Das Herz ist ein dunkler Wald

Wenn sich Medea in der Traumnovelle verläuft, kommt dabei ein exzentrisches Beziehungsdrama heraus, in dem der Mann als böser Wolf ein Doppelleben führt.

Das Herz ist ein dunkler Wald

Der zweite Langfilm der Schauspielerin Nicolette Krebitz (Jeans, 2001) will unbedingt Kunst sein. Er versteht sich unter anderem als moderne Medea-Variante. Das wird uns überdeutlich vor Augen geführt, als in einer Szene Maria Callas - Darstellerin von Euripides’ eifersüchtiger Kindsmörderin in Pasolinis Adaption - im Fernsehen auftritt. Medea heißt hier Marie (Nina Hoss), spricht mit gedämpfter Stimme und schleicht im Dämmerzustand durchs Reihenhaus. Als sie herausfindet, dass ihr Mann Thomas (Devid Striesow) seit Jahren heimlich ein weiteres in fast der gleichen Ausführung besitzt, Kleinfamilie inbegriffen, zerplatzt die Seifenblase vom trauten Mittelklasseheim, und der Schock reißt „Dornröschen“ buchstäblich den Boden unter den Füßen weg.

Die Betrogene taucht daraufhin in einen surrealen Mix aus Erwachsenenmärchen und (Alp-)Traumnovelle ab, in dem sie einen bizarren Maskenball besucht, der wie in Eyes Wide Shut (1999), Kubricks Verfilmung des Schnitzler-Stoffes, mehr artifiziell als erotisch wirkt. Marie erscheinen ihr emotional unzugänglicher Vater und ein Mini-Jesus, der vom Kreuz klettert und die Flucht ergreift. Sie trifft auf obskure Randgestalten und auf Thomas. Er: „Immer dieses Geheule. Wie soll man denn da reden? Da seid ihr alle gleich“. Sie: „Du Penis“. Den Rest der Nacht verbringt sie mit einem windigen Ballbesucher im Wald. Am nächsten Morgen rollt die Erwachte durchs Laub in einen See und steigt nackt, nur mit Pistole bekleidet, in einen Hamburger Linienbus, um nach Hause zu ihren zwei alleingelassenen Kindern zu fahren.

Das Herz ist ein dunkler Wald

Klingt überspannt? Ist es auch. Dabei verspricht der Anfang eine ernsthafte Auseinandersetzung mit heutigen, teils rückwärts gewandten gesellschaftlichen Rollenverteilungen von Mann und Frau. Marie hat freiwillig ihren Beruf als Geigerin an den Nagel gehängt, um Vollzeitmama und Musikerehefrau zu sein. Nun sitzt sie mit dem Ergebnis am Frühstückstisch, die ältere Tochter Leonie scherzt lieber mit Papa rum, und mit dem brabbelnden Baby tauscht sie Blicke aus, als wäre es ein Kuckuckskind. Krebitz und ihre Kamerafrau Bella Halben fangen diese Eröffnungssequenzen zunächst in klaren, schlichten Bildern ein und eifern mit ihren nüchternen Milieuaufnahmen ein bisschen der Berliner Schule nach.

Ohne Schnörkel und Spielereien hält es die Autorin und Regisseurin allerdings nicht lange durch. Dann zeigt sie uns mit Splitscreen à la Bettgeflüster (Pillow Talk, 1959) was Er und Sie gerade parallel machen: mit dem Studium von Biohonig- und Haarshampoo-Etiketten den eingefahrenen Familienalltag totschlagen. Ähnlich beziehungskomödiantisch geht es weiter, als Marie Thomas auf dem Fahrrad sein Instrument hinterherfährt und auf einem eingeblendeten Stadtplan aufgemalt wird, wo ihre jeweiligen Wege entlangführen und sich kreuzen. Beschwingte Musik setzt ein, plötzlich aus, wieder ein.

Das Herz ist ein dunkler Wald

Nachdem die Protagonistin die Zweitfamilie ihres untreuen Gatten entdeckt hat und in einem Park ohnmächtig auf die Erde sinkt, wechselt der Tonfall von Das Herz ist ein dunkler Wald ins bemüht Düstere und angestrengt Mystische. Krebitz verwurstelt wild Film- und Literaturzitate von Antonioni über Fellini bis hin zu „Hänsel und Gretel“ ohne eine persönliche Handschrift erkennen zu lassen. Ihre Versuche, die schwermütige Stimmung durch trockenen Witz aufzulockern, gehen nach hinten los. Wenn die spätere Kindsmörderin vor dem unehelichen Sohn ihres Mannes ein Handzeichen macht, als wolle sie ihm die Kehle durchschneiden, soll das wohl Galgenhumor sein. Im Angesicht des bitteren Endes zeugt es aber eher von einer mangelnden Sensibilität der Regisseurin.

