Dark Shadows

Burton und Depp huldigen dem Pop-Phänomen Vampir in einer Bombast-Produktion.

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Die ersten Einstellungen lassen Ungutes vermuten, könnten sie doch direkt aus übrig gebliebenem Material von Fluch der Karibik, Sleepy Hollow und Sweeney Todd zusammengeschnitten sein: Establishing Shot auf im Nebel liegende Segelschiffe, dazu eine bedrohlich grollende Soundspur, dann ein aufwändig kostümierter und geschminkter Hauptdarsteller, gefolgt von einer unheimlich durch die Nacht schlafwandelnde Blondine im weißen Kleid. Kapitalistisches Wiederkäuen von Altbekanntem aus den Universen von Tim Burton und Johnny Depp? Ganz so schlimm kommt es nicht.

Die mittlerweile achte Zusammenarbeit von Burton und Depp, der neben seiner Hauptrolle in Dark Shadows den Film auch mitproduziert hat, listet in der Stab-Liste nicht weniger als 200 Mitarbeiter allein für die visuellen und digitalen Effekte auf. Die Dimensionen des produktionstechnischen Exzesses, die Burton erneut mit seinen detailverliebten, hyperstilisierten Welten füllt, werden nur annähernd greifbar. Die verspielte und kostspielige Opulenz wird indes flankiert von einem in seiner Trademark-Rolle schräger Vogel meets Sexgott aufgehenden Star-Schauspieler als Zugpferd. Über verpasste Möglichkeiten in einer eher faden Figurenzeichnung täuscht beides kaum hinweg.

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Im Jahr 1750 setzt die Familie Collins von England nach Amerika über, baut sich in Maine ein Fischerei-Imperium inklusive Schloss und dazugehöriger Stadt auf und steigt in die Sphären der Aristokratie auf. Der junge Barnabas Collins (Johnny Depp) wird wenige Jahre später zum vornehm-smarten Frauenhelden, bricht jedoch der falschen Frau das Herz. Hinter der jungen Magd Angelique Bouchard (Eva Green) nämlich verbirgt sich eine herrschsüchtige Hexe, die nach Barnabas’  Abweisung zuerst dessen Eltern und dann auch seine große Liebe Josette DuPres (Bella Heathcote) umbringt. Für Barnabas selbst denkt sie sich eine Strafe größtmöglichen Leids aus: Sie macht ihn zum Vampir und lässt ihn unsterblich und allein in seiner Trauer in einem Sarg tief unter der Erde eingraben.

Als mehr als 200 Jahre später Bauarbeiter Barnabas zufällig aus seiner Gruft befreien, ist das Familien-Unternehmen der Collins heruntergewirtschaftet, das marode Schloss beherbergt nur noch ein skurriles Figurenkabinett einiger weniger Nachfahren, und: Der edelmännische Vampir aus der Kolonialzeit findet sich im für Nicht-Beteiligte vielleicht schrägsten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts wieder: den 70ern. Daran ist im Film nicht nur Burtons konsequentes Durchdeklinieren von soziologischen Klischees schuld – neben dauerbreiten Jugendlichen im orangefarbenen VW-Bus, dem der freien Liebe frönenden Mittvierziger-Onkel im karierten Sakko und der mit Alice Cooper (Cameo!) rebellierenden Tochter etablieren viele Details die nicht nur für einen noblen Gentleman mit Blutsauger-Attitüde befremdlichen späten Hippie-Jahre. Hässliche kleine Troll-Puppen mit rosa Punk-Frisur, geknüpfter Makramee-Schmuck und die erst um die Millenniums-Wende ihr letztes Revival feiernde Lava-Lampe erzeugen bei Barnabas einige Anpassungsschwierigkeiten. Dass er Letztere für eine leuchtende Blutkonserve hält und ihn beim Anblick unsäglicher Durst befällt, zählt da noch zu den kleineren Problemen.

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Ähnlich wie in Zurück in die Zukunft (Back to the Future, 1985), nur unter umgekehrten Vorzeichen, arbeitet sich Dark Shadows zu Beginn am kulturellen Clash zweier Epochen ab. Das führt zu einigen durchaus subtilen situationskomischen Szenen, wenn etwa Barnabas der Hausherrin Elisabeth Collins Stoddard (Michelle Pfeiffer), die sich im Willen, dem Namen Collins neuen Glanz zu verleihen, mit ihm verbündet, sein Leid klagt: Immer wieder stößt er seinen Kopf auf eine Hammond-Orgel und erzeugt dabei schräg eiernde Moll-Akkorde, die verdächtig nach zeitgemäßem Rock-Sound klingen. Gegen Mitte des Films ist dieses Gag-Potenzial aber ausgekostet, und die Erzählung trabt gemächlich dahin. Das mag vor allem auch an den ohne viel Tiefe und Facetten konzipierten Nebenfiguren liegen. Fast scheint es, als ob beim Versuch, mit der Hauptfigur die Vielschichtigkeit und die Zwickmühlen eines liebenden und für seine Familie einstehenden Vampirs zu reflektieren, der Rest des Ensembles leicht in Vergessenheit geriet.

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Helena Bonham Carter kommt in ihrer Rolle kaum zur Entfaltung. Als Haus-Psychiaterin Dr. Julia Hoffman kann sie ihr immer leicht verschrobenes Schauspiel, wie man es zum Beispiel aus Fight Club (1999) oder Alice im Wunderland (Alice in Wonderland, 2010) kennt, nicht einbringen. An der Rolle der trinksüchtigen Quacksalberin liegt das prinzipiell nicht, allerdings geraten ihre Abgründe kaum in den Fokus, und so richtig betrunken sieht man sie kein einziges Mal. Neben einem tollen Cast hätte auch das  Szenario durchaus mehr Potenzial, man denke zum Beispiel an die mit naiv-makabren Abgründen behafteten Charaktere der Addams Family. Man vermisst den grotesk-satirischen Einschlag, den Burton in früheren Produktionen aufblitzen ließ und der immer auch an der Empathie des Zuschauers gekitzelt hat. Dark Shadows wirkt glattgebügelt, den ultimativen Konsens-Soundtrack mit eingeschlossen. Die Musik der Siebziger hat doch mehr zu bieten als den stereotypen Klassiker Nights in White Satin und Barry Whites You’re the First, the Last, my Everything.

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Mit deutlich mehr Fantasie und der Burton-typischen Opulenz begeht Dark Shadows eine bombastische Schluss-Sequenz. In einem äußerst haptisch-überbordenden Set – der Wunsch, all die zum Leben erwachenden Verzierungen und Skulpturen des Schlosses einmal anfassen zu können, lässt einem keine Ruhe – kommt es zum Endkampf gegen die auch im Jahre 1972 noch machtgeile und zutiefst eifersüchtige Hexe Bouchard. Mithilfe unkonventioneller Special-Effect-Looks fängt deren Fassade allmählich buchstäblich an zu bröckeln, und die Mitglieder des vereinten Collins-Clan präsentieren plötzlich noch überraschend andere Seiten ihrer Persönlichkeit. Es deutet sich an, welche Möglichkeiten charakterlicher Ausarbeitung der Protagonisten sich in Verbindung mit einem solch mythologisch aufgeladenen Märchen-Stoff ergeben. Der Stimmung beim Verlassen des Kinos tun diese letzten Minuten gut, für den Film selbst kommt diese Erkenntnis jedoch zu spät.

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