Das Erbe

Nach Die Bank (Bænken, 2000), dem ersten Film einer Trilogie über die dänische Gesellschaft, erzählt Per Fly nun, wie ein Industriellensohn (Ulrich Thomsen – Festen) sein Leben zugunsten der Fabrik seines Vaters opfert. Über ein bürgerliches Portrait hinaus erzählt Das Erbe den universellen Konflikt zwischen Selbstverwirklichung und Pflichtgefühl. Auf dem Festival von San Sebastian wurde der Film für das beste Drehbuch ausgezeichnet.

Das Erbe (Arven)

Der Kurzinhalt von Das Erbe (Arven) könnte fast an den französischen Film Ressources Humaines (Laurent Canté, 1999) erinnern, in dem ein junger Berater in der Firma, in der auch sein Vater arbeitet, mehrere Angestellte wegrationalisiert. Dieser Film genoss bei einem breiten Publikum in Frankreich großes Ansehen, weil er ein damals, - wie auch heute noch, –hochbrisantes Thema behandelt.

Auch der Protagonist in Das Erbe, Christoffer (Ulrich Thomsen – Das Fest, Festen, 1998), der Sohn eines verstorbenen Industriellen, der trotz eines glücklichen Lebens mit seiner Frau in Stockholm aus Pflichtgefühl die Fabrik des Vaters übernimmt, ist gezwungen, vielen Arbeitern zu kündigen, um das Unternehmen zu retten. Vorbereitend hat sich der Regisseur Per Fly mit mehreren Managern großer Firmen unterhalten, die für die Entlassung von Arbeitern verantwortlich waren. Trotz der inhaltlichen Parallelen zu Ressources Humaines lassen sich in der filmischen Ästhetik von Das Erbe eigene Qualitäten finden. In einer beeindruckenden Totale werden zum Beispiel 900 Arbeiter gezeigt, die sich in der Halle einer Stahlfabrik versammeln, wo ihnen der Kündigungsplan des Managements unterbreitet wird. Großartige Einstellungen, wie etwa die Rotation der riesigen Maschinen, die die Produktion am Laufen halten, stellen das gigantische Ausmaß menschlicher Ingenieurskunst dar, während in Ressources Humaines ein moralisierender Ton überwiegt.

Das Erbe (Arven)

Per Fly behauptet, er wolle in Das Erbe kein Porträt der dänischen Oberschicht zeichnen. Jedoch liegt die Schönheit des Films in einer ganz besonderen ästhetischen Darstellung dieses Milieus, die niemals karikaturhaft wirkt. Sowohl die Familienessen, geprägt von Langeweile und von unvergleichlicher Heuchelei, als auch der Austausch von banalen Höflichkeiten zwischen Geschäftsleuten werden ohne jegliche demagogische Verurteilung inszeniert, wodurch die Kälte untereinander und der Mangel an Mitgefühl umso stärker betont wird. Die Protagonisten dieses kapitalistischen Universums gewinnen dadurch an Tiefe, die Dramaturgie wird somit noch viel ergreifender und macht deutlich, dass es dem Regisseur nicht lediglich um die Formulierung eines politisch-moralischen Manifests ging.

Dass der Film tatsächlich kein bloßes Porträt des dänischen Bürgertums darstellt, wie es Fly behauptet, ist anhand der Betonung auf den Protagonisten und auf das Dilemma, mit dem er konfrontiert ist, nachzuvollziehen. Unterdrückt von einem System, das sich der Lebenslust des verliebten Paares widersetzt, ist Christoffer im Film oft im Hintergrund zu sehen, in seinen Gedanken verloren, entfremdet und unfähig, der Familienclique zu widerstehen. Aufgrund seiner eigenen Schwäche gegenüber den existenziellen Herausforderungen, die die Wahl zwischen der Lebenslust und dem Pflichtgefühl repräsentieren, wird er scheitern. Das Scheitern kommt in dieser Geschichte durch seine immer größere seelische Einsamkeit zum Ausdruck. Filmisch wird das ganz deutlich dargestellt, als er oft hinter Fensterscheiben steht und sich das Leben auf der anderen Seite anschaut, von der dumpfe Geräusche zu ihm durchdringen. Christoffers Selbstausschließung deutet bereits seinen geistigen Untergang an. Der Höhepunkt wird in einer öden architektonischen Landschaft erreicht, einer ganz modernen Villa für reiche Touristen in Südfrankreich, wo die Kälte des Gebäudes das seelische Elend Christoffers widerzuspiegeln scheint.

Als Zuschauer genießt man zudem diesen dänischen Touch der Dogma-Filme, der auch Das Erbe stark prägt, und der für das Sujet des Filmes gut geeignet ist: hektische Kameraschwenks und ein Bild, das dem Video-Format sehr ähnelt. Auffällig ist auch diese eigenartige dänische Oberschicht, ein Bürgertum, in dem sich Tradition und Modernität zu vermischen scheinen. Eine Elite, zu der die eiskalte Ästhetik von Filmen wie Festen und Das Erbe merkwürdigerweise passt und die in anderen nationalen Kinematografien nicht zu sehen ist.

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