Das Bourne Vermächtnis

Der Preis des Überlebens.

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Jason Bourne war eine menschliche killing machine, die zur survival machine mutierte. Er wurde für seine Befehlshaber, die ihn gerne tot gesehen hätten, der Geist, den sie riefen. Aron Cross (Jeremy Renner), Hauptfigur in Das Bourne Vermächtnis (The Bourne Legacy), veranschaulicht genau jenen todbringenden Überlebenstrieb. Passend dazu schlägt er sich als Mann fürs Grobe im Krieg gegen den Terror erst mal eine halbe Stunde durch das verschneite Alaska, taucht in Eiswasser, klettert ungesichert durchs Gebirge und prügelt sich mit Wolfsrudeln. Aber während das etwas aus der Mode gekommene Genre des Survival-Films reaktiviert wird, tobt in den Amtsstuben der amerikanischen Sicherheitsbehörden der Sturm des Geheimnisverrats: Jason Bourne, auch wenn er in „seinem“ neuen Film nur als Titel und Fotografie präsent ist, droht, die rücksichtlosen Methoden von CIA & Co aufzudecken. Politthriller, Action, Survival: Das Bourne Vermächtnis folgt einer dreigeteilten generischen Inszenierungslogik.

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Regisseur Tony Gilroy war Drehbuchautor der ersten Bourne-Filme, er kennt sich aus in seiner fiktiven Welt der menschlichen Maschinen und dubiosen Geheimdienstprogramme. So webt er ein engmaschiges narratives Netz, das mittels einer recht ungewöhnlichen Erweiterung der erzählten Welt die Geschehnisse des neuen Bourne-Filmes am Rande der Ereignisse von Das Bourne Ultimatum (Paul Greengrass, 2007) ansiedelt. Das Bourne Vermächtnis ist kein Sequel, kein Prequel und kein Spin-off, sondern eine sich zum Ultimatum zeitgleich ereignende Ereigniskette. Dadurch wird der Film enorm abhängig vom Zuschauerwissen, er verweist in Form von Nachrichtensendungen zur globalen Hetzjagd auf Jason Bourne immer wieder auf die labyrinthischen Verstrickungen verschiedener Geheimdienstabteilungen und Top-Secret-Missionen. Dazu addiert Gilroy noch ein weiteres „Black Ops“-Programm, bei dem es um genetisch verbesserte Superkrieger und Experimente mit menschlichen Versuchskaninchen geht.

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Dieser Overkill an erzählerischen Informationen wäre tödlich, wenn Gilroy nicht einen klaren Blick auf die durch sie vernetzten Figuren bewahrte. Das „Vermächtnis“ Jason Bournes ist ein allpräsenter Handlungszwang: Alle Akteure, die Apparatschiks in den CIA-Büros ebenso wie ihre willfährigen Wissenschaftler, stehen mit dem Rücken zur Wand. Und sie alle kämpfen in ihren jeweiligen Registern ums Überleben, sei es die Abwendung des PR-Gaus, die Bewahrung von Staatsgeheimnissen, die Sicherung persönlicher Karrieren oder eben das nackte Weiterleben derjenigen, die dem Machtapparat im Wege stehen. Gilroys Drehbuch nimmt die Motivationen aller Protagonisten ernst und gesteht ihnen zu, unter dem Eindruck von Alternativlosigkeit zwar radikale, aber durchaus nachvollziehbare Entscheidungen zu treffen. Hier drückt sich ein durchaus beachtenswerter Systemskeptizismus aus; die in den letzten Jahren vor allem in der Finanzpolitik allpräsente Logik der Krisenbewältigung ist hier polizeiliche Handlungsmaxime.

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Aber etwas stört. In der Welt dieses Films ist der Preis des Überlebens zwangsläufig der Tod des Anderen. Doch obzwar Gilroy die moralischen Dilemmata der experimentellen Medizin, der menschenverachtenden Verteidigungsprogramme, der globalen Kriegstreiberei auslotet: Das Auswechseln der kleineren Räder im quietschenden Getriebe fällt hier gänzlich in die Gefilde der Action und des Thrills. Die körperlich engen Auseinandersetzungen zwischen Aron und seinen Widersachern enden fast ausnahmslos mit einem audiovisuell akzentuierten Genickbruch der Schwächeren – jeder Tod wird sorgsam inszeniert. Die präzisen Martial-Arts-Szenen der letzten Filme bleiben also bewahrt, doch Gilroy setzt in Sachen Kamerabewegung und Schnittrhythmus auf Klarheit anstelle der Zitterbilder seines Vorläufers Greengrass.

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Das Resultat ist ein allzu bekanntes: dank der Taktik des cleveren Blockbusters, möglichst viele Zuschauer zu adressieren und möglichst viele Lesarten zu gestatten, zerfällt der Film in widersprüchliche Action- und Spionagesequenzen, bei denen die Problematik des einen („Welcher Zweck heiligt welche Mittel, und wie kann ich ihn erkennen?“) diejenige des anderen („Wie reiße ich die Zuschauer mit?“) relativiert. Und dieser Riss klafft in Das Bourne Vermächtnis weit auf: oder präziser, seine Dramaturgie ist vollkommen verkorkst.

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Denn auch wenn in der ersten Filmhälfte das Tempo extrem niedrig und die Dialogdichte hoch ist, so entwickelt sich gerade dadurch ein schattiges und niederschlagendes Bild der tödlichen Automatismen institutioneller Krise. Die Schrecken amerikanischer Kriegsführung im Ausland und des von Gewalt durchsetzten Alltags im Innern werden deutlich, wenn die CIA ihre Geschöpfe mit unbemannten Drohnen jagt und ein mausgrauer Wissenschaftler im Labor Amok läuft. Aber sobald sich Aron bei seinem Überlebenskampf mit der Virologin Dr. Shearing (Rachel Weisz) zusammengetan hat, kippt der Film von einer Collage aus Survival- und Spionageversatzstücken in pure Action und endet nach einer fast halbstündigen Verfolgungsszene urplötzlich mit einer absurden Schlussnote, die jedem Roger-Moore--Bond gut gestanden hätte und die ganz offensichtlich auf eine Fortsetzung schielt. Irgendetwas ist schief gelaufen in der Akzentsetzung dieses Filmes, der auf seine eigenen Fragen nur höchst unbefriedigende Antworten findet und der dadurch selbst wirkt, als kämpfe eine im Niedergang begriffene Serie mit allen Mitteln ums Überleben.

Trailer zu „Das Bourne Vermächtnis“


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Kommentare


J.Bayer

... von Das Bourne Ultimatum (Peter Greengrass, 2007) ansiedelt. -> Paul Greengrass


Michael

Danke, ist korrigiert.






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