Das Haus nebenan - Chronik einer französischen Stadt im Kriege

Widerständler, Spione, Mitmacher und Mitläufer im besetzten Frankreich – Marcel Ophüls’ vierstündigen Interviewfilm einer vielstimmigen Geschichte gibt es endlich auf DVD.

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Da sind zum Beispiel Louis und Alexis Grave, zwei wettergegerbte Bauern mit Schiebermützen und grob karierten Hemden, die auf ihrem Acker stehen oder im Keller frisch aus dem Fass gezapften Wein trinken. Von diesem Weinkeller aus organisierten die Brüder in ihrem Dorf den geheimen Widerstand gegen die Nationalsozialisten. Louis Grave wurde verraten und von der Gestapo verhaftet. „Wurden Sie gefoltert, geschlagen?“, will der Interviewer wissen. Grave schaut kurz vom Zigarettendrehen auf: „Ich war ja nicht wegen Kinkerlitzchen dort. Sie hatten zwölf Fallschirme bei mir zu Hause gefunden. Und die Herren wollten natürlich wissen, wo die herkamen.“ Er befeuchtet das Zigarettenpapier. „Haben sie es erfahren?“ – „Oh nein!“ Louis Grave überlebte Buchenwald, heruntergemagert auf 42 Kilo. Welcher Dorfbewohner ihn verraten hat, das weiß er. Aber Rache nehmen wollte er nie. Was an Marcel Ophüls’ Dokumentarfilm Das Haus nebenan (Le chagrin et le pitié) von 1969 vielleicht am meisten beeindruckt, ist die Bescheidenheit und stille Überzeugung der sogenannten einfachen Leute, die damals im Untergrund gegen die deutschen Besatzer kämpften. Es waren einige, aber die Mehrheit kollaborierte, wartete ab, arrangierte sich notgedrungen oder suchte den eigenen Vorteil.

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Diese Erkenntnis sorgte zur Entstehungszeit des Films für scharfe Proteste und einige Verdrängungswünsche. Ophüls hatte sich exemplarisch die Stadt Clermont-Ferrand vorgenommen, einen Ort in der Auvergne, nahe Vichy. Hier war die Résistance aktiv, gleichzeitig war das Zusammenleben mit den Deutschen während des Krieges von großer Kooperation geprägt. Die 35 Interviewpartner – nur eine Frau ist darunter – stammen aus den unterschiedlichsten Schichten und Lebensbereichen: Résistance-Mitglieder, Kollaborateure und aristokratische NS-Bewunderer, „neutrale“ Durchschnittsbürger, deutsche Armeeangehörige, britische Geheimdienstler, französische Politiker, Rechte, Linke ... Ophüls befragt sie zu ihrem konkreten Verhalten im Alltag, zur damaligen und heutigen politischen Einstellung, und so fächert sich ein Panorama aus Handlungsspielräumen, persönlichen Haltungen und Grauzonen auf, an dessen Ende ein vielschichtiges Mosaik von Geschichte entsteht – ergänzt durch Archivmaterial.

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Klar wurde seinerzeit: Das Selbstbild vom im Grunde seines Herzens und Handelns widerständigen französischen Volkes ist ein Mythos. Und so weigerte sich das französische Staatsfernsehen über ein Jahrzehnt lang, Das Haus nebenan auszustrahlen. Ophüls wurde vorgeworfen, sein Film sei unpatriotisch und sabotiere die gemeinschaftsstiftende Legende kollektiven Heldenmuts. Tatsächlich entwickelte sich die dokumentarische Chronik zu einem Wendepunkt in der französischen Auseinandersetzung mit der Besatzungszeit und dem kollaborierenden Vichy-Regime. Was in jüngerer Zeit ein Spielfilm wie Die Kinder von Paris (La rafle, 2010) eher auf der Kitschebene thematisiert, vermittelt sich schon in den während der 1960er Jahre schwarzweiß gefilmten Gesprächsszenen bei Marcel Ophüls: In der besetzten Zone und unter dem unbesetzten profaschistischen Vichy-Regime gab es nicht nur Antisemitismus, sondern auch teils erzwungene, teils bereitwillige und sogar zuvorkommende Unterstützung der antijüdischen NS-Politik.

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In Das Haus nebenan erklärt der Schwiegersohn von Pierre Laval, dem zeitweise wichtigsten Mann von Vichy, sein Schwiegervater sei kein Rassist gewesen. Laval hatte im Sommer 1942 eigenmächtig für die Deportation rund 4000 jüdischer Kinder ins Sammellager Drancy und danach nach Auschwitz gesorgt. Überhaupt wollen die wenigsten in ihrem Alltag mit den antijüdischen Ausgrenzungs- und schließlich Vernichtungsmaßnahmen in Berührung gekommen sein. Die Fähigkeit zu selektiver Wahrnehmung zeichnet auch den ehemaligen Wehrmachtsoffizier Helmuth Tausend aus, der von seiner Stationierung in Clermont-Ferrand viel Gutes berichtet. Zigarrerauchend sitzt er auf der Hochzeit seines Sohnes inmitten der respektvoll lauschenden Familie. Am Revers trägt er stolz seine Orden: Nahkampfabzeichen, Ostmedaille, Eisernes Kreuz, Verwundetenabzeichen, Treueabzeichen ... Auf den Hinweis, dass es ja Menschen gebe, die das Tragen von Nazi-Orden nicht gutheißen, erwidert Tausend: „Aber gucken Sie sich diese Leute mal an!“ Das seien solche, die sich selbst nie einen Orden erdient hätten. Eine andere Erklärung ist gar nicht vorstellbar.

Das Haus nebenan - Plakat

Und so prallen in Das Haus nebenan Welten aufeinander. Ophüls hakt immer wieder nach und schneidet kommentierend, aber er verurteilt seine Gesprächspartner nicht. Für heutige Zuschauerinnen ist das beiliegende Booklet der von absolut medien herausgegebenen DVD-Edition hilfreich, denn hier werden alle Protagonisten vorgestellt. Auch hilft es sicher, sich vor der Ansicht noch einmal kurz mit der Situation Frankreichs und seiner wichtigsten Akteure im Krieg zwischen Vichy unter Marschall Pétain, der Besatzungszone und den Exilaktivitäten Charles de Gaulles zu beschäftigen, um die Zusammenhänge besser zu verstehen. Wer das tut, dem eröffnet sich mit diesem Klassiker der Geschichtsdokumentation ein komplexes Bild politischen Handelns quer durch eine ganze Gesellschaft.

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