Das Fischkind
Nach ihrem Kritiker- und Publikumserfolg XXY kreuzt die argentinische Regisseurin Lucía Puenzo in ihrem zweiten Langfilm Liebesgeschichte, Thriller, Roadmovie und noch einiges mehr und verweigert dabei klare Festlegungen.
Der Vorspann zeigt wie der von XXY (2007) unwirklich anmutende Unterwasseraufnahmen. In ihrem preisgekrönten Debütfilm zog Lucía Puenzo Parallelen zwischen der Intersexualität eines Teenagers und der von Meerestieren. In der Adaption ihres eigenen Romans Das Fischkind (El niño pez, 2004) schildert sie nun unter anderem die von ihr erfundene Legende eines Wunder vollbringenden Fischwesens, das im Ypoá-See in Paraguay Ertrunkene zum Grund führt und dem die Dorbewohner Opfergaben für ihre kranken Kinder bringen.
Die eigentlich tragische Bedeutung des Fischkindes offenbart der Film zum Schluss. Doch wie vieles in der Inszenierung so ermöglicht auch der Titel mehr als nur eine Lesart. Zumal die Hauptfigur Lala (Inés Efron aus XXY) auffallend häufig badet und ihre Freundin Guayi (Mariela Vitale) in der letzten Szene fragt, ob sie mit ihr schwimmen gehen würde. Woraufhin diese sich einmal als Ertrunkene bezeichnende antwortet: „Bis auf den Grund“.
Lala und Guayi sind Anfang zwanzig und ein lesbisches Paar. Guayi stammt aus Paraguay aus ärmlichen Verhältnissen und ist als Teenager zu Lalas wohlhabender Familie nach Buenos Aires gekommen. Sie ist gleichzeitig Hausmädchen, Schwester, Liebhaberin und Ersatzmutter, für Lalas Vater (Pep Munné) in einem Moment Pflegetochter, mit der man Familienfotos anschaut, und im nächsten Augenblick Angestellte, der man die Einkäufe diktiert. Der Vater erhält als einflussreicher Richter Todesdrohungen und haut seinen gerade aus der Reha entlassenen Sohn um Drogen an. Lalas Mutter ist die meiste Zeit abwesend. Als der Vater ermordet aufgefunden wird, flüchtet seine Tochter nach Paraguay, ins Heimatdorf ihrer Freundin, und Guayi landet als Hauptverdächtige in einer Jugendstrafanstalt.
Anders als in XXY erzählt Puenzo ihre komplexe Familien-, Liebes- und Mordgeschichte nicht linear, sondern auf mehreren Zeitebenen und in diversen Rückblenden, die zunehmend Details, Wendungen und Widersprüche zum Geschehen addieren, das für einen geradlinigen Thriller ansonsten zu spannungsarm wäre. Das Fischkind (El niño pez) ist kein Whodunit, dafür stehen Täter oder Täterin zu früh fest. Vielmehr geht es der Autorin und Regisseurin um Hintergründe, Motive und wie in ihrem Debüt um eine facettenreiche Figurenzeichnung, die nicht nur der Protagonistin und ihrer Beziehung Tiefe verleiht, sondern auch dem amoralisch eingeführten Vater im Verlauf mehr Gewissen zugesteht, als es anfänglich den Anschein hat.
Manches ist hier nicht so, wie es auf den ersten Blick erscheint. Während die mitunter überdeutlichen Dialoge wie schon in XXY eher zu den Schwächen des Drehbuchs zählen, überzeugt auf der Bildebene das Unklare und Suggestive. Nicht nur die Farbgebung der Schauplätze variiert vom gedeckt gehaltenen und oft bei Nacht gefilmten Buenos Aires zum sonnenreicheren Paraguay und sorgt für unterschiedliche Stimmungen. Puenzos gesamte Erzählweise folgt keiner eindeutigen Richtung. Sie verbindet Aktionismus und Symbolismus, Sage und Gesellschaftskritik, klassische Genremomente und mögliche Fantasiesequenzen, zu denen auch das Finale gehören könnte. Genauso wie der Mord vielleicht gar kein Mord war, ist der selbstreferentielle Schluss vielleicht gar nicht der tatsächliche Schluss. Wahrscheinlich nicht zufällig beendet der Satz „Es ist vorbei“ die vorletzte Sequenz.
Ähnlich variantenreich wie die Erzählung agiert auch die charismatische Hauptdarstellerin Inés Efron, die mit ihren großen Augen sehr passend einem schönen Fischwesen gleicht und nach XXY erneut einen ebenso kämpferischen wie verletzlichen Charakter verkörpert, der die konträrsten Eigenschaften in sich vereint. Dagegen wirkt die Figur der Guayi einseitiger, da Puenzo sie wiederholt als Sexobjekt und Opfer gleich mehrerer Männer in Szene setzt. Das zarte und leidenschaftliche Liebesverhältnis der beiden Mädchen bildet das emotionale Zentrum der Handlung, in der es sonst kaum Fixpunkte gibt.
Das Fischkind ist ein schwer greifbares Exemplar eines Films. Eine kuriose Kreuzung aus Transparenz und Hintergründigkeit, Ausformulierung und Andeutung. Nach Puenzos Geschichte eines Zwitters ist diesmal ihre Inszenierung das seltene, mit sich kämpfende und faszinierende Mischwesen.
Filmkritik von Birte Lüdeking
Veröffentlicht am 22.12.2009
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Film-Angaben
Titel: Das Fischkind
Originaltitel: El niño pez
Spanien, Frankreich 2009
Laufzeit: 96 Minuten
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Regie: Lucía Puenzo
Drehbuch: Lucía Puenzo
Produktion: Fernando Sirianni, Miguel Morales, Claire Dornoy
Bildgestaltung: Rodrigo Pulpeiro
Montage: Hugo Primero
Musik: Andres Goldstein, Daniel Tarrab, Laura Zisman
Darsteller: Inés Efron, Mariela Vitale, Pep Munné, Arnaldo André, Carlos Bardem, Diego Velázquez, Sandra Guida
Kinostart: 07.01.2010
DVD-Angaben
Titel: Das Fischkind
Vertrieb: Salzgeber & Co Medien GmbH
Bild: Der Vertrieb gibt das Bildformat mit „Widescreen“ an., 16:9
Sprache(n): Spanisch (DD 2.0/Stereo)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Spieldauer: 96 Minuten
Extras: Kein Bonusmaterial
Verleih ab: k.A.
Verkauf ab: 30.03.2010
Copyright Das Fischkind
Fotos : © Salzgeber
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