Das geheime Leben der Worte

Eine ungewöhnliche Zweierbeziehung steht im Mittelpunkt von Isabel Coixets Drama. Ein schwer verletzter Arbeiter auf einer Ölplattform und eine ihn pflegende junge Frau kommen sich darin näher.

Das geheime Leben der Worte

Das Kino besitzt viele zeitlose Themen, die in unterschiedlicher Verpackung immer wieder filmisch umgesetzt werden. Die Verarbeitung von Leid, das Leben mit seelischen Abgründen und die oftmals romantisierte Kraft der Liebe gehören sicherlich dazu. Der neue Film von Isabel Coixet versucht sich an der Verknüpfung aller drei Sujets. Schwere Kost scheint Coixet zu faszinieren. Schon Mein Leben ohne mich (My Life without Me, 2003) schilderte die letzten Wochen im Leben einer an Krebs erkrankten jungen Frau. Von daher rührt auch die Bekanntschaft mit Sarah Polley, die an der Seite von Oscar-Preisträger Tim Robbins in Das geheime Leben der Worte die zweite Hauptrolle übernahm.

Die junge Frau (Sarah Polley), ihr Name ist Hanna, lebt ein unauffälliges, zurückgezogenes Leben. Die harte Schichtarbeit gibt den Rhythmus ihres Alltags vor. Als Hanna eines Tages auf Drängen ihrer Kollegen in den Urlaub geschickt wird, verschlägt es sie nach einer langen Busreise an die raue irische Küste. In einem Restaurant wird sie zufällig Zeuge, wie ein Gast auf der Suche nach einer Krankenschwester ist. Draußen auf dem offenen Meer, auf einer stillgelegten Ölplattform habe es einen schweren Unfall gegeben. Ein Mann sei gestorben, ein anderer schwer verletzt. Kurzentschlossen meldet sich Hanna für die Aufgabe. Sie trifft dort auf Josef (Tim Robbins), der gezeichnet von tiefen Verbrennungen am ganzen Körper und dem vorübergehenden Verlust des Augenlichts, die Nähe zu ihr sucht.

Das geheime Leben der Worte

Obwohl vordergründig karge realistische Settings wie eine Bohrinsel und eine Fabrik zum Einsatz kommen, geht von Coixets Film etwas Surreales, fast Traumhaftes aus. Das mag an einzelnen Motiven wie der auf dem Stahlkoloss umherirrenden Gans oder dem in der Einöde gestrandeten Schiff liegen. Letzteres symbolisiert sicherlich am plastischsten Hannas entwurzeltes Dasein. Die Vergangenheit hat sie an einen Ort verpflanzt, wo sie in Monotonie und Tristesse vor sich hinlebt oder treffender: vor sich hinvegetiert. Diese Monotonie nimmt Coixet anhand der Szenenabfolge auf der Bohrinsel wieder auf. Dort wechseln sich für Hanna Momente der Langeweile, in denen sie das Meer beobachtet, mit den Pflegediensten bei Josef ab. Tagein, Tagaus.

Dass Coixet eher in Bildern als in Worten denkt, kommt einem Werk, was von unausgesprochenen Wahrheiten und Erfahrungen erzählen möchte, nur zu Gute. Es reichen drei Dinge, um Hannas Seelenleben offen zu legen: Hühnchen, Reis, ein Apfel. Symmetrisch angeordnet in einer Essensdose. Das isst sie jeden Tag, bis ihr Josef vorschlägt, sie solle doch auch einmal etwas anderes probieren. Aber Das geheime Leben der Worte funktioniert nicht nur auf einer visuellen Ebene. Die langen Dialoge zwischen Josef und Hanna, anfangs müsste man korrekterweise eher von Monologen sprechen, nutzen gekonnt Symbole und Metaphern, um etwas über ihre Protagonisten auszusagen.

Das geheime Leben der Worte

Polley besitzt ein faszinierendes Gesicht. Mit einem sehr zurückgenommenen Mienenspiel, kleinen Variationen in ihrem Blick, einem insgesamt sehr spröden Charme gelingt ihr es, die unsichtbare Mauer um Hanna für den Zuschauer sichtbar zu machen. Robbins hat eine noch schwierigere Aufgabe zu bewältigen. Die meiste Zeit über bewegungslos, gefesselt an das Krankenbett, bleiben ihm nur seine Mimik und Stimme, um das Gesagte und Nicht-Gesagte auszudrücken. Ein echter Lackmustest für jeden Schauspieler. Robbins besteht ihn mit Bravour.

Dass eine Regisseurin mit den eigenen Aufgaben und Ansprüchen wachsen kann, zeigt das Beispiel Isabel Coixet. Während Mein Leben ohne mich noch von einer aufdringlichen Sentimentalität durchzogen war, überzeugt ihr neuestes Werk mit einer sehr intimen, fast kammerspielartigen Atmosphäre, die einen als Zuschauer tief in die Psyche der beiden Protagonisten eintauchen lässt. Das geheime Leben der Worte ist mehr als alles andere ein Film über das, was man nicht sagt, weil es zu schmerzhaft wäre, es auszusprechen. Und selbst als Hanna schließlich doch ihr Schweigen bricht, um Josef von den Schrecken der Vergangenheit zu berichten, scheint sie keine endgültige Katharsis zu durchlaufen. Dafür hat sie zuviel gelitten. Es ist vielmehr das abgelegte Zeugnis ihres tiefen Vertrauens in Josef. Er wird wissen, was als nächstes zu tun ist.

 

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Kommentare


Katja

Ich kann nur sagen:
Die ersten 30 Minuten durchhalten und dann habt ihr einen wunderbaren Film gesehen, über den es zu reden und nachzudenken gilt.
Viel Spaß!
Katja


Ulrich Foerg

Zugegeben, zwei sehr gute Hauptdarsteller, ein glaubhaftes Thema, doch die Geschichte erinnert teilweise an "The English patient". Trotzdem wirkt der Film irgendwie gestückelt, die Musik liegt daneben und die Rolle der Julie Christie ist vollkommen überflüssig, ihre Dialog eher peinlich. Schade!






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