Das Grab der Sonne

Nagisa Oshima war der politischste und radikalste unter den japanischen Kinoerneuerern.  Eine äußerst verdienstvolle DVD-Edition ermöglicht nun einen Einblick in das Frühwerk. Den Anfang macht sein vierter Film Das Grab der Sonne.

Das Grab der Sonne

Der Agitator ist ein Lumpenproletarier, der irgendwo in den Slums Osakas haust und Blutkonserven auf dem Schwarzmarkt verkauft. Er schwadroniert bei jeder Gelegenheit von der Größe des japanischen Kaiserreichs, das er aus den Trümmern einer im zweiten Weltkrieg gedemütigten Nation auferstanden sehen möchte, er schimpft über Kommunisten und Studentenproteste. Sein ganzer Stolz und seine letzte Hoffnung ist eine Handgranate aus dem zweiten Weltkrieg und am Ende des Films wird der Agitator diese Handgranate einzusetzen wissen gegen die verkommenen Überreste einer glorreichen Vergangenheit.

Das Grab der Sonne

Nagisa Oshima gilt als wichtigster Vertreter der neuen Welle des japanischen Kinos, das ungefähr zeitgleich mit der französischen Nouvelle Vague begann, ein Nationalkino sowohl in seiner Form als auch in seinen Inhalten zu revolutionieren. Oshima war der explizit politischste Vertreter dieser Bewegung, er engagierte sich in den Studentenprotesten, die erstmals 1959/60 parallel mit der Geburt des neuen japanischen Kinos, in radikalisierter Form zehn Jahre später gegen Westbindung, Kapitalismus und den inhärenten Konservatismus der Dauer-Regierungspartei LDP mobil machten. Trotz der unbestrittenen filmhistorischen Relevanz Oshimas war lange Zeit nur ein kleiner Ausschnitt aus seinem umfangreichen Werk einem breiteren Publikum ein Begriff: die pornografischen Skandalfilme Im Reich der Sinne (Ai no corrida, 1976) und Im Reich der Leidenschaften (Ai no borei, 1978), das Kriegsgefangenendrama Happy Christmas Mr. Lawrence (1983) mit David Bowie und höchstens noch die französische Produktion Max mon amour (1986). Erst jetzt beginnt sich dies langsam zu ändern. 

Das Grab der Sonne

Seit letztem Jahr tourt eine Filmschau seines Gesamtwerks – minus der Fernsehproduktionen – durch Amerika und Europa. Passend dazu eröffnet das Label polyfilm video seine äußerst ambitionierte Reihe „Japanische Meisterrgisseure“ mit vier hierzulande bislang nicht verfügbaren Werken Oshimas. Unter diesen macht wiederum Das Grab der Sonne (Taiyo no hakaba) den Anfang, Oshimas vierter Film und, eines der kompromisslosesten Werke des Regisseurs überhaupt.

Das Grab der Sonne

Das Grab der Sonne: Die japanische Militärflagge, bis heute höchst umstritten als Symbol der japanischen militärischen Aggression vor allem gegen die asiatischen Nachbarstaaten im Pazifikkrieg, zeigt eine blutrote Sonne auf weißem Hintergrund. Oshimas Film ist durchdrungen von Verweisen auf die imperiale Vergangenheit, er beharrt auf einer Kontinuität von Gewalt, Intoleranz und Brutalität. In der Gegenwart sind nicht nur Frauenkörper käuflich, ganz buchstäblich wird die organische Grundlage menschlichen Lebens im Blut zur Ware. Einer, der sich gar nicht mehr zu helfen weiß, verkauft seine Geburtsurkunde und ausgerechnet der ausländerfeindliche Agitator schleust mit derartigen Dokumenten illegale Einwanderer ins Land. Das Grab der Sonne ist ein komplett durchbrutalisierter Film. Osaka als subproletarische, intolerante Hölle auf Erden, Trinkgelage in heruntergekommenen Kneipen; der Grundzustand des Menschen in der Gemeinschaft ist der Mob. Immer wieder Szenen unglaublicher Brutalität, die wie aus dem Nichts kommen und aus denen für die Handlung zunächst wenig folgt. Ein Liebespaar liegt auf einer Wiese und küsst sich. Der Mann wird bewusstlos geschlagen, die Frau vergewaltigt. Später bringt sich der Mann aus Scham um, eine Gangsterbraut lacht ihn aus. Er hätte statt dessen den Vergewaltiger töten sollen. Für romantisch-sexistische Ehrbegriffe ist im neuen Japan kein Platz mehr.

Das Grab der Sonne

Der Agitator ist nur eine unter vielen kaputten Gestalten, denen man in diesem Film begegnet, wenn auch die, an der der politische Einsatz Oshimas am deutlichsten wird. Das Grab der Sonne entfaltet sich, begleitet von einem hypnotischen Soundtrack, dessen Gitarrentremoli die erst einige Jahre später auftauchenden Italowestern evozieren, als dystopisches Gesellschaftspanorama einer japanischen Gegenwart, in der die kaum aufgearbeiteten Schrecken der Vergangenheit und die sozialen und politischen Probleme der Gegenwart eine unheilvolle Allianz eingehen. Da gibt es zum Beispiel Takeshi, einen naiven Jungen, der von der Straße weg von einer Gang rekrutiert wird. Ein sanftes, willenloses Gesicht, formbar und brutalisierbar. Es wird nicht lange unschuldig bleiben. Oder Hanako, eine ehemalige Prostituierte, die sich in der kriminellen Hierarchie hochkämpft und gelernt hat, zurück zu schlagen. Oder Batasuke, ein Alkoholiker, der von seiner Frau an der Nase herumgeführt wird und noch nach seinem Selbstmord von den Nachbarn verspottet wird.

Das Grab der Sonne

Oshimas Kritik ist immer auch eine Kritik am japanischen Kino und dessen (in Oshimas Analyse) inhärenten Konservatismus. Bild für Bild wird das klassische Studiokino des Landes, gegen das sich der Regisseur gerade zu Beginn seiner Karriere noch radikaler positionierte als seine Mitstreiter, zuerst aufgerufen und dann kaputt gemacht: Ozus Bahngleise, Mizoguchis leidende Frauen, immer wieder Sonnenauf- und -untergänge. Am Ende eine Montage zerfurchter, dreckiger, kaputter Gesichter, Physiognomien, die im japanischen Kino vorher keinen Platz hatten und die jetzt mit aller Macht einen solchen beanspruchen. Kaum zu glauben, dass dieses düstere Meisterwerk bereits im Jahr 1960 entstanden ist, also noch zu Lebzeiten Yasujiro Ozus. Die Reihe „Japanische Meisterregisseure“ ist auch deshalb von besonderem Interesse, weil polyfilm angekündigt hat, neben Filmen Oshimas, Yoshitaro Nomuras und Keisuke Kinoshitas auch elf Filme des Meisters des Shomingeki, des ruhigen, undramatischen Familienfilms ebenfalls größtenteils erstmals im deutschen Sprachraum zu veröffentlichen. Von Das Grab der Sonne bis zu Ozus letztem Film Ein Herbstnachmittag (Sanma no aji, 1962) wird die Reihe führen und damit tatsächlich einmal komplett durch die ideologischen und stilistischen Parameter der japanischen Filmgeschichte der Nachkriegszeit.

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