Das jüngste Gewitter

Das Leben ist grausam: Die Apokalypse droht, und zum Abendessen gibt es alkoholfreies Bier. In Roy Anderssons Nachschlag zu Songs from the Second Floor bläst uns eine Tuba den vielleicht allerletzten Marsch.

Das jüngste Gewitter

Ein schluchzender Anwalt wird von seinem Mandanten getröstet, der gerade die Todesstrafe erhalten hat - für die Zerstörung eines Tafelservices. Immerhin war das zweihundert Jahre alt. Vielmehr „über (!) zweihundert Jahre“, wie einer der Kläger einwirft. Also lassen die Richter im Saal über das Urteil abstimmen, bekommen dabei ein großes Bier serviert und rufen „zum Ersten, zum Zweiten und zum Dritten: elektrischer Stuhl!“. „So ist das nun mal“, meint der verurteilte Handwerker. Während seiner Hinrichtung genießen die großbürgerlichen Ex-Servicebesitzer ihr Popcorn, und dem Todeskandidaten wird geraten, sich zu „entspannen“.

Er selbst schildert uns dieses Szenario, als er gerade im Stau steht. Zum Glück war alles nur ein Alptraum – in dem der schwedische Autor und Regisseur Roy Andersson die realen Ungerechtigkeiten der modernen (Klassen-)Gesellschaft zur Farce zuspitzt. Träume und Wirklichkeit geben sich in Das jüngste Gewitter (Du Levande) die Klinke in die Hand. Gleich in der ersten Szene schreckt ein Mann aus einem Nickerchen hoch und berichtet in die Kamera, er hätte von einem Atomkrieg geträumt. Die Behauptung „Morgen ist auch noch ein Tag“ dient wiederum einem Kneipenwirt als regelmäßige Rausschmeißerparole. Ist sie Trost oder Drohung? Sie könnte sich auch bald als Irrtum herausstellen, wenn wir Menschen so weitermachen wie bisher.

„Du Lebender“, so die Übersetzung des Originaltitels, der auf Goethes „Römische Elegien“ anspielt, kann als Zuschauerwarnung verstanden werden. Davor, nicht durch unser Dasein zu schlafwandeln wie ein Großteil von Anderssons Figuren, die uns mit ihren leichenblassen Gesichtern und ihrem oftmals apathischen Verhalten einen Spiegel vorhalten. Manchmal schauen, sprechen oder klagen sie uns direkt an und beschweren sich wie ein ausgebrannter Psychiater darüber, dass „sogar ekelhafte Menschen glücklich sein wollen“. Meistens sitzen sie aber auf Stühlen, Sesseln oder Betten und starren einfach ins Leere, während im Hintergrund jemand eine Tür schließt oder vorgeblich banale, Beckett-artige Sätze wie „Es ist schon halb sechs“ in die karge Wohnstube wirft.

Das jüngste Gewitter

Es ist das Warten auf die Erlösung aus der Passivität, Gleichgültigkeit und Isolation. Da will einer noch schnell den Fahrstuhl erreichen, und niemand drückt für ihn auf den Halteknopf. Es gießt in Strömen, und die im Trockenen einer Bushaltestelle Stehenden machen keinen Millimeter Platz für einen heraneilenden Passanten. Ein alter Mann schleppt sich an einer Gehhilfe vorwärts und merkt nicht, dass er seinen fiependen Hund auf dem Rücken über den Asphalt schleift. Ist jemand mitfühlend und überreicht einer Frau, die ständig darüber klagt, dass keiner sie versteht, einen Blumenstrauß, schlägt ihm die Undankbare die Tür vor der Nase zu. Woraufhin der Abgewiesene nun auch das Gefühl hat, ihn würde keiner verstehen. Was dem Briefträger, dem er sein Leid gesteht, völlig egal ist.

Rund fünfzig solch lakonischer Alltagsepisoden hat der Regisseur wie in seinem preisgekrönten Vorgänger Songs from the Second Floor (Sånger från andra våningen, 2000) in jeweils einer langen Einstellung und bis auf wenige Ausnahmen mit statischer Kamera gedreht. Eine milchige Beleuchtung legt sich über die wunderschön trübe Farbgestaltung der Szenenbilder, Ausstattung und Kostüme, die sich auf Variationen von Grau-, Braun- und vor allem Grüntönen beschränkt. Anderssons Filmwelt wirkt fast so, als hätte der befürchtete Nuklearangriff bereits stattgefunden und die Überlebenden mit einem Lethargie-Virus zurückgelassen.

