Das Gesetz der Ehre

It’s a family affair … Die O’Connors haben einen Film über die Tierneys gedreht, bei dem jeder bekommt, was er verdient.

Das Gesetz der Ehre

Helle Sonnenstrahlen illuminieren eines der archetypischen braunen Backsteingebäude, die den Look der berüchtigten Bronx definieren. Ein Moment des Innehaltens, doch nicht des Verweilens. In der schnell folgenden nächsten Einstellung hat sich das Bild verdunkelt, Ray (Edward Norton) hetzt das düstere Treppenhaus hinauf, bis er auf seinen Schwager Jimmy (Colin Farrell) trifft. Wenig später ist der gesuchte Hauptverdächtige eines vierfachen Polizistenmordes tot und das Familiengefüge endgültig zerrüttet.

Die Polizei als Einheit – mit dem Schriftzug „Finest“ auf ihrem Rücken setzen die New Yorker Cops gegen Detroit ihren Siegeszug in der Branchen-Footballliga fort. Angeführt im prasselnden Regen vom Quarterback und Antreiber Jimmy. Nicht zum verschworenen Haufen gehört Ray, der sich verspätet auf die Tribüne pflanzt und seine Vergangenheit in Form einer monströsen Narbe im Gesicht mit sich herum trägt.

Die Fronten sind schon nach der Exposition dieses stark schematischen Genrebeitrags geklärt. Wo „Finest“ drauf steht steckt meistens alles andere als das drin und es braucht den Blick des Außenseiters, um den Morast NYPD auf Vordermann zu bringen.

Das Gesetz der Ehre

Kaum ein anderes Genre verhandelt dezidierter die Mythen der amerikanischen Gesellschaft als der Copthriller. Auf der Straße werden die Gesetzeshüter mit allem konfrontiert, was ihr System vor die Zerreißprobe stellt. „Auf der Straße“ – das markiert nicht nur den relevantesten szenischen Raum, sondern auch die Abstammung des Genres. Wie im Western treffen die Antagonisten im finalen Duell unter freiem Himmel, der wieder einmal Wolkenbruch garantiert, aufeinander. Kurz zuvor gab es die unausweichliche Saloon-Schlägerei, hier in der stereotypen Bar Irish Eyes.

Wie im Western tragen die Männer ihre Probleme auch in dieser aktuellen Polizeifilm-Variante noch ganz für sich aus. Frauen haben eher gar keinen Sprachanteil, sie werden nur adressiert, beinahe wie im Kriegsfilm. „Tell her I love her“, das ist in diesem Fall kein melancholischer Titel aus den Pop-Analen der Billboard-Charts, sondern der letzte Satz eines dem Tod ins Auge blickenden Cops.

Das Gesetz der Ehre

An solchen Phrasen ist Das Gesetz der Ehre (Pride and Glory) reich. Zunächst kommt der unausweichliche Funkspruch „1013“ mit der entsprechenden Ansage „I got four guys own“, konkretisiert werden kann das nicht: „We don’t know shit“. All das begleitet von einer Armada an „fucks“, die sich lange Zeit leitmotivisch durch die Dialoge ziehen, hier gibt es sogar eine geschlechterübergreifende Gleichberechtigung, ehe die Protagonisten gen Ende sogar des Fluchens überdrüssig sind. „We protect our own“ ist ihre Lebensformel und im selben Gespräch ist unausweichlich von „loyalty“ die Rede. Die wird entscheidend auf die Probe gestellt, als einer der ihren „out of control“ gerät.

„I will slip your throat, fuck your wife and kill your kid“. Nicht die Aussage eines Schwerverbrechers, sondern die eines Gesetzeshüters – was in diesem Fall allerdings dasselbe ist. In der nachhaltigsten Sequenz von Das Gesetz der Ehre spielt der Bad Cop mit dem Leben eines Babys. Ein kalkulierter filmischer Tabubruch, der den Protagonisten auf Drehbuchebene wieder einholen wird.

Das Gesetz der Ehre

Aber nicht nur akustisch, auch visuell setzt sich die Phrasendrescherei fort, etwa, wenn die Lichtsirenen unscharf zu rot-gelb-weißen Farbpunkten gezogen werden. Zu weiten Teilen spielt Das Gesetz der Ehre in einer farbentsättigten, blau- und graustichigen Welt und im ästhetischen Gesamtkonzept durchaus schlüssig ist auch der Ton mancherorts reduziert, seiner Stärke beraubt, so bei den dumpfen Paukenschlägen einer Beerdigungszeremonie.

Wer sich so stark an das Genrelehrbuch hält wie Regisseur Gavin O’Connor, der muss geradezu zwangsläufig auf trinkende Iren und Familienkonflikte zurückgreifen und sich den großen moralischen Fragestellungen widmen. Die Antworten darauf sind allerdings gar nicht so zementiert, wie man vielleicht meinen könnte. In den siebziger Jahren, als der amerikanische Polizeifilm wie kein zweites Genre die Befindlichkeiten einer Nation auf der Kinoleinwand verhandelte, stand am Ende fast immer die Bankrotterklärung. Frank Serpico, von den Kollegen fast getötet, musste das Weite suchen und Popeye Doyle, selbst Kollegenmörder, einem längst zur fixen Idee, zum bösen Geist mutierten Feind aussichtslos weiter hinterher jagen. Im Gegensatz zu diesen Klassikern glaubt der Polizeifilm neuester Couleur wieder an die Selbstreinigungskräfte, sogar an die Regeneration through Violence.

Das Gesetz der Ehre

In diese Reihe gehören so reizvolle Werke wie Antoine Fuquas Training Day (2001) und Ron Sheltons Dark Blue (2002). Joe Carnahan, Co-Drehbuchautor von Das Gesetz der Ehre, hat mit Narc (2002) selbst einen Meilenstein dieser Serie inszeniert, die ihren vorläufigen Höhepunkt in James Grays Helden der Nacht (We own the Night, 2007) gefunden hat.

Wie schon das kreative Team in Street Kings (2008), weiß allerdings auch die Familie O’Connor dem reanimierten Genre nichts mehr abzugewinnen. Am Ende stellen sich die guten Cops ihrer Verantwortung. Die müssen sie tragen, denn in Das Gesetz der Ehre bekommt jeder garantiert genau das, was er verdient.

Trailer zu „Das Gesetz der Ehre“


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