Das doppelte Lottchen

Erich Kästners immer noch populäres Kinderbuch aus den vierziger Jahren über ungleiche Zwillinge, die ihre geschiedenen Eltern wieder zusammenbringen wollen, ist bereits mehrfach verfilmt worden. Jetzt erstmals als Zeichentrickversion.

Das doppelte Lottchen

Bevor Kästner Das doppelte Lottchen 1949 als Buch veröffentlichte, hatte er es ursprünglich als Film-Treatment verfasst und dieses 1942 dem ungarischen Regisseur Josef von Báky angeboten. Aufgrund des Schreibverbots, das der regimekritische Autor während des dritten Reichs erhielt, mussten die beiden das Projekt allerdings aufschieben. Kästner arbeitete die Geschichte nach dem Krieg zum Roman aus, Báky adaptierte sie 1950, und der Film wurde als erster überhaupt mit dem Bundesfilmpreis ausgezeichnet.

Nach zahlreichen Realverfilmungen des Stoffes hält sich die erste Zeichentrickvariante größtenteils an ihre literarische Vorlage. Neben Curt Lindas Politsatire Konferenz der Tiere (1969) ist es bislang die einzig animierte deutsche Adaption eines Kästner-Buches. Der Plot wurde anders als in Joseph Vilsmaiers Charlie & Louise - Das doppelte Lottchen (1994) nicht der Gegenwart angepasst, sondern ins Jahr 1954 gelegt.

Hier begegnen sich die temperamentvolle Luise und die vernünftige Lotte in einem Ferieninternat und brauchen nicht lange, um festzustellen, dass sie Zwillinge sind und nach der Geburt getrennt wurden. Sie tauschen die Rollen, eine fährt zur Mutter nach München, die andere zum Vater nach Wien, und anfangs wittert nur der Haushund das Täuschungsmanöver. Doch dann meldet der Vater die unmusikalische Lotte bei einem Klavierwettbewerb an und verlobt sich außerdem noch. Was den Mädchen bei ihrem Plan, die Eltern wieder zu vereinen, überhaupt nicht ins Konzept passt.

Das doppelte Lottchen

Der Roman galt zur Zeit der Erstveröffentlichung als Skandal und wurde als nicht empfehlenswert für Kinder eingestuft, da er das damals noch heikle Thema Scheidung behandelt und zudem eine allein erziehende, berufstätige Mutter vorkommt. Der Autor schlägt sich auf die Seite der kindlichen Heldinnen, gegen die Position der Erwachsenen. Der Film übernimmt diese Komplizenschaft und bemüht sich ebenso darum, die Illustrationen von Walter Trier, der sämtliche Kästner-Romane mit seinem Stil der wenigen Striche und bunten Farben prägte, in bewegte, weitgehend handgezeichnete Bilder umzusetzen. Das Ergebnis ist eine simple, naive Retro-Ästhetik, die zur geradlinigen und klassischen, eher überraschungsarmen Erzählweise passt.

Der typisch feine Humor Kästners kommt dagegen zu kurz, oder er muss einer plumperen Ausrichtung weichen. Wenn als Witzfigur mehrfach ein übergewichtiges, im Buch lediglich als „pausbäckig“ beschriebenes Kind herhalten muss, dann wirkt das in Zeiten zunehmender Essstörungen unter Jugendlichen gedankenlos und widerspricht der modernen und toleranten Botschaft, die der Film trotz seines altmodischen Settings vermitteln will. Davon abgesehen bietet er für Zuschauer im Vorschulalter keine herausragende, aber solide Unterhaltung und für manchen Erwachsenen einen nostalgischen Trip in die Vergangenheit.

 

Trailer zu „Das doppelte Lottchen“


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