Das Ende ist mein Anfang

Jo Baiers biografisches Dialogdrama nimmt sich existenzieller Fragen an und versucht den letzten Dingen des Lebens auf den Grund zu gehen, mutet dabei aber an wie eine unbeholfen zusammengestellte Floskelsammlung.

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Der Reporter Tiziano Terzani (Bruno Ganz) blickt auf ein erfolgreiches Leben zurück: Als Auslandskorrespondent für den „Spiegel“ und andere renommierte Magazine hat er weite Teile der Welt bereist. Der Star-Journalist erreichte in seinem Fach so ziemlich alles, was es zu erreichen gibt. Mittlerweile unheilbar an Krebs erkrankt und dem nahenden Tod ins Auge sehend, bittet Terzani seinen Sohn Folco (Elio Germano), ihn zu besuchen und auf seinem letzten Gang zu begleiten. Die beiden haben sich in den letzten Jahren leicht voneinander entfremdet – indem Folco die Gedanken seines Vaters zu Papier bringt, treten auch alte Konflikte zwischen ihnen hervor. Die auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte, aus der Folco Terzani einen Bestseller verfasst hat, liest sich wie die ideale Vorlage für ein großes Bio-Pic, erlebte Terzani doch vor Ort viele zentrale Ereignisse der jüngeren Weltgeschichte und dokumentierte unter anderem den Vietnamkrieg, den Fall der Sowjetunion und die Umwälzungen in China nach Maos Tod.

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Der gesamte Film, der also immerhin das Fazit einer bewegten Biografie thematisiert, besteht nahezu ausschließlich aus den weitschweifigen Gesprächen zwischen Terzani und seinem Sohn. In lockerem Plausch schwadroniert man über  Gott und die Welt, über Zeitgeschichte, Politik, moralische Grundsätze und verschiedene Lebensentwürfe. Dies soll den spirituellen Gestus des Films untermauern, der direkt auf die reale Person Terzani zurückgeht, dessen letzte Tage hier mit einem selbstauferlegten Anspruch auf Authentizität verfilmt wurden. Ob der Abschied Terzanis wirklich so ohne Reibungen und schmerzhafte Unlösbarkeiten ausgekommen ist, lässt sich gewiss nicht nachvollziehen, erscheint aber auch innerhalb der filmeigenen Logik nicht glaubwürdig, die ja mehrfach auf angeknackste Verhältnisse hinweist. So verlaufen die ohnehin nur marginal auftretenden Streitigkeiten allesamt sehr behutsam und lassen jeden Zündstoff verpuffen.

Gleiches lässt sich über die immer rein dekorativen Naturbilder sagen, die meist den Hintergrund für das allgegenwärtige Philosophieren bilden. Die von warmem Sonnenlicht überflutete italienische Bergkulisse strahlt eine majestätische Genügsamkeit aus, die sich leider partout nicht auf den Film übertragen will. Die – zu Beginn schon längst vollzogene – spirituelle Erleuchtung Terzanis entwickelt sich schnell zum Leitmotiv des Films, für das er sich alle Zeit lässt, um die von fernöstlicher Philosophie geprägte Haltung gegenüber dem Sterben zu diskutieren. Bruno Ganz (Der Untergang, 2004) spielt den kranken, aber ungebrochen scharfsinnigen Terzani energisch und verschwindet beinahe ganz hinter seiner Figur. Angeblich soll er als großer Bewunderer des Reporters die Rolle angenommen haben, ohne das Drehbuch zu kennen. Der hohe Respekt vor der realen Person versperrt allerdings sowohl Ganz als auch der Inszenierung offensichtlich den Blick – nicht einen Moment kratzt der Film an Terzani. Eine pampige Bemerkung über eine zu hart gekochte Kartoffel muss ausreichen, um die schwierigen Seiten seines Charakters anzutippen.

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Der meist fürs Fernsehen tätige Jo Baier, der unlängst für die Literaturverfilmung Henri 4 (2004) verantwortlich zeichnete, geht visuell keine Experimente ein und inszeniert sehr zweckmäßig und routiniert, um nicht zu sagen uninspiriert und gewöhnlich. Nur in wenigen Einstellungen weiß er das Potenzial der Umgebung optisch zu nutzen, verbleibt aber meist beim Gegenschneiden einfallsloser Großaufnahmen der beiden Gesprächspartner, was den Film wie ein Fernsehspiel in mediterraner Atmosphäre aussehen lässt. Bleibt zu bemerken, dass der Rest des schmalen Ensembles gegenüber Bruno Ganz abfällt und dieser somit den gesamten Film auf den Schultern trägt – Germani agiert derart passiv, dass die Spannungen zwischen Vater und Sohn kaum nachvollziehbar werden, wobei das vorsichtig herumdrucksende Skript dafür auch keinen Spielraum erkennen lässt. Es sagt viel aus über den Film, dass er selbst diese zentralen Problemstellungen nur hilflos über den Dialog transportieren kann und nicht eine einzige adäquate filmische Idee für sich verbuchen kann, die diesen Motiven entgegenkommt. Stattdessen erstarren die vielen romantischen Verklärungen, ohne eine erzählerische Mitte zu finden.

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Überdies will Baier krampfhaft für ein unbequemes Thema sensibilisieren und gleichzeitig Hoffnung spenden, sich obendrein aber auch diskursiv mit fernöstlichen Denk- und Glaubenssystemen auseinandersetzen. Nicht nur aufgrund der penetrant vorgetragenen Belehrungen misslingt Das Ende ist mein Anfang ganz grundsätzlich der Dialog mit dem Zuschauer, der hier eher bevormundet wird und dem die Erkenntnisse Terzanis wie in einer tränenziehenden Lehrstunde dargeboten werden.

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Kommentare


Jörg Baier

Ein soeben deutlich bewegter, veränderter Kinosaal mag dieser weltlichen Kritik nicht ganz beipflichten. Wenn man hinter die Materie unserer Zeit blickt, sieht man wohl, dass es in diesem Film nicht um fernöstliche Thesen, sondern um Wahrheiten unserer Existenz geht.


Klaus-Joachim Dejon

Passend zur Jahreszeit endlich ein Film ganz konzentriert auf ein Thema, an dem kein Mensch in seinem Leben vorbeikommt: das Lebensresumee von Terzani mit starker Charakterdarstellung durch Bruno Ganz - die anderen Familien mitglieder bleiben recht farblos; die Filmkritik von Marco Siedelmann trifft die Qualität der Regie-
führung exakt, insgesamt sehr langatmig... dies zwar dem Thema angemessen, doch Bilder aus dem sicher reichen Leben des Protagonisten, gerade in Bezug zu seiner Quintessenz könnten den Film szenisch sicher bereichern !
Gesamturteil : Thema hochinteressant, in der Umsetzung mit klaren Abstrichen






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