Das Glück in kleinen Dosen
Nahezu regelmäßig wird das amerikanische Vorstadt-Idyll filmisch demontiert. Regiedebütant Arie Posin eröffnet in Das Glück in kleinen Dosen (The Chumscrubber) mit Antidepressiva und gewalttätigen Computerspielen ein weiteres Kapitel.

Zu Beginn verwandelt sich die Computeranimation einer scheinbar perfekten mittelständischen Vorstadtsiedlung in den Schauplatz des Films: Hillside, ein sonnendurchfluteter Vorort im Westen Amerikas, der von seinen Bewohnern als die beste aller Welten gepriesen wird. Doch der Film fackelt nicht lange und demaskiert diese Idylle bereits in den ersten Filmminuten als reine Fassade. In der Schule der Hauptfigur Dean (Jamie Bell) wird munter mit Antidepressiva und sonstigen Drogen gedealt, sein bester Freund Troy begeht von allen unbemerkt Selbstmord und seine Mitschüler wollen dessen Drogenvorräte von Dean erpressen, indem sie seinen kleinen Bruder entführen.
Das Grundkonzept das amerikanische Suburbia zu entmystifizieren ist mit Sicherheit nicht neu auf der Kinoleinwand, doch Das Glück in kleinen Dosen gewinnt dem Thema noch mal mit den Motiven der salonfähigen Gesellschaftsdrogen vom Psychotherapeuten und den Gewalt-Computerspielen eine neue Variante ab. Zweites nimmt keine bedeutende Rolle in der Handlung ein, kommt aber dann ästhetisch zum Wirken, wenn sich Grafiken aus dem für den Originaltitel verantwortlichen Computerspiel „The Chumscrubber“ mit der filmischen Realität vermischen oder zum Schluss die gruselig verzerrte Computerstimme aus dem Off die Handlung fortführt. So nähert sich das Vorstadt-Idyll dem apokalyptischen Szenario von „The Chumscrubber“ immer weiter an.

Antidepressiva hingegen sind nicht nur der Auslöser für die etwas konstruiert wirkende Kidnapping-Story, sie sind auch ein ansonsten allgegenwärtiges Handlungselement. Sowohl die erwachsenen Figuren des Films wie auch deren Kinder pumpen sich damit voll. Dean bekommt die Pillen sogar von seinem Vater – selbst ein Psychotherapeut – verschrieben, um in der Realität klar zu kommen. Die beste aller Welten lässt sich offensichtlich nur durch den stetigen Gebrauch von Drogen ertragen.
Die friedliebende Nachbarschaft von Hillside ist eingetaucht in ein fast schon grelles Sonnenlicht, das sämtliche Farben verblassen lässt. Ansonsten dominieren sanfte Pastelltöne, die selbst schon wie ein weichzeichnender Drogenrausch wirken. Im Übrigen weist Regieneuling Posin stilistisch noch keine sichere Handschrift vor. So bleiben die Versuche den zunehmenden Realitätsverlust der Figuren im Drogenrausch abzubilden eher zaghaft. Die Hauptfigur Dean wird von Halluzinationen der im Spiegel baumelnden Leiche seines Freundes Troy verfolgt, der Rest seiner inneren Verzweiflung ist lediglich dem Gesicht von Jungstar Jamie Bell zu entnehmen, der diese Bürde aufopfernd trägt.

Das Figurenkarussell in Hillside bildet im Laufe des Films zwei Paralleluniversen, zwischen denen sich eine unsichtbare Verständigungsbarriere befindet. Auf der einen Seite die Erwachsenen, auf der anderen deren heranwachsende Kinder. Die Berührungspunkte zwischen diesen Welten bestehen aus gnadenlosem Aneinander-Vorbei-Reden, welches fast schon genussvoll seziert wird, wenn beispielsweise Deans Familie am Frühstückstisch zusammenkommt und alle Gesprächsansätze im Sande verlaufen. Auch als die Jugendlichen ihren Eltern und der Polizei die Entführung gestehen, ernten sie lediglich als Verständnis getarntes Desinteresse. Überhaupt kommt hier die Welt der Erwachsenen nicht sehr gut weg, denn es dominieren ignorante Selbstbezogenheit und stumpfsinnige Oberflächlichkeit, wo Auflaufformen sinn- und herrenlos in der Nachbarschaft herumgereicht werden und gestandene Politiker sich Tiervisionen hingeben.
Ernstere Themen beschäftigen lediglich die Jüngeren. Doch auch hier werden psychologische Konflikte zwar angerissen aber nicht ausgelotet. Im allgegenwärtigen Drogenrausch verlieren nicht nur die Figuren den Durchblick, auch die Handlung gerät ein wenig aus der Bahn, bis sie sich in ein wildes Finale rettet, bei welchem die Trauerfeier für Troy und die Hochzeit des Bürgermeisters gleichzeitig stattfinden und in einer filmischen Symbiose kulminieren.

Einige Schwächen im Handlungsgerüst nimmt Das Glück in kleine Dosen mit einem Augenzwinkern in Kauf, komische und teilweise surreale Elemente konterkarieren hin und wieder den stringenten Handlungsverlauf. Gerade auf den Nebenschauplätzen entwickeln sich dabei aberwitzige Szenen, in denen meist namhafte Darsteller – allen voran Glenn Close und Ralph Fiennes – zu brillieren wissen. Nicht zuletzt daher verwahrt sich der Film trotz seiner tragischen Untertöne noch den Charakter einer schwarzen Komödie mit einem feinen Gespür für vorstädtische Sonderbarkeiten.
Filmkritik von Rouben Bathke
Veröffentlicht am 28.09.2006
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Film-Angaben
Titel: Das Glück in kleinen Dosen
Originaltitel: The Chumscrubber
USA 2005
Laufzeit: 108 Minuten
Regie: Arie Posin
Drehbuch: Zac Stanford
Produktion: Lawrence Bender, Bonnie Curtis
Darsteller: Jamie Bell, Camilla Belle, Lou Taylor Pucci, Ralph Fiennes, Carrie-Anne Moss, Glenn Close, Rita Wilson
Kinostart: 05.10.2006
DVD-Angaben
Titel: Das Glück in kleinen Dosen
Vertrieb: e-m-s new media
Bild: 2,35:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 103 Minuten
Extras: Making of; Deleted/Extended Scenes; Audiokommentar von Regisser Arie Posin; Originaltrailer; Bildergalerie
Verleih ab: 16.04.2007
Verkauf ab: k.A.
Copyright Das Glück in kleinen Dosen
Fotos: © 3L
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