Das Herz von Jenin

Ein Palästinenser spendet die Organe seines getöteten Sohnes an israelische Kinder. Die Regisseure Marcus Vetter und Leon Geller möchten mit ihrer Dokumentation Vorurteile abbauen – und könnten das genaue Gegenteil erreichen.

Das Herz von Jenin

„Das Interessante ist, dass man im Film nur freundliche und feine Menschen kennenlernt“, behauptet Vetter. Nur ist das in diesem konfliktreichen Kontext weniger interessant als vielmehr naiv, einseitig und unkritisch. Zudem scheint dem deutschen Autor und Regisseur nicht bewusst zu sein, wie manche Menschen in seiner Inszenierung und der seines israelischen Kollegen wirken. Im Gegensatz zu dem überwiegend freundlich und fein präsentierten palästinensischen Protagonisten erscheinen die orthodoxen Juden nämlich größtenteils skurril, scheinheilig oder rassistisch. Die Art ihrer Darstellung reicht von unmotiviert über verkürzt bis verantwortungslos.   

Das Herz von Jenin

Eindeutiger Sympathieträger in Vetters und Gellers Umsetzung ist Ismael Khatib, dessen 12-jähriger Sohn Ahmed im November 2005 im westjordanischen Flüchtlingslager Jenin von einem israelischen Soldaten erschossen wird, da dieser das Spielzeuggewehr des Jungen mit einer echten Waffe verwechselt. Nachdem Ahmeds Hirntod im Krankenhaus von Haifa festgestellt wird, entscheiden die Eltern, die Organe, darunter auch das Herz ihres Sohnes, an israelische Kinder zu spenden. Drei der Empfängerfamilien besucht Ismael Khatib zwei Jahre später und wird dabei von den Regisseuren begleitet.

Das Herz von Jenin

Es ist das Recht der Filmemacher, Khatib zum Helden ihrer Dokumentation zu erklären. Allerdings lassen sie so in den meisten Szenen jegliche Distanz vermissen und übernehmen weitgehend die Perspektive ihres Protagonisten, ohne sie zu hinterfragen. Der jüdisch-orthodoxe Yaakov Levinson, dessen kranke Tochter die Niere des palästinensischen Jungen erhält, macht einmal die Äußerung, ihm wäre ein jüdischer Spender lieber gewesen. Was Grund genug gewesen wäre, sich ausführlicher mit diesem Mann zu beschäftigen, als es hier der Fall ist. Der Mangel an genauem Nachhaken und das Ausblenden gerade der wichtigsten, unbequemen Fragen verflachte schon Vetters Dokumentation über die eBay-Welt Trader’s Dreams (2007). Außer Levinson treten noch folgende Israelis in Das Herz von Jenin auf: herzlose Grenzbeamte, angebliche Nudisten (die nie gezeigt werden), ein komischer Straßentänzer mit unklarer Funktion sowie ein orthodoxer Jude, der entgegen seinen Glaubensregeln raucht.

Das Herz von Jenin

Am Ende konfrontiert Khatib Levinson mit seinem rassistischen Ausspruch. Als Zuschauer erfährt man vor allem die Anspannung und Peinlichkeit des Moments. Die Regisseure halten die Kamera auf ihren Showdown und lassen die Situation anschließend nur von Khatib, nicht von seinem Antagonisten Levinson kommentieren. Ihr Film zwängt uns eine auf Dauer sehr eintönige Position auf, so wie uns die hoch emotionale Musikuntermalung ständig diktieren möchte, was wir zu fühlen haben.

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Kommentare


Dionisius

Ich habe gestern Abend den Film gesehen und bin noch immer fasziniert. Seit vielen Jahren mißfällt mir die schnelle Solidarität mit den Israeli und die Verurteilung der Palästinenser, die schließlich dort ihre Heimat haben. Dieser Film macht klar, dass der Haß auf die Palästinenser an Beispielen aufgebauscht wird, die durch eine solche Handlung widerlegt werden. Hier geht es um Menschen und nicht um Religion oder Rassismus. Die orthodoxen Juden müssen ihren Standpunkt überdenken. Er ist mir bereits in den USA völlig auf den Zeiger gegangen.
Toller Film !!!


Natascha

Wir haben gestern abend den Film zum ersten Mal gesehen , mein Mann ist vor zwei Wochen nach einen Friedenseinsatz als Begleiter und Helfer für drei Monate für WCC zurückgekehrt(EAPPI). Er hat den Film geschaut und es kaum ertragen können, es war die Realität seiner 3 Monate und was andere an Kritik schreiben,bitte doch selbst vor Ort mal sein und mit Friedensaktivisten aus Israel sprechen, die inwzischen sehr aktiv sind!! und bei den Palästinsern wohnen, arbeiten , sie begleiten zu checkpoints, roads aufzubauen, in der Wüste zu schlafen, dann werden die kritischen Stimmen wohl etwas anders sein - es ist ein Zustand, der nur von außen gelöst werden kann. Der Film ist Realität !!


