Das Kabinett des Dr. Parnassus

Terry Gilliam liefert eine schillernde Hommage an das Medium Film und dessen Möglichkeiten, Geschichten zu erzählen. In einer Explosion an Sinneseindrücken lassen sich Wirklichkeit und Realität nicht mehr voneinander trennen.

The Imaginarium of Dr. Parnassus

London im 21. Jahrhundert. Ein seltsames Gefährt – halb Kutsche, halb Wohnwagen, klobig, braun und unförmig – ruckelt durch die nächtlichen Straßen der Metropole. Im Hintergrund erhebt sich die mächtige Blackfriars Bridge, marode Lagerhallen komplettieren die Kulisse. Von eindringlichem Krachen, Knacken und Quietschen begleitet öffnen sich diverse Luken des Vehikels, das sich dann in eine Art Bühne verwandelt. Bespielt wird diese von vier nicht weniger skurrilen Gestalten, deren Geschichte Gilliam im Folgenden erzählt. Dr. Parnassus (Christopher Plummer) lädt sein Publikum ein, durch einen Zauberspiegel in die Welt der Wünsche und Träume einzutauchen. Bereichert wird das Spektakel von Parnassus’ märchenhafter Tochter Valentina (Lily Cole), seinem treuen Freund Percy (Verne Troyer) und dem Jungen Anton (Andrew Garfield). Das Geschäft läuft schlecht, doch viel mehr sorgt sich der unermüdliche Spieler Parnassus um das Schicksal seiner Tochter, die er einst bei einer Wette mit dem Teufel aufs Spiel setzte. Der Melone tragende und Zigarre rauchende Teufel Mr. Nick (Tom Waits) ist nun an das Themse-Ufer gekommen, um seinen Gewinn abzuholen.

The Imaginarium of Dr. Parnassus

War der frühe Film zunächst im Rahmen des Wanderkinos auf Reisen, wählt Gilliam in Das Kabinett des Dr. Parnassus (The Imaginarium of Dr. Parnassus) die Schaubude selbst als Sujet. Ebenso wie die einzelnen Varietévorstellungen Ende des 19. Jahrhunderts in ihrer Nummernfolge dramaturgisch aufgebaut waren, montiert Gilliam in seinem neuen Film eine Geschichte mit der anderen. Der Spiegel, der die Filmgeschichte als Motiv wie ein roter Faden durchzieht, dient dabei als Medium des Übertritts in eine andere Welt. Durchschreitet man diesen, tun sich Phantasiewelten und paradiesische Zustände auf – sei es ein Meer aus Schuhen, schillernde Unterwasserlandschaften, ein mystischer Zauberwald oder Hügel, von denen die Leitern in den Himmel wachsen.

Durch Gilliams Erzählweise diesseits und jenseits des Spiegels entsteht ein Kaleidoskop aus Geschichten, die in ihrer Vernähung miteinander jeweils eigene Lesarten freigeben. Dem Zuschauer bleibt es dabei selbst überlassen, welche Erzählung er fokussiert. Sei es das Spiel zwischen dem Teufel und dem Geschichtenerzähler – ein eindeutiger Verweis auf Goethes Faust sowie den Berg Parnass, Sitz der Musen und Inbegriff der Lyrik – , die Liebesgeschichte zwischen dem zwielichtigen Tony (Heath Ledger) und dem Mädchen mit der Porzellanhaut oder aber lediglich einen der vielen liebevoll inszenierten Einzelaspekte, wie etwa die Rolle des zwergenhaften Percy. In den wenigen Momenten, in denen die Narration stagniert, widmet sich Gilliam der Inszenierung des Bildaufbaus, einer Mise en scène, die in alter Monty-Python-Manier eine ganz eigene Handschrift trägt. Nahezu jedes Kostüm, jede Requisite, jeder Ausspruch ist anschlussfähig an weitere Metaebenen und fordert zur Deutung auf.

The Imaginarium of Dr. Parnassus

Die Tatsache, dass Heath Ledger während der Dreharbeiten zu Das Kabinett des Dr. Parnassus, nach Brothers Grimm (2005) der zweiten Zusammenarbeit von Gilliam und Ledger, verstarb, hat grotesker Weise das Konzept des Films bereichert. In der Figur des Tony tritt Ledger erneut als Joker auf die Bühne – dieses Mal jedoch nicht wie in Christopher Nolans The Dark Knight (2008) im Kampf um die Herrschaft von Gotham City, sondern als Projektionsfläche für das Wahrwerden von Frauenwünschen. Eingeführt wird Ledger als ‚Hangman’ – im weißen Anzug Kopf über unter einer Londoner Brücke hängend – vermeintlich tot.

Nach einer wunderbar gezeichneten Rettungsaktion durch Valentina und Anton wird Tony Teil der Schaustellertruppe und konfrontiert diese mit seinen geschäftstüchtigen Ideen. Die vor lauter Konsum gelangweilten Frauen der Londoner Oberschicht erweisen sich als die eifrigsten Besucherinnen des Imaginariums. Sie stürmen durch den Spiegel, sie flüchten in die Welt der Illusion. Eskortiert werden die Damen auf ihrer Reise ins Schlaraffenland von Tony beziehungsweise seinen jeweiligen Transformationen in Gestalt von Jude Law, Colin Farrell und Johnny Depp. Sie führten Ledgers Schauspiel nach dessen Ableben fort. Dabei nimmt man im Speziellen Depp die Rolle des charmanten Gigolos eher ab, als die des gerissenen Gangsterbosses in Michael Manns neuem Streifen Public Enemies (2009). Auch Law und Farrell lassen durch ihr Spiel die Rolle Tonys komplexer werden und ermöglichen den Aufbau weiterer Assoziationsketten.

The Imaginarium of Dr. Parnassus

Gilliam, vielleicht selbst der inkarnierte Dr. Parnassus, zeigt, dass sich kein Medium besser dazu eignet Geschichten zu erzählen als der Film. Dafür findet der Kultregisseur im wahrsten Sinne des Wortes phantastische Bilder. Die visuell kreierten Räume, wie etwa das märchenhafte Vehikel, ein Mikrokosmos ganz eigener Art, schicken uns an ‚andere Orte’. Dr. Parnassus’ Worte „You can’t stop stories being told!“ hallen wohltuend und vielversprechend nach. Daran kann auch der Teufel nichts ändern.

Trailer zu „Das Kabinett des Dr. Parnassus“


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Kommentare


Viola

Liebe Frau Roesler, ein ganz großes Lob an die schöne Kritik über Doctor Panassus! Der Text liest sich wunderbar flüssig und man möchte am liebsten sofort selbst in den Zauberspiegel eintauchen. Auch sehr gut gefallen haben mir die Filmgestalterischen Ausführungen, daran merkt man einfach dass Sie vom Fach sind. Nach dem Lesen der Kritik habe ich nun schon sehr viele schöne Bilder im Kopf und eine gute Vorstellung davon, was mich bei dem Film erwarten wird, danke hierfür! Sie sollten wirklich noch öfter mal eine Kritik hier veröffentlichen! Viele Grüße, Viola






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