Das Ding aus einer anderen Welt

Wiedersehen mit einem Schocker: Carpenters Übung in Gore und Gewalt hetzt Kurt Russell und Kollegen in der Antarktis ein Monster auf den Hals.

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Wer Mitte der 80er Jahre in der westdeutschen Provinz seine Jugend verlebte, für den gab es samstagabends nur eine wahre Freizeitbeschäftigung: Videonacht! Man schob klobige VHS-Kassette um Kassette in den riesigen Rekorder und glotzte bis in die frühen Morgenstunden. Bis man zwischen Lisa – Der helle Wahnsinn (Weird Science, 1985) und Die rabenschwarze Nacht (Fright Night, 1985) einen Film aus dem Stapel zog, der den TV-Bildschirm mit einem ungeheuren Blutbad überschwemmte und nach seinem hoffnungslosen Ende mittelschwer traumatisierte Jugendliche zurückließ: John Carpenters Das Ding aus einer anderen Welt (The Thing, 1982). Danach galt dieser Film auf weiteren Videonächten als Mutprobe. 

Tatsächlich feierte er erst einige Jahre nach der enttäuschenden Kino-Auswertung auf VHS seine Auferstehung als Kult-Klassiker für Genre-Fans. 1982 landete er in den US-Kinocharts weit abgeschlagen auf Platz 42, düpiert ausgerechnet von Steven Spielbergs E.T. – Der Außerirdische (E.T.: The Extra-Terrestrial), der Science-Fiction als leicht konsumierbare Familienunterhaltung etablierte. Wenigstens befand The Thing sich damit in guter Gesellschaft – Blade Runner, im gleichen Jahr gestartet, lief nur geringfügig besser und landete auf Platz 27. 

Das Drehbuch von Das Ding aus einer anderen Welt basiert auf der Kurzgeschichte Who Goes There? von John W. Campbell Jr. aus dem Jahr 1938. Sie wurde bereits 1951 von Christian Nyby vefilmt, allerdings in einer stark veränderten Version. Die Geschichte spielt in einer US-Forschungstation in der Antarktis, besetzt mit zwölf Männern, darunter Helikopter-Pilot Macready (Kurt Russell). Aus einer norwegischen Basis läuft dem Team ein Schlittenhund zu. Wie sich herausstellt, sind alle Norweger tot – und das Tier entpuppt sich als Alien, das seine Gestalt verändern und andere Organismen imitieren kann. Was es alsbald auch tut. Jeder der Männer, die auf der Station ihren Dienst versehen, kann der mörderische Außerirdische sein. Einer nach dem anderen wird absorbiert oder auf andere unsanfte Weise ins Jenseits befördert. 

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Ein dramaturgischer Mechanismus, der natürlich an Ridley Scotts drei Jahre zuvor erschienenen Monster-Sci-Fi-Thriller Alien denken lässt: In der relativen Einheit von Ort, Zeit und Handlung treibt ein außerirdisches Wesen sein mörderisches Handwerk und dezimiert nach und nach eine Gruppe von Menschen. Bei aller äußerlichen Ähnlichkeit könnte aber die Divergenz der inszenatorischen Strategie in beiden Filmen kaum größer sein. Während bei Alien das Monster selten und immer nur sehr kurz zu sehen ist, der Horror also im Kopf des Zuschauers entsteht, geht Carpenter den entgegengesetzten Weg: Was Das Ding aus einer anderen Welt vor allem auszeichnet, sind die ausufernden Gore-Effekte, mit denen Carpenter das Monster aus dem Schatten zerrt und ins grelle Scheinwerferlicht stellt. 

Diese Szenen halten den Film im kollektiven Gedächtnis fest. Carpenter hatte dem damals erst 22-jährigen Make-Up-Spezialisten Rob Bottin freie Hand gegeben. Der lieferte bis ins Absurde gesteigerte Maskeneffekte in epischer Länge: irrsinnig verzerrte Fratzen, ein Brustkorb mit Fangzähnen, ein Menschenkopf auf Spinnenbeinen. So wird aus Das Ding aus einer anderen Welt ein Panoptikum der Verstümmelung und Deformation. Und der ausschließlich männliche Körper, im Action-Kino der 80er Jahre ansonsten zur Kampfmaschine stilisiert und fetischisiert, wird hier verstümmelt, verbrannt, zerstört.

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Mit knapp 20-jährigem Abstand ist es aus filmhistorischer Sicht diese Körperlichkeit, die die Trickeffekte interessant macht. Nur neun Jahre später lösen in Terminator 2 – Tag der Abrechnung (Terminator 2: Judgement Day) Morphing-Effekte, mittels derer der Roboter T-1000 menschliche Körper imitiert, die handgemachten Tricks von Das Ding aus einer anderen Welt ab. Aus Gummi und Gelatine werden Bits und Bytes, aus Materialität Digitalität, und damit einher geht die Ablösung des Gezeigten von der fotografischen Realität. Insofern besitzen die diversen Verwandlungen und Deformationen in Carpenters Film eine überraschende Unmittelbarkeit, die Digital-Effekten oft fehlt. 

Letztendlich sprengen die ekzessiven Effekt-Orgien aber die Spannungsdramaturgie des Films. Carpenter gelingt es nicht, sie als handlungstreibendes Element zu nutzen – vielmehr wirkt es oft so, als würde der Film für eine Showeinlage angehalten. Mit zunehmender Dauer führen die Effekte immer mehr ein Eigenleben und treiben des Film in ihrer absurden Steigerung an den Rand der Lächerlichkeit. Einige Set-Pieces lassen an eine bizarre Horror-Version der Muppet-Show denken. Und bei aller Eindrücklichkeit vermitteln die verschiedenen Inkarnationen des Monsters nie kinetische Energie, weil sie sich gar nicht oder nur sehr langsam bewegen. 

Auch weil hier nichts der Fantasie des Zuschauers überlassen bleibt, wirken die Effekte zwar unmittelbar, aber nur punktuell. Ihnen fehlt ein Resonanzraum, sie verpuffen, ohne die Geschichte mit einem Grauen aufzuladen, das über den rein visuell stimulierten Schock hinausweist. So wird das Wiedersehen mit der Mutprobe von damals zu einem recht schalen Erlebnis.

Trailer zu „Das Ding aus einer anderen Welt“


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