Das Haus der schlafenden Schönen
Ein alter verzweifelter Mann, der keinen Schlaf findet, und junge wundervolle Frauen, die narkotisiert wurden. In Das Haus der schlafenden Schönen erzählt Vadim Glowna bedeutungsschwer von Angst, Begierde und Tod.

Die Zeit heilt nicht alle Wunden. Sie macht alles noch schlimmer. Sie macht das Leben zur Qual. Je mehr Zeit man hat, über Schicksalsschläge nachzudenken, umso niedergeschlagener und verzweifelter wird man. So jedenfalls ergeht es Edmond, gespielt von Vadim Glowna, in Das Haus der schlafenden Schönen, geschrieben und gedreht von Vadim Glowna nach einer Romanvorlage von Yasunari Kawabata. Dieser Edmond, ein wohlhabender Unternehmer Ende 60, ist durch und durch bemitleidenswert. Seit bei einem Autounfall vor 15 Jahren seine Frau und seine Tochter starben, befindet er sich in einer einzigen großen Depression.
Er glaubt, seine Frau habe den Unfall mit Absicht verursacht, nur um ihn allein zurückzulassen. So quält er sich durch sein Leben, reich aber tot unglücklich. Einziger Silberstreif in seinem tristen Dasein wird ein zwielichtiges Etablissement. Dort können Männer die Nacht verbringen und sich zu wunderschönen jungen nackten Frauen ins Bett legen. Aber nur das. Die Frauen sind narkotisiert und schlafen die ganze Zeit. Nichts kann sie aufwecken.

Alles in diesem Film kreist um den Tod. Die Stadt im Spätherbst, durch die der lebensmüde Edmond zieht, ist eine Friedhofskulisse über die schwarze Vogelschwärme hinweg fliegen. Der Himmel, die Gebäude, alles ist düster und grau und bedrohlich. Diese Endzeitstimmung vertreiben ausgerechnet die leblosesten Figuren – die schlafenden Schönen. In ihrer Leblosigkeit erscheinen die Frauen noch schöner und makelloser. Engelsgleich räkeln sie sich auf samtenen Betttüchern. Sanfte Farben umgeben ihre Gemächer. Ihre Körper strahlen Wärme und Geborgenheit aus. Die Frauen versprühen mehr Lebensenergie als alle anderen Charaktere. Das kühle und routinierte Handeln der Figuren aus der wirklichen Welt scheint dem Tod näher zu sein als das anschmiegsame Schlafen der Frauen und ihrer Traumwelt. So zeigt Glowna den Tod nicht als Furcht einflößendes Fegefeuer, vor dem man sich so lange wie möglich fernhalten muss, sondern als Erlösung von dem tristen Leben, das – je länger es dauert – alle Menschen malträtiert.
Der Tod wird als schöner und geruhsamer als der Schlaf dargestellt. Etwas, wovor man sich nicht fürchten muss. Den alten Edmond holen die narkotisierten Frauen heraus aus seiner Lethargie. Er öffnet sich ihnen. Schüttet sein Herz aus, ringt mit seiner Geilheit und versucht, sich aus seiner Einsamkeit zu befreien. Glowna erzählt dies in ruhigen, ausdauernden Bildern ohne schnelle Schnitte. Selbst in einer Szene, in der Edmond einer Frau auf der Straße hinterher rennt, verharrt die Kamera in den Einstellungen, obwohl beide schon vorbeigeeilt sind. Der Zuschauer wird mehr und mehr entfernter, neutraler Betrachter. Als sei man an Edmond gerade vorbeigelaufen. Ganz heran lässt Glowna den Zuschauer nicht an den Lebensmüden. Obwohl man sieht, wie er sich nackt über die schlafenden Frauen beugt und von seinem Schmerz weiß, bleibt der alte Mann fremd.

