Das Fräulein

Eine Entscheidung fürs Leben. Der preisgekrönte Debütfilm der Schweizer Filmemacherin Andrea Štaka erzählt in ausdrucksstarken Bildern über das Leben dreier Frauen aus Ex-Jugoslawien in Zürich.

Das Fräulein

Drei Frauen gleicher Herkunft und mit ähnlichem Schicksal, jedoch gänzlich verschieden in ihrem Umgang damit, stehen im Zentrum der Geschichte von Das Fräulein. Ruža (Mirjana Karanović), 50 Jahre alt, ist in Belgrad geboren und in den siebziger Jahren aus Jugoslawien in die Schweiz emigriert. Heute führt sie in Zürich eine Werkskantine und hat ihr Lebensziel erreicht. Sie ist unabhängig und hat für sich eine materielle Sicherheit aufgebaut. Das private Glück hingegen hat sie die Jahre über stur vernachlässigt. Sie lebt allein, und die Kantine scheint ihre ganze Berufung zu sein. Ebenso floh Mila (Ljubica Jović) mit ihrer gesamten Familie vor dreißig Jahren nach Zürich, jedoch allzeit mit der Prämisse, irgendwann nach Kroatien zurückzukehren. Ein unfertiges Haus wartet dort noch immer auf ihre Heimkehr.

In den drögen Arbeitsalltag der Kantine bricht Ana (Marija Škaričić), eine junge Bosnierin, ein. Soeben erst in der Schweiz angekommen und entschlossen, rasch weiter zu ziehen, findet sie hier eine Möglichkeit, Geld zu verdienen. Die Nächte überbrückt sie in Züricher Tanzclubs, immer auf der Suche nach jemandem, bei dem sie für einmal Schlafen unterkommen kann. Mit ihrer Lebensfreude und Direktheit bezaubert Ana nicht nur die schweizer Männer, sondern schafft es auch allmählich, die reservierte Ruža aus ihrer Zurückgezogenheit zu locken. Eine schwerwiegende Entscheidung zu treffen, erwartet indes alle drei Frauen am Ende des Filmes.

Das Fräulein

Räumlich im Mikrokosmos Zürich verbleibend, spricht Andrea Štaka in ihrem Film jedoch beständig über ein zwar bildlich abwesendes, aber in den Figuren stets präsentes Draußen. Schon allein das Wissen um die Herkunft der Protagonistinnen, welches auf ein Vor- oder Unwissen des Zuschauers rekurriert, sowie das einfache Beobachten ihrer Alltagsverrichtungen schaffen es, einen bewegenden Eindruck davon zu vermitteln, was es bedeutet, aus einem Land wie Jugoslawien geflohen zu sein und in der Fremde noch mal ganz von vorne anzufangen. Dass es im gesamten Film lediglich zu einigen Anspielungen, aber nie zu konkreten Darbietungen von Kriegserlebnissen der Protagonistinnen kommt, deutet in Das Fräulein keinesfalls auf eine Ohnmacht gegenüber dem prekären Thema hin, sondern legt auf ganz eigene Art von dessen unmöglicher, geradliniger Vermittlung per Wort und Bild Zeugnis ab. Und so kann Anas spitze Aussage, man solle doch selbst mal nach Bosnien fahren, um sich ein Bild von dem Leben dort zu machen, als Grundsatz der Filmemacherin hinsichtlich der Abbildbarkeit ihres Sujets gedeutet werden.

Andrea Štaka setzt zur Auseinandersetzung mit ihrer Thematik anstelle von direkten Dokumenten auf feinsinnige Bilder. Bereits der Prolog zum Film – eine Frauenhand stutzt die jungen Triebe eines in Frühlingsblüte stehenden Strauches – führt in seiner losgelösten Position und seinem metaphorischen Gestus eine, die Protagonisten vereinende, Tragik des Schicksals ein und setzt diese als visuelles Leitmotiv über das folgende Geschehen. Doch auch im weiteren Verlauf der Handlung schaffen es Filmemacherin und Kameramann durch auffällig kurze Brennweiten und bezeichnende Bildkonstruktionen, den Zuständen und Gefühlen ihrer Figuren einen treffenden Ausdruck zu verleihen. Die Bilder kennzeichnet ein Blick für Details, für scheinbare Nebensächlichkeiten und flüchtige Augenblicke, in denen sich wie beiläufig poetische Momente verstecken. Die Glanzleistung an Štakas Inbildsetzung ist dabei, dass es ihr gelingt, ihre Figuren in vielfachen Halbtotalaufnahmen aus ihrer augenblicklichen Umgebung zu lösen und die volle Aufmerksamkeit auf deren Reaktionen zu bündeln. In dieser inszenierten Losgelöstheit von Ort und Zeit werden sie wiederum zum Teil eines Ganzen, ein Schicksal verweist gleichsam auf viele weitere. Ein intimer Kamerablick mit transzendentem Ziel und ohne jegliche Sentimentalität.

Das Fräulein

Mit dem Schicksal von Frauen aus Ex-Jugoslawien beschäftigt sich Andrea Štaka in ihren Werken seit längerem. Bereits ihr erster Kurzfilm Hotel Belgrad (1999) wie ihre 2001 in New York realisierte Dokumentation Yugosdivas haben Entwurzelung und Heimatsuche als zentrales Motiv. Diesem durchaus biografisch motivierten Gegenstand ihrer Filme fügt die Regisseurin jedoch immer wieder einen neuen Blick hinzu und verhindert derart, in Klischees zu verfallen. Auch in Das Fräulein gelingt es ihr, bekannte Wahrheiten auszusprechen, ohne dabei den ermüdenden Effekt des schon tausendmal Gehörten zu evozieren. Durch genaue und sensible Beobachtung und Respekt ihren Figuren gegenüber schafft sie mit Das Fräulein erneut eine bewegende und facettenreiche Charakterstudie zur globalen Problematik der Identitätsfindung.

 

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