Das Haus aus Sand und Nebel

Jennifer Connelly und Ben Kingsley brillieren als ungleiche und sich doch ähnliche Besitzer des gleichen Hauses. Ihre Tragödie erzählt der existenzialistische Film in ausgewogen komponierten Bildern und sparsamen Dialogen. Bereits mehrfach ausgezeichnet (u.a. drei Oscar-Nominierungen) stellt sich mit diesem Debüt ein erstaunlicher neuer Regisseur vor: Vadim Perelman.

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„Is this your House?“, fragt ein Polizist Kathy (Jennifer Connelly). Für die Beantwortung dieser eigentlich simplen Frage lässt sich der Film Zeit, genauer gesagt besteht er aus der Beantwortung dieser Frage, über die sich Kathy erst zum Schluss klar werden wird; erst wenn diese Szene dann noch einmal wiederholt wird, ist sie in der Lage, eine eindeutige Antwort zu geben.

Was zwischen Beginn und Ende dieser kurzen Szene abläuft, ist der amerikanische Debütfilm des russischen Immigranten Vadim Perelman. Er erzählt zunächst zwei im Grunde alltägliche Geschichten. Da ist einmal die arbeitslose Kathy, die in einem kleinen, von ihrem Vater geerbten Haus wohnt. Eines Morgens wird sie von Staatsangestellten geweckt, die ihr ein Papier vorlesen, aus dem hervorgeht, dass sie wegen Steuerschulden zu enteignen sei. Nun hätte sie ein paar Stunden Zeit, ihr Haus zu räumen, das dann zwangsversteigert werden würde. Mit Hilfe einer Anwältin versucht Kathy zwar, das Haus zurück zu bekommen, aber alle Versuche scheitern.

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Parallel dazu wird die Geschichte des Immigranten Behrani (Ben Kingsley) erzählt, der in mehreren Jobs – z.B. als Straßenbauarbeiter und Tankwart – arbeitet, die er vor seiner Frau und seinem Sohn geheim zu halten sucht. Damit finanziert er deren Leben in einem luxuriösen Hotel – ein Leben, an das die Familie Behranis gewöhnt ist; im Iran war er einst gutbezahlter Colonel. In einer Anzeige liest er von der Zwangsversteigerung des Hauses und erwirbt es von seinen letzten Ersparnissen zu einem Spottpreis. Sein Ziel ist es, das Haus so schnell wie möglich zum tatsächlichen, etwa viermal so hohen Preis, wieder zu verkaufen, um mit dem Gewinn seiner Familie ein neues Leben in Amerika aufbauen zu können.

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Was sich aus diesen beiden Handlungssträngen entwickelt, liegt auf der Hand und doch ist die Stringenz und Schnörkellosigkeit, mit der Vadim Perelman seine Figuren in einen Clash of Civilisations führt, in mehrerer Hinsicht beeindruckend. Das beginnt schon bei deren erster Begegnung. Mit einem Glas Tee in der Hand geht der stilvoll gekleidete Behrani auf die Straße vor nunmehr seinem Haus und sieht Kathy in ihrem Auto; sie schläft und ist mit ihrer alten Jeansjacke nur notdürftig zugedeckt. Eine Begegnung ohne ein Wort, in der Kathy Behrani gar nicht sieht und er nicht weiß, wer sie ist. Kurz darauf will Kathy Bauarbeiter, die an „ihrem“ Haus arbeiten, zur Rede stellen. Dabei verletzt sie sich am Fuß und wird von den Arbeitern zum Haus getragen. Die Frau Behranis, Nadi, öffnet – und ist sofort bereit, Kathy, die sie gar nicht kennt, im Bad zur Seite zu stehen, sie wäscht ihr den Fuß und verbindet ihn. Die muslimische Geste der Fußwaschung – die auch im Christentum nicht unbekannt ist – steht als Symbol für vorbehaltlose Gastfreundschaft, hier die der immigrierten Iranerin; eine Höflichkeit, die Kathy fremd ist und in der sich die einsame Amerikanerin sofort wohl fühlt. Dass diese und ähnliche Szenen ganz ohne den im amerikanischen Kino sonst gern genutzten Kitsch auskommen, verdankt sich vor allem der Darstellung Shohreh Aghdashloo, die für die Rolle der Nadi inzwischen mehrfach ausgezeichnet wurde.

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Kathys Besitzansprüche auf das Haus sind berechtigt – ebenso wie die Colonel Behranis. Diese Gleichberechtigung der Figuren ist es vor allem, die den Film so interessant macht. Für den Zuschauer sind sie alle gleich sympathisch oder unsympathisch – wie sie sich gegenseitig am Unglück der anderen zugleich schuldig machen und dennoch unschuldig bleiben. Die existenzialistische Sicht auf den Kampf um dieses Haus, der ausgefochten wird von einer christlich-säkularisierten Amerikanerin und einem muslimisch-tiefgläubigen Iraner ist zugleich der Kampf um die Welt. Er wird subtil gestaltet und lässt sich auf mehreren Ebenen lesen. Adäquat zu dieser, man möchte fast sagen Objektivität der Erzählung, präsentiert der große Kameramann Roger Deakins (Kundun, 1998) seine Bilder. Kühl, aber nicht distanziert, fast dokumentarisch und dennoch künstlerisch zeigt er diesen Ausschnitt der Welt, der zugleich mehr ist als das.

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Ein weiteres Erlebnis dieses Filmes ist das Zusammenspiel der Hauptdarsteller Ben Kingsley und Jennifer Connelly. Der Brite kann nach einigen schwächeren Rollen wieder eine subtile und zugleich unaufdringliche wie ergreifende Figur präsentieren, deren Tiefe er oft nur mit einem Blick oder einer Geste zu beschreiben vermag. Auch Jennifer Connelly zeigt sich – durch ihr Oscar-gekröntes Comeback in A Beautiful Mind (2001) gestärkt – als reife Schauspielerin, der es scheinbar mühelos gelingt, den Entwicklungsprozess einer Durchschnittsamerikanerin in einer so komplexen Story darzustellen. Einer Geschichte, an deren Ende der Iraner Behrani die Hilflosigkeit des Individuums endgültig und definitiv beantwortet und sich auch für die Amerikanerin Kathy die Besitzverhältnisse um das Haus und um die Welt geordnet haben werden.

Trailer zu „Das Haus aus Sand und Nebel“


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