Besonders in den nächtlichen Szenen mit den schlafenden Schönen, in denen er ja eigentlich viel von sich preisgibt. Diese Begegnungen werden von der Kamera wie barocke Gemälde abgebildet. Die pure Schönheit. Selbst der alte Edmond, der den Frauen aus seinem Leben erzählt, passt nach einer Weile in diese makellose Komposition hinein. Was allerdings nicht passt, ist wie Edmond seine Erinnerungen preisgibt. Schildert er Erlebnisse mit seiner Mutter, mit seiner Frau oder aus seiner Kindheit, sieht man fortwährend den alten Mann, der erzählt. Der Zuschauer wartet ein ums andere Mal darauf, diese Erinnerungen in Rückblenden zu sehen und sie nicht nur zu hören. Leider merkt man dem Film an, dass er auf einer Romanvorlage basiert. Allzu oft überfrachtet der Regisseur Szenen mit inneren Monologen, in denen alles abgewägt und beschrieben wird, obwohl man es durch die Bildsprache bereits versteht. Oder er stellt interessante Schilderungen eben nicht dar. Erst kurz vor dem Ende zeigt Glowna kurz eine Szene, in der der kleine Edmond gemeinsam mit seiner Mutter vor dem Spiegel steht.
Warum der Regisseur, der viele Bilder genauestens inszeniert, in anderen Sequenzen dann aber nicht auf die Stärke der Bilder vertraut, ist rätselhaft. So nimmt Glowna dem Haus der schlafenden Schönen die entscheidende Ausdruckskraft. Dem Zuschauer tut Edmond zwar leid, und der Film verbreitet auch eine wirklich niederschmetternde Stimmung. Aber wirklich mit Edmond leiden, kann man nicht. Seine intellektuellen Phrasen und die Distanz der Kamera schotten ihn vor dem Zuschauer ab.
Filmkritik von Johannes Scharnbeck
Veröffentlicht am 02.11.2006
Kommentare zu Das Haus der schlafenden Schönen
Kevin Kopacka 21.02.2007 15:27
Muss dem Vorredner recht geben.
Irgendetwas fehlt ...
Die Atmossphäre ist großteils, dank der herausragenden Kameraführung und der passenden Musik, gut eingefangen. Das düstere Berlin im Spätherbst, auch tagsüber bewölkt. Die bedrückende scheinbar auswegslose Situation der Hauptfigur.
Im Gegensatz dazu die schlafenden Schönheiten, die Wärme und Geborgenheit ausstrahlen und wahrlich etwas berauschendes haben
Möglicherweise als hommage gedacht, hat der Film aufgrund von Morgenmänteln, Tee und Dekoration teilweise etwas "japanisches", was in diesem Fall eher unpassend wirkt, weil es eine andere Richtung einschlägt als der restliche Film.
Die Tatsache, dass es keine Rückblenden gab, fand ich nicht allzu schlimm.
Trotzdem gab es zu viel Unklarheit. Der Film schlägt Richtungen ein, die nicht weiter geführt werden. Man bekommt zwar durch diverse Monologe einen Einblick in Edmond, doch nicht genug, um ihn wirklich begreifen zu können. Die diversen Kurzmonologe der Charaktere haben etwas außergewöhnliches, sind aber nur in der Buchform passend (habe die Romanvorlage zugegebenerweise nicht gelesen). Im Film wirken sie zum Teil überflüssig.
Edmonds Beziehungen zu seinen Mitmenschen (Sekretärin, Chauffeur) ist ebenfalls unklar und darauf wird nicht richtig eingegangen.
Man sehnt sich nach irgendeiner Auflösung. Was hat es tatsächlich mit den "Schlafenden", der Madame, Kogi oder Edmond auf sich?
Soviel Mysterien, die nicht aufgeklärt werden.
Vielleicht liegt das auch an der Romanvorlage.
Im Großen und Ganzen ist der Film atmosphärisch sehr eindrucksvoll (ich hatte sogar das Glück, den Film in einem leeren Kinosaal zu genießen), aber er weiß nicht was er will. Zu viele Wege werden eingeschlagen, aber keiner beendet.
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Film-Angaben
Titel: Das Haus der schlafenden Schönen
Deutschland 2006
Laufzeit: 103 Minuten
Regie: Vadim Glowna
Drehbuch: Vadim Glowna
Produktion: Vadim Glowna, Raymond Tarabay
Darsteller: Vadim Glowna, Angela Winkler, Maximilian Schell, Birol Ünel, Mona Glass
Kinostart: 02.11.2006
DVD-Angaben
Titel: Das Haus der schlafenden Schönen
Vertrieb: Galileo Medien AG
Bild: 2,35:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1)
Untertitel: keine
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Spieldauer: 103 Minuten
Extras: Interview
Verleih ab: 17.01.2008
Verkauf ab: 25.01.2008
Copyright Das Haus der schlafenden Schönen
Fotos: © Atossa Film Produktion
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