Das Geheimnis des Dr. Z

Spät wurden ihm Ruhm, Ehre und ein Platz in der Filmgeschichte zuteil. Der jahrzehntelang als Sex- und Schmuddelfilmer abgetane spanische Regisseur Jess Franco verstarb am 2. April im Alter von 82 Jahren in Malaga. Nun liegt einer seiner besten Filme in einer edlen DVD-Ausgabe vor.

Miss Muerte 06

Blitze umzucken ein altes Gemäuer. Ein Häftling mordet sich seinen Weg in die Freiheit. In seinem Labor wird der wahnsinnige Wissenschaftler Dr. Zimmer von seiner ihm treu ergebenen Tochter Irma über den Ausbruch informiert: „Bresson hat angerufen. Ein zum Tode Verurteilter ist entflohen.“

Die augenzwinkernde Hommage an Robert Bressons berühmtes Meisterwerk ist der erste Dialog des Films und mag dem Drehbuchautor Jean-Claude Carrière zu verdanken sein, dessen zweite Zusammenarbeit mit Franco dies war. Sie kann aber ebenso als Exempel für Francos legendäre Kinoleidenschaft und seinen ironischen Umgang mit Filmgeschichte gelten. Der erklärte Genreliebhaber rechtfertigte bis zuletzt seinen Ruf als wandelndes Filmlexikon, als er im letzten Sommer, schon im Rollstuhl sitzend, seine Vorbilder etwa zu seiner 1976 entstandenen Version des Jack-the-Ripper-Stoffs Revue passieren ließ. Es war sein letzter großer Auftritt in der Öffentlichkeit anlässlich einer umfangreichen Werkschau in Berlin, die das Spanische Kulturinstitut ermöglicht hatte. Sie folgte der Verleihung des Goya im Jahr 2009, mit dem Franco, dessen weltweite Fangemeinde ihn längst zum Kultregisseur erhoben hatte, offiziell für sein Lebenswerk geehrt wurde.

Miss Muerte 05

Jesús Franco Manera wurde 1930 in Madrid geboren, studierte Musik und Jura, ehe er sich Theater und Film zuwandte. An die 200 Filme hat der Regisseur in 50 Jahren realisiert, noch 2012 soll er vier Stück heruntergekurbelt haben. Franco galt lange als Wunderkind, dann als Ikone des populären Kinos europäischer Prägung. Schon in den 1950ern kam er zum Film, assistierte etwa Juan Antonio Bardem und Luis García Berlanga sowie später auch Orson Welles bei dessen Filmen Falstaff (Chimes at Midnight, 1965) und Don Quijote (dessen Rekonstruktion Franco auch verantwortete). Mit dem Horrorfilm Gritos en la Noche (als Der schreckliche Dr. Orloff nun auch als deutsche DVD erhältlich) begann 1962 seine Erfolgskarriere, nachdem er bereits mehrere Gangsterfilme und Melodramen als Regisseur realisiert hatte. Sein Debüt Tenemos 18 años, eine Art Road Movie um zwei abenteuerlustige Mädchen, entstand 1959. Überhaupt war Franco in allen populären Genres zu Hause, wechselte von Horror zu Komödie zu Erotik ebenso wie von Land zu Land und zuweilen zwischen den Kontinenten, als er sich entschlossen hatte, sich gegen die Diktatur seines Namensvetters, des „Caudillo“ Francisco Franco, zu stellen und ins Exil zu gehen. Während sein Film Necronomicón – Geträumte Sünden (Succubus) auf der Berlinale 1968 Begeisterung auslöste, hatte man ihn in Spanien bald vergessen. „Der Prophet gilt im eigenen Lande nichts,“ erklärte er noch Anfang dieses Jahrtausends in einem Interview mit CineFantastico, stolz zudem darauf, dass der Vatikan ihn einst zum „gefährlichsten Regisseur“ neben seinem legendären Landsmann Luis Buñuel erklärt hatte. Wie dieser war auch Franco ein Exilant, der zum Weltbürger wurde.

