Das Badehaus - Shower – Kritik

Der Geschäftsmann Ming Da kehrt in die Heimat zurück und besucht seine Familie. Nach anfänglichen Schwierigkeiten lernt er das ruhige Leben seiner Verwandten schätzen und hilft mit, das Badehaus seines Vaters in Schwung zu halten.

Das Badehaus - Shower

Manchmal muss man nur ein bisschen Geduld haben. Wenn es um die Deutschen Kinoverleiher geht, oft auch eine ganze Menge. Doch nicht immer ist das Warten vergebens: Mehr als sechs Jahre nach seiner Erstaufführung findet nun Das Badehaus - Shower (Xizao), eine kleine Perle des chinesischen Independentfilms, seinen Weg in die hiesigen Kinos.

Als Ming Da (Pu Quanxin) seinen Vater Liu (Zhu Xu), der gemeinsam mit seinem anderen Sohn Ming Er (Yang Wu) ein Badehaus in einem gemütlichen Vorort Pekings betreibt, besucht, glaubt er, dieser liege im Sterben. Tatsächlich geht es dem Alten gut, der geistig behinderte Ming Er hatte absichtlich mit Hilfe einer zweideutigen Postkarte seinen Bruder, einen erfolgreichen Geschäftsmann aus Shenzhen, in die Heimat gelockt. Hier trifft dieser auf einen Lebensstil, der ihm sehr fremd geworden ist: Liu und sein Sohn kümmern sich um jeden ihrer Gäste, fast ausschließlich alte Herren, persönlich, nehmen am Leben der Badehausbesucher teil, helfen bei kleinen und größeren Problemen. Nach und nach beginnt Ming Da Gefallen an der Arbeit im Badehaus zu finden, und als sich die Gesundheit seines Vaters schließlich doch deutlich verschlechtert, ist er gezwungen, eine Entscheidung über sein zukünftiges Leben zu treffen. Zuerst jedoch muss er die Beziehung zu seinem Bruder, mit dessen Behinderung er sich nie wirklich auseinandersetzen wollte, neu aufbauen.

Das Badehaus - Shower

Regisseur Zhang Yang entwirft das äußerst stimmige Bild der sozialen Gegebenheiten innerhalb des Badehauses, zwischen dessen Wänden die Zeit stillgestanden zu haben scheint. Nichts ist zu sehen von der Modernisierung Chinas, die Alten vergnügen sich mit Massagen und Insektenkämpfen, ernsthafte Streitereien entstehen höchstens durch zu lautes Singen unter der Dusche. Die familiär geführte Badeanstalt erscheint nicht nur als Schutz vor den zahlreichen Veränderungen innerhalb der Gesellschaft, sondern auch als letzte Bastion angeschlagener Männlichkeit. Frauen spielen keine große Rolle in Das Badehaus, wenn sie doch auftreten, erscheinen sie meist als Gefahr, etwa wenn eine Beamtin den Bescheid zum endgültigen Abriss des Gebäudes, welches einem Einkaufszentrum weichen soll, überbringt. Für einen Dauergast ist die weibliche Bedrohung konkreter: seit er unter Impotenz leidet, versteckt sich der noch relativ junge Mann den ganzen Tag und so manche Nacht vor seiner Frau bei Liu und Ming Er. Der Alte hat natürlich auch für dieses Problem eine Lösung.

Diese Badeanstalt, die letzte Hoffnung des Patriarchats, bildet das Zentrum des Films, doch auch die Parks und engen Gassen des Stadtteils spielen eine wichtige Rolle. Selten gelingt es einem Film, den Ort der Handlung so fassbar werden zu lassen wie hier. Zhang Yang erreicht dies mit ganz einfachen Mitteln, vor allem der variierenden Widerholung, immer wieder laufen die Charaktere durch die gleichen Gassen und begegnen denselben Menschen, doch jedes Mal hat sich die Szenerie ein klein wenig verändert. So gewinnt das Publikum Einblick in die organischen Funktionsmechanismen eines chinesischen Stadtviertels, dessen Sozialstruktur sich noch im Gleichgewicht befindet. Die Modernisierung, dies macht der Film unzweideutig klar, wird diese Harmonie über kurz oder lang zerstören.

Das Badehaus - Shower

Der sorgfältig komponierte Film wird zusätzlich vom metaphorischen Gebrauch des Wassers unterstützt. Vor allem Ming Er, als emotionales Zentrum des Films der Gegenspieler des rationalen Ming Da scheint fasziniert von dem flüssigen Element. Nicht nur im Badehaus sucht er das Wasser, er findet auch in der Stadt Sprinkleranlagen und liebt es, im Regen spazieren zu gehen. Manchmal treibt es der Regisseur mit diesem Motiv etwas zu weit: bei einem lokalen Kulturfestival muss Ming Er einen Badegast, der einen Gesangsvortrag halten will, erst mit Hilfe eines Gartenschlauches durchnässen, bevor dieser seine Scheu überwindet und aus vollem Halse „O sole mio“ schmettert. In solchen Szenen droht der Film ins Lächerliche zu kippen, was Zhang Yang aber – auch aufgrund der hervorragenden Schauspieler – stets vermeiden kann.

Auch wenn Zhang Yang seine Motive und Metaphern manchmal etwas zu sehr zu lieben scheint und diese dadurch zum Selbstzweck zu werden drohen, funktioniert sein Werk auf mehreren Ebenen hervorragend, sowohl als Familiendrama als auch als Milieustudie, und gewährt außerdem einen Einblick in einen Bereich des chinesischen Kinos, der auf den großen Festivals meist wenig präsent ist. Denn Das Badehaus ist kein auf den Auslandsmarkt zugeschnittener Kunstfilm, sondern ein Film von Chinesen für Chinesen. Umso schöner, dass er auch hierzulande funktioniert.

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