Dass Krebitz durchaus feinfühlig inszenieren kann, demonstriert sie dagegen in einer frühen Szene zwischen Mutter und Tochter, die ohne jeglichen gestalterischen Firlefanz auskommt und ganz auf das Zusammenspiel der furchtlos agierenden Nina Hoss und ihrer jungen Kollegin setzt. Eine zunehmend am Rad drehende Marie will wissen, wer gerade angerufen hat. Leonie verweigert fröhlich-frech die Auskunft, bis sie die Traurig- und Hilflosigkeit ihrer Mutter spürt, ihre Laune von kindlicher Unbekümmertheit in Besorgnis umschlägt, und der einzige Moment wahrer Nähe zwischen beiden entsteht.

Das Finale von Nicolette Krebitzs Genrebrei spricht wieder eine andere Sprache. Obwohl es früh angedeutet wird, ergibt es sich dennoch nicht aus der wirren Plotentwicklung und der vagen Figurenzeichnung. Die letzten Sequenzen, in denen Marie unbekleidet durch die Straßen läuft und sich schließlich in grausamster Weise an ihrem Ehemann rächt, sind in ihrer Radikalität zu wenig motiviert und schlüssig. Ein unpassend aufdringlicher Soundtrack, der weite Strecken der Handlung bestimmt, verstärkt zudem den Eindruck einer Effekt haschenden, anmaßenden Pose. Hätte die Regisseurin im Vorangegangenen mehr Substanz und Stringenz bewiesen, wäre eine derart kompromisslose Auflösung in Zeiten, in denen sich die Nachrichten über verwahrloste und getötete Kinder häufen, vielleicht Provokation oder Denkanstoß geworden.

Kommentare


Patricia

Nicolette Krebitz traut sich was, sie und ihre Kamerafrau inszenieren wirklich filmisch, die Schauspieler sind durchweg großartig, selbst die Kinder, und diese Kritik darf man auf keinen Fall VOR dem Kinobesuch lesen, weil sie alles verrät.
Der Film ist mein erstes Kinohighlight im neuen Jahr.


AndreaS

Dieser Film ist grossartig. In jeder Hinsicht. Birte Lüdeking hat ihn leider nicht verstanden.
Unbedingt anschaun!
A.


dVine

Die gerade gelesene Kritik klingt nach einem herben Fall von enttäuschten Erwartungen. Alle angeführten Kritikpunkte kann man, wie in meinem Fallm auch durchaus positiv sehen. Anders als durch den Trailer zu vermuten, ist der Film meiner Ansicht nach NICHT prätentiös sonder in der Wahl seiner zugegeben drastischen, stilistischen Mittel sehr reflektiert und selbstkritisch, zuweilen auch selbstironisch. kritische Vernunft und Emotion werden NICHT dem Effekt geopfert sonder kontrapunktiert und quasi auf den Seziertisch gelegt. Viele der stilistischen Elemente sind einer theaterhaften Bildsprache entnommen und haben mich (positiv) an Greenaway denken lassen. Auch die Musik wird theaterhaft "aufdringlich" eingesetzt, will heißen, dass man sich ihrer konstant bewußt ist. Für mich hatte sie aber dabei nie etwas stumpf symbolisitsches oder gar pseudo-naratives, sonder war eines der vielen Spotlights mit denen Frau Krebitz ihre Themen sehr gekonnt ausleuchtet. Zu dem ganzen gibts dann sehr schöne Bilder, erstklassige Dartseller und eine prise klugen Humors. Ich habe das Kino zu tiefst befriedigt und bereichter verlassen.


Petra L.

Mir scheint die Kritik auch insoweit verfehlt, als man sich beim Lesen fragt, welche Vorstellung von Film ihr zugrunde liegt, besonders was die Rolle von narrativer Stringenz, Motivation der Charaktere und Genrekonventionen angeht, von Begriffen wie Substanz ganz zu schweigen. Und der moralische Zeigefinger am Ende ist echt völlig daneben!
Man nennt Krebitz´ Film noch kein Meisterwerk, wenn man seine Aneinanderreihung von modellhaften Szenen nicht als "Genrebrei" erleben mag, sondern als in sich abgeschlossene Kristalle von zum Teil schlagender Einsichtigkeit. Bewundernswert Krebitz´ manchmal surrealer Bild-Witz, der besonders in der wunderbaren Busfahrt-Szene am Ende des Films hervortritt.


n. lorenz

Über den Film kann man sich wahrlich streiten. Aber bitte nicht in Form einer solch unqualifizierten Kritik!


Aus dem Wald

Die Kritik ist in der Tat ziemlich vernichtend - aber Hand auf's Herz im dunklen Wald: etwas anderes hat dieser Film auch nicht verdient!






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