Miss Muerte 07

Subversiv, unmoralisch, voyeuristisch ist Francos Kino, eine Zeitlang war der Tabubruch seine treibende Kraft. Für ihn galt die Leidenschaft als stärkste menschliche Triebfeder, seiner Protagonisten ebenso wie seines Publikums. Immer wieder tauchen sadomasochistische Rituale auf, die sich als Bühnenshows entpuppen, inszeniert vor reizgierigen Zuschauern. Immer wieder kreisen die Sujets seiner Filme um Dominanz und Unterwerfung. (In Exorcismo (1974) spielt er selbst einen fanatischen Ex-Priester, der den libertinen Pariserinnen mit dem Dolch Sünde und Satan auszutreiben sucht.) Und immer wieder dominieren poetische Traumbilder und das Verschwimmen der Grenzen zwischen Realität und Fantasie ihre Struktur. Ende der 1960er verließ der Regisseur, der für Serge Silberman in Frankreich, Artur Brauner in Berlin und Harry Alan Towers in London tätig war, die Studios, drehte fortan fast ausschließlich an Originalschauplätzen mit winzigen Budgets und Teams. Eine Atmosphäre der Intimität und Improvisation beherrschte ab nun seine Filme, die eigentlich der französischen Nouvelle Vague entliehen ist, und in den besten Fällen eine visuelle Poesie, die der Avantgarde entstammt. Necronomicón oder Nightmares Come at Night (Les cauchemars naissent la nuit, 1970) erinnern nicht von ungefähr auch an Letztes Jahr in Marienbad (L’année dernière à Marienbad, 1961).

Miss Muerte 01

Das Geheimnis des Dr. Z (Miss Muerte, 1965) entstand für Buñuels späteren Produzenten Silberman – der den fertigen Film verabscheut haben soll – und kann heute als ein früher Höhepunkt in Francos Oeuvre gelten: Als Dr. Zimmers Theorien über die Kontrolle des Bösen im Menschen beim Neurologischen Kongress verlacht werden, erleidet der Wissenschaftler einen tödlichen Zusammenbruch. Seine Tochter schwört den verächtlichen Kollegen schreckliche Rache und bald beginnt eine Mordserie, deren Werkzeug die verführerische Tänzerin Nadia ist, die unter dem Künstlernamen „Miss Death“ als menschliche Spinne auftritt. Franco und Carrière bedienten sich mit einer Verve und Ironie, die man sonst eher Popart und Postmoderne zuschreiben würde, am vorliegenden Genrefundus, mischten Motive aus Augen ohne Gesicht (Les yeux sans visage, 1960), deutschem Edgar-Wallace-Film und Francos eigenem Dr.-Orloff-Universum (fast alle seine Detektive heißen „Tanner“) mit den Geschichten um Frankenstein, Dr. Mabuse und Jekyll und Hyde sowie einem Plot, der – wie Tim Lucas im Audiokommentar dieser DVD überzeugend anmerkt – zu weiten Teilen Cornell Woolrichs Roman Die Braut trug schwarz zu verdanken ist.

Miss Muerte 04

Es ist tatsächlich der archäologischen Arbeit heutiger DVD-Hersteller zu verdanken, dass man Filme wie die Francos, die lange als spekulativer Schund vermarktet wurden und von denen kaum noch spielbare 35mm-Kopien existieren dürften, überhaupt in einer dem Urzustand angenäherten Qualität und Komplettheit entdecken kann. Eine Kopie der deutschen Verleihversion von Das Geheimnis des Dr. Z, die andernfalls vermutlich verloren wäre, hatte in einer Privatsammlung die Äonen überstanden. Die nun vom Label Subkultur Entertainment vorgelegte Edition präsentiert sie alternativ zur französischen Originalfassung (Dr. Z heißt hier „Dr. Zarowski“) mit anderen filmhistorischen Schätzen; man muss sich ein bisschen durchfummeln, dann kann man in dieser Doppel-Disc-Edition eine Menge schöner Sachen entdecken. Kern des Begleitmaterials bildet neben dem Booklet von Stephan Oberparleiter, der in informativem Aufriss noch einmal Francos Karriere rekapituliert, vor allem der Kommentar des bekannten Genre-Gurus Tim Lucas, im Angesicht dessen ungeheuren historischen Faktenwissens man als Laie nur staunend erbleichen kann. Ein letztes Wiedersehen mit dem Regisseur bietet die kleine Einführung, die Uwe Huber mit ihm und Antonio Mayáns letzten Sommer im Berliner Babylon-Kino drehte und die man heute mit Wehmut sieht. Eine so schöne wie würdige Veröffentlichung, der sich aktuell noch weitere anschließen; so erhielten etwa Exorcismo und der lange verschollen geglaubte Nightmares Come at Night (inzwischen als DVD erhältlich u.a. als Die nackten Augen der Nacht) im vergangenen Jahr aufwändige deutsche Synchronisationen durch Gerd Naumann. Lutz Harder lieh dem Meister seine Stimme. Schön, dass Franco dies noch erleben durfte.

Trailer zu „Das Geheimnis des Dr. Z“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.