Herz

Nach seinem Kapitalismus-Kammerspiel Zeit der Kannibalen hat sich Johannes Naber der Verfilmung eines Hauffschen Märchens mitsamt Waldgeistern gewidmet. In die Nähe der derzeit heiß gehandelten Neuen Deutschen Fantastik rückt der Film allerdings nur auf den ersten Blick.

Das kalte Herz 02

Über das Dröhnen und Brummen des bergigen Schwarzwald legt sich sphärischer, weiblicher Gesang und ein notorisch vergnügtes Pfeifen. Wie so vieles in Johannes Nabers neuem Film verhält sich auch dieses Sounddesign durchaus symbolisch und leitmotivisch: der Gesang als so etwas wie die unschuldige Liebe, die sich immer wieder von über den dunklen Baumkronen Gehör verschafft, aber eben doch und bis zum Schluss außen vor bleiben muss; das Pfeifen mehr als drohende Ankündigung des genussvoll ausagierten Bösen. Und doch sind es gerade diese Tonelemente, die Das kalte Herz in seinem erzählerisch wie formal äußerst engen Korsett ein wenig atmen lassen und den Zuschauer mit zumindest ein bisschen Unbestimmtheit konfrontieren. Wir sehen den ganzen Film über keine lieblich singende Frau, und auch das Pfeifen wird erst gegen Ende an eine Figur gebunden – wiederum nicht gänzlich ungebrochen.

Herzchen in den Augen

Das kalte Herz 01

Was wir sehen ist eine gerade noch präindustrielle, vom Holzhandel und Glasbläserei-Handwerk geprägte Dorfstruktur bei Wolfach (dessen realweltliches Pendant heute übrigens eine der letzten traditionellen Glasmanufakturen beherbergt). Der Film nimmt sich zu Beginn viel Zeit, seine von strengen Hierarchien und einem an die berufliche Klasse gebundenen Macht- und Sozialgefüge geprägte Erzählwelt zu etablieren. Da gibt es die Gruppe der Köhler, deren harte und dreckige Arbeit sich aber nicht (mehr) bezahlt macht und deren Mitglieder um Protagonist Peter Munk (Frederick Lau) und seinen Vater so zunehmend ins Prekariat rutschen. Das große Geld machen die Holzhändler und Glasproduzenten, vor allem durch einen zunehmend binationalen Handel mit Holland – was letzlich auch ihren höheren gesellschaftlichen Status zementiert. Die Liebe zwischen Peter und der Glasmacher-Tochter und Tanzkönigin Lisbeth (Henriette Confurius) ist so von vornherein eine unmögliche. Unter den vielen kleineren erzählerischen Modifikationen gegenüber der Hauffschen Märchen-Vorlage ist die Entscheidung, dieses Begehren an den Anfang der dramatischen Kausalkette zu stellen sicherlich die prägnanteste. Munk hat erstmal nicht Gulden, sondern Herzchen in den Augen.

Raum gleich Macht

Das kalte Herz 04

Dieses Konfliktgefüge, von dem der Film seinen Ausgang nimmt, wird durch wiederholte konfrontative Situationen und klare Gegensätze – die neben dem Ton vor allem über die kontrastreiche Farbgebung von Kostüm und Maske gesetzt werden – regelrecht eingeschliffen. Der streng taktende, präzise Stil, den wir schon aus Nabers vorherigem Film kennen, der affirmativ-zynischen Kapitalismus-Farce Zeit der Kannibalen (2014), scheint hierfür wie gemacht zu sein. Während jedoch im kammerspielartigen Setting des Vorgängers die tatsächlichen Orte einer finanzglobalisierten Welt als ein austauschbares Außen (in Form eines Skyline-Schattenrisses an einem Fenster) nie greifbar werden, geht es Naber in Das kalte Herz nun andersherum an. Die gerade noch nicht globalisierte Welt in den südwestdeutschen Bergwäldern wird in ihrer strengen, hierarchisierten Unterteilung durch eindrückliche und detailreiche Freiluft-Sets sichtbar gemacht. Die Waldlichtung der Köhler, die weitläufigen Rodungsgebiete der Holzhauer, die Tanzbühne auf dem Dorfplatz, das Glasbläserhaus, der Gaststätten-Tisch – Machtverhältnisse und Gewaltausübung sind hier immer sehr direkt an den Raum und der jeweiligen Position in diesem gekoppelt.

Film aus Stein

Das kalte Herz 03

Wenn Munks Handlungsraum dann trotz seiner gutmütigen, immer auch etwas naiven Beharrlichkeit zwischen diesen klaren, von Ton, Bild und Montage verdoppelten Fronten komplett verkeilt und der dramatische Zündpunkt maximal hinausgezögert ist, kommt eine zusätzliche Welt ins Spiel. Es ist jene der Waldgeister, der Sagenfigur des Glasmännchens (Milan Peschel), das Munk drei vorschnell geäußerte, unkluge Wünsche erfüllt, und des verbitterten Holländer-Michels (Moritz Bleibtreu), der das ausnutzt und den jungen Mann in den emotionalen Ruin treibt. Stein statt Herz, wir kennen das aus dem Schulunterricht.

Trotz ihrer märchenhaften Seinsweise hebt sich diese wundersame Welt aber inszenatorisch nicht markant ab. Dass sich Das kalte Herz so mehr für die Wirklichkeitsnähe und den Einbruch des Fantastischen statt dessen Rolle als Rückzugsort oder Alternativentwurf interessiert, rückt den Film durchaus in die Nähe des neuen, deutschen Fantastik-Kinos, das unter anderem Thomas Groh erst kürzlich im Freitag unter die Lupe genommen hat. Und doch fällt es hier schwerer, den „Teig an (zeitgenössischen) Mentalitäten“, aus denen die Filme dieser losen Gruppe von Produktionen schöpfen, zu bergen. Dafür verliert sich Das kalte Herz doch etwas zu sehr in seiner Historienfilmhaftigkeit, kommt so arg geschlossen und mehr steinig als lebendig daher.

Andere Artikel

Trailer zu „Das kalte Herz“


Trailer ansehen (2)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.