Janina

Als ich diesen Film gesehn habe sind mir die tränen geflossen auch noch stunden danach. Dies ist eine so herzzerreißende geschichte.Der vater des kleinen Ahmeds hat echt großartiges geleistet er hat dafür den Friedensnobelpreis verdient.Er hat so viel menschlichkeit gezeigt. Ich hoffe von ganezm herzen das der krieg oder die konflickte in Isreal und im westjordanland bald ein ende haben und das dort alle wieder in frieden gemiensam leben können.


Trintiy

Ein an sich "guter" Film, der von Einseitigkeit nicht frei ist. Zunächst die PR: Da ist dann immer die Rede von einem palästinensischen Vater, der die ORgane seines von Israelis erschossenen Sohnes an "israelische Kinder" spendet. Allerdings landen zwei drittel der Organe eben nicht bei "Israelis", sondern bei Beduinen und Drusen. Das macht die Organspende nicht weniger wertvoll, aber man merkt doch, dass der Film propagandistisch untermalt ist. ALLE israelischen Juden dieses Filmes werden als skurile Biester dargestellt. Ein Film wie dieser wird, gerade wenn er in Jenin gezeigt wird, eben nicht Frieden und Miteinander vermitteln, sondern die moralische "Überlegenheit der Palästinenser", die Boshaftigkeit aller jüdischer Israelis, und insofern Hass, auf subtile Weise schüren.
Es ist traurig, dass Herr Vetter, sich hier der ewiggestrigen Klischees über Juden bedienen musste, und darauf verzichtet, zu erwähnen, dass in Jenin, wo nie ein Massaker angerichtet wurde, 23 Israelis starben. Erwähnt werden NUR die Palästinenser, die wir Eruopäer so gerne ausschließlich als Opfer sehen. Der Film ist insofern auch eine vertane Chance des Friedens, der Eher Mauern baut, als Grenzen einzureißen.

Schade eigentlich... zumal gerade von einem Deutschen mehr zu erwarten wäre als ein antiisraelisches, und zueltzt auch antisemitisches Stück Filmgeschichte.


Drkrysl

Die filmische Umsetzung mag nicht optimal sein, doch die Geste des Vaters bleibt eine zutiefst berührende Tat. Gegen israelische Politik zu sein bedeutet nicht Antisemitismus.


Özgür

Auf keinen Fall negative Kritit. Das schonmal im Vorraus. Der Film spiegelt den Alltag und die Umstände in Israel/Palestina ab. Das ist einfach nur schrecklig. Solch einen Menschen wie Ismail, im Film, gibts nicht überall. Eher im Gegenteil. Solche Menschen sind sehr schwer zu finden. Ihm war's schließlich egal, ob es Israelis waren, denen er die Organe spendet. Auch wenn sie den Mord an seinem Sohn ausgeübt haben. Ich denke dieser Film weckt in jedem ein Gefühl, dass einen wirklich zum Nachdenken bringt. Ich hoffe ich bin nicht der einzige, der so denkt. Ich hoffe es gibt noch andere, die mit 16 Jahren so denken wie ich.


Schallblech

Birte Lüdeking hat offenbar nicht viele Kenntnisse über Israel, Palästina und den Konflikt mit seinen Gründen.
Bei dem "komischen Straßentänzer mit unklarer Funktion" handelt es sich höchstwahrscheinlich um einen Anhänger von Rabbi Nachman. Diese Menschen vertrauen auf die Freude als Schlüssel zur Erlösung des jüdischen Volkes. Sie versuchen die Menschen mit ihrer fröhlichen Art mitzureißen.
Die Grenzbeamten waren nur deshalb so freundlich zu Ismael, weil sie dabei gefilmt wurden - sonst hätten sie ihn eventuell auch zurückgeschickt. Damit müssen Palästinenser immer rechnen, auch wenn sie gültige Papiere haben.
Die Nudisten wollen Araber nicht sehen, da es gegen ihre Moralvorstellungen verstößt. Deshalb konnten sie in diesem Film nicht gezeigt werden - wozu auch. Liebe Frau Lüdeking, das hier ist kein Spielfilm mit erfundenem Drehbuch sondern Realität. Bittere Realität der Menschen hinter den Mauern!
Daß ein Mensch, der die ständigen Demütigungen durch die Besatzer täglich erleben muß, der ohne Perspektive als Vertriebener in einem ärmlichen Flüchtlingslager seine Familie durchbringen muß, nachdem ihm mehrmals die Lebensgrundlage weggenommen wurde, dann auch noch ein Kind verlor - durch die Besatzer, daß dieser Mensch so handeln kann, ist ein einmaliges Hoffnungszeichen.






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