Darna, Kuno...?

Crossdressing-Farce und popkulturelles Gipfeltreffen: Weil Superheldin Darna nicht verhütet hat, springt ein Taxifahrer als Schwangerschaftsvertretung ein.

“Darna Kuno!” ruft der Mann mittleren Alters, nachdem er sich eine Art magisches rotes Bonbon in den Mund gesteckt hat – und im nächsten Moment trägt er nicht mehr seine leicht schäbige Alltagskluft, sondern einen rot und grün glitzernden Bikini. Nun hat er Superkräfte und kann theoretisch fliegen (ein Spezialeffekt, den der Film sich nicht allzu oft zumutet). Bevor er sich daran macht, die Bösewichter und Dämonen, gegen die er antritt, zu vermöbeln, wirft er sich aber erst einmal in die Hüfte und flirtet mit seinen Widersachern – die ihrerseits sehr angetan sind von seinen Avancen.

Superheldin sucht Schwangerschaftsvertretung

Darna Kuno 03

Man hört immer wieder, dass Komödien schlecht übersetzbar, weil auf kulturspezifisches Wissen angewiesen seien. Erst recht sollte das auf einen Film wie Darna, Kuno…? zutreffen – eine philippinische Science-Fiction-Parodie aus den späten 1970er Jahren, in der der Held gegen eine Armada Dämonen aus der südostasiatischen Naturmystik antritt und in der es vor albern knallbunten Kostümierungen und Seitenhieben auf lokale Showbiz-Prominenz nur so wimmelt. Schaut man sich als Nicht-Philippiner den Film, den man aus den Tiefen des Internets sogar englisch untertitelt bergen kann, jedoch trotzdem an, merkt man schnell, dass man eigentlich nur zwei Sachen wissen muss (über die Wikipedia freudig Auskunft gibt): zum einen, dass Dolphy, der Hauptdarsteller, ein legendärer Comedian war, der von den späten 1940ern bis zu seinem Tod 2012 als eine Art nationale Institution galt; zum anderen, dass die titelgebende Darna die populärste Superheldenfigur der Philippinen war und ist – nicht eine philippinische Wonder Woman, sondern eine philippinische Super(wo)man.

Wenn also Dolphy sich wieder und wieder in Darna verwandelt, dann ist das nicht nur eine Crossdressing-Farce, sondern auch ein popkulturelles Gipfeltreffen. Für dessen diegetische Rechtfertigung in einer frühen Szene im Film die „echte“ Darma auftaucht und ihre magische Pille an Dolphy übergibt, mit dem Hinweis, sie selbst könne bis auf Weiteres nicht mehr für kosmisches Recht und Ordnung sorgen, da sie beim Sex mit gleich zwei anderen Superhelden nicht verhütet habe. Dolphy ist also eine Schwangerschaftsvertretung – und befindet sich selbst auf Brautschau. Allerdings macht zunächst die potenzielle Schwiegermutter Probleme, weil die ihre Tochter nicht mit einem einfachen Tricycle-Fahrer verehelicht sehen möchte. Und dann wird die Angebetete auch noch, gemeinsam mit ihrer Schwester, von einem Dämon entführt.

Wachsbräute im goldenen Käfig

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Auch wenn diese Handlung von Anfang an ein äußerst fragiles Gebilde ist, das sich bei jeder Gelegenheit in komische, auf alle psychologischen Wahrscheinlichkeiten pfeifende Einzelnummern zerlegt: In der ersten Filmhälfte dominieren Darna zum Trotz soapy-sozialrealistische Motive, die, in eine andere Tonlage übersetzt, auch einem Brocka-Film entstammen könnten. Fast schon dokumentarische Qualitäten offenbart der Film zum Beispiel, wenn er ausführlich eine spirituelle Zeremonie zeigt, in der sich Katholizismus und Naturmystik zwecks Dämonenbekämpfung vereinen. Erst in der zweiten Hälfte nehmen die fantastischen Elemente überhand, mitsamt zahlreicher großartig naiver Spezialeffekte, die unter anderem darin bestehen, dass eine Figur wie mit einem Radiergummi aus dem Bild gelöscht wird und eine andere sich in einen wirbelnden Farbklecks verwandelt. Dolphy/Darna besucht in dieser zweiten Hälfte die Dämonenwelt und gerät dabei unter anderem, in der schönsten Szene des Films, in ein surreales Tableau aus zu Wachsfiguren gefrorenen jungen Frauen im Brautkostüm, die in goldenen Käfigen ihrer Befreiung durch einen Kuss harren. Dolphy lässt sich nicht lange bitten – er trägt dabei außerdem, warum auch immer, selbst ein Brautkleid.

Zwischendurch bleibt Zeit für ausführliche Filmparodien, die sich unter anderem Saturday Night Fever (1977), Unheimliche Begegnung der dritten Art (Close Encounters of the Third Kind, 1977) und – eine ziemliche Überraschung, vielleicht habe ich an dieser Stelle auch einen offensichtlicheren Einfluss übersehen – Das Schreckenskabinett des Dr. Phibes (The Abominable Dr. Phibes, 1971) annehmen. Wenn sich das alles eine Spur durchgeknallter anhört, als sich der Film tatsächlich anfühlt, dann deshalb, weil hier offensichtlich Profis am Werk sind: Der Trashappeal ist keine Ironiegeste, aber doch bewusst (und zumeist gut) gemachter Effekt, keineswegs Unfall. Regisseur Luciano B. Carlos, ein Routinier, orchestriert seine in jeder Hinsicht üppigen Attraktionen zwar nicht allzu dynamisch (Dolphy braucht Raum, um sich und seine knautschige Mimik angemessen entfalten zu können…), aber mit sicherer Hand.

Alteritätserfahrungen subalterner Taxifahrer

Darna Kuno 01

Kurzum: Ein Film aus dem Zentrum des Mainstreams einer quicklebendigen Filmindustrie. Den man vielleicht gleichzeitig als eine verquere Antwort auf das bekannteste Außenseiterwerk der philippinischen Filmgeschichte lesen kann. Tatsächlich gibt es interessante Parallelen zwischen Darna, Kuno…? und Kidlat Tahimiks zwei Jahre vorher komplett unabhängig produziertem und auf 8mm-Material fotografiertem Perfumed Nightmare (1977). In beiden geht es im Kern darum, dass subalterne Taxifahrer rabiat aus ihrem Alltagsleben herausgerissen und mit Alteritätserfahrungen konfrontiert werden. Wo Kidlat Tahimiks Jeepneyfahrer in Paris landet und die Tücken der europäisch-kapitalistischen Moderne kennenlernt, findet sich Dolphys Tricyclefahrer in Frauenkleidung wieder und wird in die Untiefen der intergalaktischen Populärkultur entführt.

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