Das Brot der frühen Jahre

Am Anfang war ein Österreicher. Herbert Veselys Das Brot der frühen Jahre gilt als erster Spielfilm des Oberhausener Manifests.

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„Der alte Film ist tot, wir glauben an den neuen.“ Mit diesen Worten endet das Manifest, in dem 26 junge Filmschaffende am 28. Februar 1962 bei den Kurzfilmtagen von Oberhausen die Erneuerung des deutschen Spielfilms postulierten: die Überwindung des Heimatfilms der 1950er Jahre und die Schaffung eines zeitgemäßen Kinos. Mitunterzeichner war der Österreicher Herbert Vesely. Sein erster Spielfilm, der kurz darauf in Cannes Premiere hatte und zum Hoffnungsträger dieses jungen deutschen Films stilisiert wurde, konnte den hohen Erwartungen der damaligen Kritiker nicht standhalten. Und doch lohnt es sich, 50 Jahre später noch einmal einen Blick auf Das Brot der frühen Jahre zu werfen.

Der Film beginnt mit einer Bahnfahrt. Der Zug rattert über die vor uns liegenden Schienen. Wie in Ruttmanns Berlin: Die Sinfonie der Großstadt (1927) rollen wir in einen Bahnhof ein. Nur markiert die Fahrt hier nicht die Abgrenzung zwischen Land und Stadt, sondern die zwischen Ost- und Westberlin. Ein Schwenk nach oben zu den Lautsprechern. Die bleiben stumm. Stattdessen gleitet die Kamera langsam über das Schild der Haltestelle: Gleisdreieck. Wir sind in Westberlin – noch oder wieder. Mit dem Ende des durchgehenden Schienenverkehrs zwischen West- und Sowjetzone 1953 ist der Bahnhof Gleisdreieck der „letzte Bahnhof im Westsektor“. Genau hier wird sich Walters (Christian Doermer) Leben für immer verändern.

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Noch auf dem Gleis hören wir zwei Frauenstimmen, die sich am Telefon über seinen Verbleib austauschen. Die eine gehört seiner zukünftigen Frau Ulla (Vera Tschechowa), die andere seiner Vermieterin Frau Brotig (Eike Siegel). Die Kamera inspiziert ihre Gesichter, ihre Blicke schreiben Bände, als sie wiederholt über seine letzten Schritte und sein spurloses Verschwinden sinnieren: „Der Schuft, der undankbare Schuft.“

Walter Fendrich ist 24 Jahre alt und – wie Anita G. aus Abschied von gestern (1966) – Ost-Flüchtling. Beide mussten stehlen, um zu überleben. Doch während sie sich in Kluges Film noch abmüht, in der Bundesrepublik Fuß zu fassen, besitzt er bereits eine gutbezahlte Anstellung als Waschmaschinenmechaniker. Auch privat sieht es rosig aus: Ulla ist die Tochter des Chefs, dessen Firma er nach der Heirat übernehmen soll. Am Gleisdreieck, der topografischen Schnittstelle zwischen Westen und Osten, bahnt sich auch Walters Vergangenheit wieder einen Weg in sein Leben.

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Sind es in Heinrich Bölls gleichnamiger Romanvorlage von 1955 die Hungerjahre nach dem Krieg, so ist es bei Vesely, dessen Kurzfilme zuvor schon stets auf Literaturvorlagen gründeten, die Zeit in der Ost-Zone, die der Protagonist nicht vergessen kann. Den Jahren der Entbehrung steht der Überschuss des Wirtschaftswunders in Form von prächtig beleuchteten Einkaufsstraßen und dem Wohlstand der Familie Wickweber, in die er einheiraten soll, gegenüber. Als er Hedwig (Karen Blanguernon), ein Mädchen aus seinem alten Dorf, von eben diesen Gleisen abholt, erkennt er auf einen Schlag die Sinnlosigkeit seines alten Daseins.

Walter selbst tritt zum ersten Mal auf unscharfen Fotos mit verschwommenen Konturen in Erscheinung, von denen einige gar Fahndungsbildern gleichen. Eine sachliche Männerstimme vermeldet Eckdaten seines Lebens. Seine institutionalisierte Biografie steht der individuellen Erinnerung der Frauen gegenüber. Stillstand und Fremdzuschreibung, aus denen sich Walter emanzipiert, was jedoch in keine wirkliche Vorwärtsbewegung, sondern in ein existenzialistisches Drehen um sich selbst mündet.

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Dialoge und Szenen spiegeln sich. Ein innerer Monolog durchzieht den Film, reflektiert jeden neuen Schritt, wendet jedes Geschehen ein Dutzend Mal in Wiederholungen hin und her. Ähnlich wie in dem zeitgleich entstandenen Letztes Jahr in Marienbad (L’année dernière à Marienbad, 1961) hängt die Zeit in der Schwebe. Zeitsprünge verweben Vergangenes mit Gegenwärtigem, ohne wie in Marienbad gänzlich ununterscheidbar zu werden. Veselys ausgeprägter Formalismus erreicht keineswegs die exzessiven Ausmaße eines Resnais. Nicht zuletzt durch Bölls Mitarbeit an den Dialog- und Textstellen wird Das Brot der frühen Jahre auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.

Virtuose Bilder dazu liefert der Kameramann Wolf Wirth, neben dem Hauptdarsteller und dem Produzenten Hans Jürgen Pohland ebenfalls ein Unterzeichner des Oberhausener Manifests. Eine gewisse Leichtigkeit umweht seine Einstellungen. Zum Beispiel, wenn Walter in Begleitung der Jazz-Musik von Attila Zoller die Straße entlang tingelt, zum ersten Mal mit einem Lächeln auf dem Gesicht, dessen Lippen zuvor die süße Freiheit gekostet haben. Im jugendlichen Übermut dreht Wirth seine Runden mit ihm um die Schaufenster. Beständig lässt er den Blick nach oben abdriften, verfängt sich träumerisch in kahlen Ästen und Häuserfassaden.

Es ist Nacht geworden. Das Liebespaar Walter und Hedwig umarmt sich auf dem Gehweg. Mehrere Male werden sie von der Kamera umrundet. Die Welt steht still. Gestern und morgen verblassen, und wieder kreist alles nur um sich selbst. 

Trailer zu „Das Brot der frühen Jahre“


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