Das Haus der lachenden Fenster

Mord als Kunst. Ein italienischer Horrorklassiker über einen Maler, der sich seine Märtyrer selbst schafft. 

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Bildliche Darstellungen von Märtyrern haben oft eine seltsame Eigenheit. Der Gesichtsausdruck bleibt von den zu erleidenden Qualen unberührt, wirkt völlig losgelöst vom weltlichen Schmerz. In Pascal Laugiers Horrorfilm Martyrs (2008) geht es um eine obskure Vereinigung, die in der Gegenwart nach wahren Märtyrern sucht. Als Eignungsprüfung werden die Opfer einfach so lange gefoltert, bis sich dieser besondere Ausdruck in der Mimik einstellt, oder eben nicht.

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Über drei Jahrzehnte früher erzählte der italienische Regisseur Pupi Avati in Das Haus der lachenden Fenster (La casa dalle finestre che ridono, 1976) von einer anderen Art der Märtyrer-Darstellung. Ein Fresko des Heiligen Sebastian zeichnet sich gerade nicht durch das unbeteiligte Gesicht des Porträtierten aus, sondern verdeutlicht mit grauenvoller Detailverliebtheit die Pein des Leidenden. Der junge Restaurator Stefano (Lino Capolicchio) kommt in ein Dorf nahe Ferrara, um dieses Bildnis zu neuem Leben zu erwecken, und stößt damit bei der Bevölkerung auf wenig Gegenliebe. Bald erfährt er, dass der Maler ein sehr eigenwilliges Erfolgsrezept hatte: Er malte Menschen, während sie im Sterben lagen, und später, mit zunehmendem Wahnsinn, halfen er und seine beiden Schwestern beim Sterben ihre Modelle für die Kunst auch nach. Das Leiden des Heiligen Sebastian zeigt Avati gleich an zwei Stellen. Einmal verfremdet durch eine expressionistische Malweise und einmal, ganz direkt, als vermeintliches Snuff-Video im verstörenden Vorspann.

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Erst vor einigen Wochen brachte das DVD-Label cmv Laservision mit Zeder – Denn Tote kehren wieder (Zeder, 1983) einen der wenigen Horrorfilme aus Avatis umfangreicher und vielseitiger Filmografie heraus. Jetzt ist mit Das Haus der lachenden Fenster auch sein bekanntester Genrebeitrag in Deutschland erhältlich, der Zeder in mehrfacher Hinsicht ähnelt. Beide Filme handeln etwa von einem Protagonisten, der als Amateur-Detektiv einer Verschwörung auf den Grund geht, beide widmen sich immer wieder einer kitschigen Liebesgeschichte, die für die Handlung eigentlich keinerlei Bedeutung hat, und beide sind an morbiden Schauplätzen in der Emilia-Romagna angesiedelt – Avatis Heimat.

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Das fiktive Dorf im Film ist ein Ort, der vergessen wurde. Mit seinen Kanälen und Renaissance-Bauten sieht es fast aus wie ein kleines Venedig, nur ohne Touristen. Eine missgestimmte Vermieterin sagt, die letzten Besucher wären die „deutschen Schweine“ während des Zweiten Weltkrieges gewesen. Tatsächlich scheinen die Grausamkeiten des Krieges überall ihre Spuren hinterlassen zu haben. Die Kirche war einmal ein Bunker der SS, und es ist wohl auch kein Zufall, dass sich die degenerierte Künstlerfamilie nach Brasilien abgesetzt hat – in jenen beliebten Zufluchtsort für Nazis, die es sich leisten konnten.

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Das Haus der lachenden Fenster kombiniert die Whodunit-Struktur des Giallos mit Versatzstücken eines atmosphärischen Horrorfilms. Avati weiß auf die düstere Stimmung realer Bauwerke zu vertrauen und sie mit quietschenden Toren und knallenden Fensterläden genrekompatibel zu nutzen. Im Vergleich zu Zeder ist Das Haus der lachenden Fenster stärker in sich geschlossen, und seine Schwächen kommen auch nicht so geballt zum Einsatz, sondern sind gleichmäßiger auf den ganzen Film verteilt. Die Handlung entwickelt sich teilweise etwa sehr langsam, verliert sich gerne in Nebensächlichkeiten und lässt das Potenzial archetypischer Genremomente ungenutzt. Dem Prozess des Restaurierens widmet sich Avati zunächst ebenso ausführlich wie den skurrilen Bewohnern, unter denen sich eine nymphomane Grundschullehrerin und ein auf die Zubereitung von Ratten spezialisierter Dorfdepp befinden.

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So ein gleitender Fokus ist im italienischen Genrekino dieser Zeit nicht unüblich. In vielen Filmen trifft man auf durchgeknallte Ideen, stimmungsvolle Settings und mitreißende Soundtracks. Stringente und spannende Drehbücher gehören allerdings nicht zu den Stärken italienischer Horrorfilme. Legt man zu viel Wert auf diesen sicher nicht unwichtigen Aspekt eines Films, bleibt einem wohl auch dessen Reichtum auf anderen Ebenen verborgen. Die kleinen Irritationen und Unsinnigkeiten, die man etwa im amerikanischen Genrekino vergleichsweise selten trifft. Warum ist etwa der Kühlschrank von Stefanos Angebeteter voller Schnecken, und wem gehört die Hand in der Schlusseinstellung?

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Ähnlich ungewöhnlich ist auch die Überschreitung von Geschlechtergrenzen, die sich motivisch durch Das Haus der lachenden Fenster zieht. In einer Szene ist das unheimliche Selbstporträt des Malers zu sehen, der aus Mangel an Modellen einfach den eigenen Kopf auf einen Frauenkörper setzt. Die Auflösung des Films ist dann auch gerade deshalb so schockierend, weil das Geschlecht bei der Suche nach dem Mörder kein Ausschlusskriterium mehr ist. In diesem doch recht bemerkenswerten Genrebeitrag muss man sowohl auf einen Täter als auch auf eine Täterin gefasst sein.

Trailer zu „Das Haus der lachenden Fenster“


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