Das Geheimnis des Regenbogensteins

In einer amerikanischen Vorstadt sorgt ein bunter Stein, der jeden Wunsch erfüllt, für reichlich Chaos. Robert Rodriguez beweist sich erneut als nicht sonderlich subtiler, aber dafür sehr unterhaltsamer Kinderfilm-Regisseur.

Das Geheimnis des Regenbogensteins

Der deutsche Verleihtitel lässt den Film gewöhnlicher erscheinen, als er ist. „Das Geheimnis des …“, oder auch beliebte Kombinationen mit „Abenteuer in …“ – alles schon hundertmal gesehen. Der Originaltitel dagegen lautet ganz schlicht Shorts. Er hebt gar nicht auf den Inhalt ab, auf irgendwelche Abenteuer oder Geheimnisse – sondern auf die Struktur. Die besteht nämlich aus mehreren Kurzfilmen, die zwar alle miteinander in Verbindung stehen und teilweise dieselben Protagonisten haben, die aber nicht unbedingt in der richtigen Reihenfolge abgespielt werden. Da wird mal vor- und mal zurückgespult, und zwar zuweilen richtig schnell, bis der Film in einem Freeze Frame innehält. Da überspringt man vergnügt eine Episode, um sie später nachzuholen. Eine Off-Stimme erzählt die groben Zusammenhänge, und mit bonbonbunten Zwischentiteln sind die einzelnen Teile voneinander getrennt.

Man könnte fast meinen, Regisseur Robert Rodriguez (Spy Kids 1–3, 2001–03) wolle die Kleinen schon mal auf die erzählerischen Extravaganzen des Erwachsenenkinos einstimmen, etwa eines Quentin Tarantino, eines Robert Altman oder eines Alejandro González Iñárritu. Tatsächlich ließ er sich aber für Das Geheimnis des Regenbogensteins von der Serie Die kleinen Strolche (The Little Rascals) inspirieren, jenen kurzen Geschichten um ein paar Nachbarschaftskinder und einen Hund mit schwarzer Zeichnung am Auge, die seit den 1920er Jahren von Hal Roach produziert wurden und ab 1969 auch im deutschen Fernsehen liefen.

Das Geheimnis des Regenbogensteins

Die Charaktere und die Geschwindigkeit sind dabei der heutigen Zeit und den heutigen Phobien angepasst worden: So lebt eines der Kinder mit seinem Vater (William H. Macy) in einem mit Plastikfolie abgeschirmten Haus, weil beide unbändige Angst vor Bakterien haben und niemals an die frische Luft gehen. Und die Kinder sind auch keine Hinterhofgören mehr, sondern Sprösslinge des gehobenen Mittelstandes, der typischen neurotischen amerikanischen Akademikerfamilien mit großem Fernsehgerät und kleinem Zeitbudget. Den Wohlstand wiederum verdanken die Familien einzig und allein einer Firma, bei der sämtliche Erwachsenen des Films arbeiten: Black Box Industries, deren Hauptsitz in der Tat als schwarze, unheimliche, alles überragende Schachtel im Stadtzentrum liegt. Einziges Produkt ist ein Mach-mich-glücklich-Gerät namens Black Box, das für absolut alles zu gebrauchen ist und in der unschwer eine Parodie auf Apples iPhone zu erkennen ist (tatsächlich erinnert ein im Film auftauchender Werbeclip sehr stark an ein satirisches Video, das kurz nach Einführung des iPhone auftauchte und in dem es unter anderem als Rasierapparat und Flaschenöffner benutzt wird).

Das Geheimnis des Regenbogensteins

Rodriguez zielt also auf die Technikgläubigkeit des modernen Büromenschen und setzt ihr ein wenig kindliches Staunen und viel Magie entgegen. Womit wir endlich zum titelgebenden Regenbogenstein kommen, den eines der Kinder eines Tages findet. Dieser Stein, kaum so groß wie die Handfläche eines Achtjährigen, ist auf ganz natürliche Weise das, was die Blackbox mit viel Technikklimbim vorgibt zu sein: Er erfüllt jeden Wunsch seines Besitzers. Dass es bis zum Schluss des Films dauert, bis dieser so nahe liegende Gedanke ausgesprochen wird, gehört zu den Schwächen des Films, dessen Moral in all der bunten und chaotischen Umgebung ganz grau und nackt daherkommt. Denn natürlich führt es nur ins Unglück, wenn jeder Wunsch erfüllt wird, genauso wie es – siehe Das zauberhafte Land (The Wizard of Oz, 1939) – bekanntlich zu Hause am schönsten ist.

Eine hübsche Wendung ist, dass die Kinder bereits nach ersten unguten Erfahrungen vergeblich versuchen, den Regenbogenstein loszuwerden, die Erwachsenen ihre Lektion dagegen sehr mühsam lernen und dafür bis zu den letzten Minuten des Spektakels brauchen. Eines Spektakels übrigens, an dem unter anderem aufrecht gehende Riesenkrokodile, ein Baby mit Superkräften, siamesische Zwillinge und ein zu einem schleimigen Ungeheuer anwachsender Popel beteiligt sind.

Das Geheimnis des Regenbogensteins

Und mit James Spader als Chef von Black Box Industries wartet Das Geheimnis des Regenbogensteins auch noch mit einem grandios gespielten, richtig fiesen kapitalistischen Manager auf, der seine Angestellten aufeinander hetzt, auch wenn sie miteinander verheiratet sind. Der Film mag nicht so vielschichtig sein wie andere Kinderfilme nach der Art von Coraline oder Oben (beide 2009). Aber zumindest an diesem Manager können die finanzkrisengeplagten Eltern im Publikum sich gemeinsam mit ihren Kindern abarbeiten.

Andererseits waren solche Charaktere immer schon Teil der erbaulichen Geschichten für Kinder, dafür brauchte es keine abstürzenden Börsen. Ähnlich wie die Warnung vor dem immerwährenden, unmittelbaren Genuss, die Das Geheimnis des Regenbogensteins so unverblümt ausspricht, gehört auch die Warnung vor den täuschenden Versprechungen des Geldes zum Standardrepertoire des Genres. Aber schon Charles Dickens hat mit seiner Läuterung des Ebenezer Scrooge nicht verhindert, dass aus manchem Kind ein herzloser Fondsmanager wurde. Weswegen viele Zuschauer, Kinder und Eltern, sich nach diesem Film gewiss eine Black Box wünschen werden.

Mehr zu „Das Geheimnis des Regenbogensteins“

Kommentare


Peter

Von diesem Film lese ich heute zum ersten Mal und irgendwie fasziniert mich die Handlung bereits jetzt. Ich werde mir den Film jedenfalls definitiv ausleihen und ihn mir mit meiner kleinen Nichte ansehen.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.