Das größte Spiel der Welt

Die Fußball-WM ist ein Großereignis. Nicht nur in Deutschland, sondern rund um den Globus. Welche Strapazen die Indios im Urwald oder die Tuareg in der Wüste auf sich nehmen, um ihrer Leidenschaft zu frönen, zeigt Das größte Spiel der Welt.

 

 

Das größte Spiel der Welt

„Access“ ist für Jeremy Rifkin der Schlüsselbegriff für eine neue Form des Kapitalismus. An die Stelle von Produktion und Eigentum tritt die Spaß- und Ereignisgesellschaft. Bezahlt wird nicht mehr für Gegenstände, Hab und Gut, sondern für den Zugang zu Erlebnissen oder den Zugriff auf Informationen. Ein solches Ereignis, das die Massen rund um den Globus anzieht, ist die Fußball-WM.

Hierzulande schlägt sich der Kampf um die Fernsehbilder aus den Stadien vor allem im Wettbewerb der öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern um Übertragungslizenzen nieder und in der Frage, welche Kneipe die größte Leinwand oder die besten Sitzplätze biete. Andere Völker dieser Erde haben dagegen noch mit ganz anderen Schwierigkeiten zu kämpfen – von diesen handelt der Episoden-Spielfilm Das größte Spiel der Welt (La gran final).

Hinter das große Fußballspiel treten alle Banalitäten des Alltags zurück, so schnöde Dinge wie der Überlebenskampf, je nach Region die Jagd nach Füchsen oder Affen fürs Mittagessen. Egal ob im brasilianischen Amazonas-Dschungel, der nigerischen Téneré-Wüste oder dem mongolischen Altai-Gebirge, die Männer haben – so jedenfalls schildert es Regisseur Gerardo Olivares – nur eins im Kopf: rechtzeitig und live „Access“ zum Spiel aller Spiele, Brasilien gegen Deutschland, dem Endspiel der WM 2002, zu bekommen. Das heißt, den Fernseher im richtigen Moment zugleich mit Strom wie auch mit Empfang auszustatten. Den Indios fehlt ein Kabel, den Tuareg die Antenne, den Mongolen der Strommast und schließlich dann noch ein Stromzähler, wie ihnen nach langen Wanderungen die im falschen Moment erscheinende staatliche Soldateska mitteilt.

Das größte Spiel der Welt

Dass die Globalisierung zumindest in Form ihrer transportablen Produkterzeugnisse inzwischen auch das hinterletzte Dorf erreicht hat, mag so neu nicht sein. Doch zu sehen, dass der Fußballer Ronaldo selbst in der Einöde des mongolischen Altai-Gebirges oder bei den eingeborenen Stämmen im Amazonas-Dschungel kein Unbekannter mehr ist und dass im Zelt des Mongolen ein Fernseher einen genauso zentralen Platz einnimmt wie auf dem Kamelrücken der Tuareg-Karawane in der Sahara, ist dann doch etwas anderes. Hier fließen Erfahrungen ein, die Regisseur Gerardo Olivares auf zahlreichen Reisen als Dokumentarfilmer für das spanische Fernsehen sammelte. Sie schlagen sich auch in der Ästhetik des Films nieder. Die atemberaubenden Tieraufnahmen und Landschaftsbilder, die Gesichter und Charaktere der Menschen aus diesen Landschaften, sie machen die Stärken dieses Spielfilmdebüts aus.

Die Schwächen liegen allerdings in der Story. Ein großartiges Konzept wird hier in flachen Dichotomien verschenkt. Natürlich sind die Frauen klassisch desinteressiert. Natürlich sind es die Autoritätsfiguren der Tuareg und Staatssoldaten, die die deutsche Mannschaft anfeuern – Disziplin und Ordnung! – während die lebensfrohen Schwarzen und Mongolen aus den Zelten mit den Brasilianern fiebern, die symbolisch für Party und die Dritte Welt stehen. Die Indios wiederum jagen dann doch sehr komödiantenhaft nach einem Kabel durch den Wald. In dieser Übertriebenheit zeigt der Film aber auch deutlich, dass die Darsteller ihre Aktionen selbst als großes (Schau)Spiel auffassen. Wir sehen den Indios beim Indianerspielen zu, und das macht das Ganze auf eine verquere Art fast schon wieder sympathisch. Die aktive Selbstinszenierung der Laien-Darsteller gibt Das größte Spiel der Welt eine Art neuen „Globalisierungsdreh“ und wirft den Blick der teilnehmenden Beobachtung auf uns Europäer zurück.

 

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