Einlullend entrückte Endzeit-Gemälde sind hier surreal komponiert und minutiös arrangiert. Dank ihrer großen Schärfentiefe kann man als Zuschauer bis in die entfernteste Ecke Entdeckungen machen und seine ganz persönliche Rezeptionswahl treffen. Beobachte ich das triviale und traurige, absurde und anrührende Minimalgeschehen im Vordergrund? Eine Person, die reglos und desinteressiert im Hintergrund ausharrt, oder lieber die, deren Kopf komatös auf der Tischplatte liegt? Am besten alles im ständigen Wechsel, ansonsten könnte man winzige bedeutungsvolle Details übersehen, die Anderssons existentiellen Bestands- und Notaufnahmen häufig einen doppelten Boden verleihen und sie trotz repetitiver Motive und Verlaufsprinzipien nie eintönig werden lassen.

Das jüngste Gewitter

Finden sich in Songs from the Second Floor Angriffe auf Kirche und Kapitalismus, richtet der Regisseur den Fokus in Das jüngste Gewitter verstärkt auf das Private und Zwischenmenschliche. Wie in seinem Langfilmdebüt Eine schwedische Liebesgeschichte (En Kärlekshistoria, 1970) ist es jugendliche Liebe, die einen Lichtblick setzt und den einzig positiven, wahrhaft hinreißenden (Wunsch-)Traum liefert: Ein junges Mädchen malt sich aus, wie sie den von ihm angehimmelten Frontmann einer Heavy-Metal-Band heiratet. Er spielt seiner Braut etwas auf der E-Gitarre vor, während sie beseelt eine Thermoskanne auspackt. Plötzlich setzt sich ihr helles Apartment in Bewegung und stoppt schließlich an einem Bahnhof, wo zur Abwechslung einmal lauter nette Menschen enthusiastisch zur Trauung gratulieren.

„Alles hat seine Zeit“ und „Es kommt eine neue Zeit“ heißt es in Songs mehrfach. Wenn der angedeutete Weltuntergang in Das jüngste Gewitter als Wachrüttler funktioniert, ist Roy Anderssons Tragikomödie entgegen ihrer anscheinenden Tristesse ein hoffnungsvoller Film. Dann wäre morgen auch noch ein Tag, der endlich so verbracht werden kann, dass er selbst im nüchternen Zustand erträglich ist.

Trailer zu „Das jüngste Gewitter“


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Kommentare


ich

Komme gerade aus dem Kino. Wollte ursprünglich nach 20 min das Kino verlassen, doch war auf das Ende gespannt. Hab noch nie so viele im Kino schlafen sehen. Das Ausharren war eine Qual. Schade um das Geld. Die Kritik zu lesen ist spannender als der Film und die besten Szenen werden bereits in der Werbung gezeigt, so dass auch diese den Film nicht sehenswert machen. Spart euch das Geld, geht einen Kaffee trinken, das ist sehenswerter und realistischer als dieser langatmige Film.


JB

Ich muss meinem "Vorschreiber" widersprechen und diese wirklich einzigartige Groteske empfehlen.
Es ist eine Ansammlung von Stillleben, die in ihrer Verschrobenheit die Wirklichkeit widerspiegeln und den menschlichen Alltag detailverliebt in Szene setzen.
Wer aktionsgetriebenen Stumpfsinn konsumieren möchte soll dies tun und dieses Meisterwerk meiden.
Ein graues Stillleben, so tief sein Sinn und großartig seine Schönheit auch sein mag, ist nun mal nicht gerade von Bewegung geprägt. Gefallen liegt also im Auge des Betrachters und an diesem Film scheiden sich definitiv die Geister.


SusiBerlin

Der Film ist das langweiligste und überflüssigste, was ich seit langem im Kino gesehen habe. Fette, Alte und Versagervisagen vor graue Kulissen zu stellen, ist weder grotesk, noch skuril, geschweige denn eine schwarze Komödie, als die der Film beworben wird. Auf eine Handlung wartet man vergebens, auf Figuren, die einen wirklich interessieren, auch.
Es haben mehr Leute die laufende Vorstellung verlassen als seinerzeit bei "Mann beißt Hund". Verpasst haben sie nichts.


Bounty

Susi aus Berlin findet den Film "langweilig". Warum? Weil "Alte" , "Fette" und "Versager" darin vorkommen.
Susi dachte, es gäbe einen "spannenden" Film zu sehen, mit "jungen", "schlanken" "Gewinnern".
Tja, Susi, dumm gelaufen.
Immerhin zeigst Du uns: Der Film hat recht.


Jim

Ein Film zum nachdenken, der einen mit einem seltsamen Gefühl zurück läst...

@Bounty: you made my day ;)


marcel

Die ersten zehn Minuten waren hart - keine durchgehende Story, depressive Grundstimming - aber dann packt einem der Film so richtig und man erlebt einen der besten Nicht-Monty Python-Filme ever! Nach dem Film fühlt man sich schlicht lebendig!






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