Das große Museum

Das große Museum und die vielen kleinen Hände: Neugierig schaut Johannes Holzhausen dem Kunsthistorischen Museum in Wien dabei zu, wie es sich selbst porträtiert.

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Der Film fängt die Exponate nicht in ihrer erhabenen Permanenz ein, er lässt den Zuschauer nicht in andächtiger Ehrfurcht vor dem Kulturerbe verharren. Stattdessen zeigt er rastlosen Fleiß, Menschen, die zärtlich mit ihren Arbeitsobjekten ringen: kleine Hände, die unendlich behutsam ertasten, beleuchten, wischen, pinseln, tragen. Die Kamera lässt uns nie allein mit den Kunstwerken: Immer wird etwas an ihnen gemacht, immer sind sie Teil dieser großen, kontinuierlichen Bewegung, die das gesamte Haus zu erfassen scheint, gleichsam einer Symphonie des Handwerks, in der sich die Stimmen schließlich zu einer gewaltigen Fülle überlagern. Zugleich ist diese Kamera eine schüchterne, zurückhaltende; sie ist nicht da, um ein filmisches Gemälde aufzuspannen, um das Kunsthistorische Museum als großes Kunstwerk in einen filmischen Rahmen zu drücken, mag er noch so schön sein. Nein, seine Kamera ist in erster Linie eine Zuschauerin; neugierig, verschmitzt und von der ersten Sekunde an unwiderstehlich in den Bann des Ortes geraten.

Der Staubsauger als Soundtrack

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Das große Museum ist ein Film, der sich vor diesem Ort verneigt und ihm so viel Raum wie möglich geben will. Regisseur Johannes Holzhausen verzichtet gänzlich auf fremde Einsprengsel, auf alles, was den Zuschauer aus dem treibenden Fluss der Beobachtungen reißen könnte. Gebannt schaut man den Menschen bei ihrem Tun zu, kann den Blick kaum von ihnen lösen, bangt innerhalb der Mikrodramen, die der Arbeitsalltag aufspannt. Holzhausen widersteht auch der Versuchung, die opulenten Räume mit Musik zu füllen. Eine anfängliche Abfolge von staubsaugenden Mitarbeitern offenbart etwa die Vielfalt des Staubsauggeräuschs. So findet der Film seinen eigenen Soundtrack, dem Ort angemessener, als es Musik sein könnte.

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Holzhausen zelebriert die Neugier für das Detail, und es macht wahrlich glückselig, es ihm gleichzutun. Das große Museum kennt keine Hierarchie der Bilder, übrigens auch keine Trennung von Sakralem und Profanem, was an einer so erhabenen Stätte erstaunen mag. Nicht nur das unmittelbare Werkeln an den Kunstobjekten ist zu sehen, sondern auch jener Bereich, der zumeist mit Anglizismen beschrieben wird: Management, Marketing, Benchmarking, Corporate Branding. In einer der interessantesten Aufnahmen des Films saust ein Mitarbeiter auf einem Tretroller durch schöne, alte Räume und kommt schließlich vor einem Drucker zum Stehen. Solche Einblicke streut Holzhausen immer wieder ein – wenn etwa der Direktor der Hofjagd- und Rüstkammer amüsiert das neue Leitbild des Museums verliest und feststellt: „Ich glaube, das gilt auch für Zahnpasta.“ Dann legt er Weichkäse und Walnüsse auf die Sohlbank, für die Krähen.

Ist Kunst für immer gedacht?

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Niemals geht es Holzhausen um die Verteidigung der Kultur gegen den niederen Kommerz, und das Gesicht des Kunsthistorischen Museums als Budgetposten und Tourismusdienstleister ist kein entzauberndes, das Schatten wirft auf die Integrität der Institution. Das große Museum zeigt einen Spagat, ohne in überspitzter Form Gegensätze zu konstruieren. Ganz im Gegenteil: Wir sehen einen gewaltigen, aber runden Organismus, in dem alles seine Ordnung, seinen Platz hat, und der eine beruhigende Permanenz ausstrahlt. Zu den anrührendsten Szenen gehört die Verabschiedung des eben erwähnten Direktors der Hofjagd- und Rüstkammer, der in den Ruhestand versetzt wird. Ein Augenblick, der traurig stimmt und in dem deutlich wird, dass das Museum seine eifrigen Helfer überdauern wird; das gigantische Räderwerk geht über den Einzelnen und dessen Lebenszeit hinaus. Aber auch die Vergänglichkeit der Werke drängt sich in den Vordergrund. Sie sind gebrechlich und pflegebedürftig, liegen da wie auf Seziertischen, Gegenstand liebevoller Emsigkeit. Ist Kunst für immer gedacht?

Das Museum spricht Bände

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Mögen die Meetings zu Budget, Zinsen und Layout der Jahreskarten den Zauber nicht brechen, so gibt es dennoch einen kleinen, sehr interessanten Bruch, der den Zuschauer aus seiner andächtigen Immersion im Museum reißt. Nach der Hälfte des Films verlässt die Kamera zum ersten Mal das Innere des Gebäudes und schaut zu, wie der rote Teppich für den Staatsbesuch des österreichischen Bundespräsidenten ausgerollt wird. Ein abrupter Schnitt, nicht unähnlich dem Moment, in dem sich der Kinosaal wieder erhellt und das Gesehene plötzlich nicht mehr reine Gegenwartserfahrung ist. Als man wieder in das Museum gelangt, an der Seite des Bundespräsidenten, steckt man im Gefolge des Staatsoberhaupts fest; im Mittelpunkt stehen nicht mehr die Objekte und die fleißigen Hände. Eine zarte Kritik am Staatstragenden der Institution, ein kleiner Seitenhieb auf das Repräsentationsbedürfnis? Auch in dieser Szene schweigt Johannes Holzhausen, seinem Leitmotiv getreu: Das Museum spricht Bände.

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