Dark Horse

Der mittellose junge Künstler Daniel und sein Kumpel „Opa“, der bei Fußballspielen immer nur auf den Schiedsrichter achtet, verlieben sich in dieselbe Frau. Dagur Káris Dark Horse ist eine romantische Komödie der etwas anderen Art.

Dark Horse

Ein junges Paar sitzt in einem Kopenhagener Café. Während einer Gesprächspause laufen vor dem Fenster ohne Vorankündigung zwei große Elefanten vorbei. Erklärt wird dieses seltsame Ereignis nicht, in der Welt von Dagur Káris Dark Horse (Voksne mennesker) gehören Dickhäuter auf der Strasse ebenso zum Alltag wie zugedröhnte Bäckereiangestellte und mit Motorsägen bewaffnete Großmütter. Der Regisseur des angenehm unaufdringlichen, dezent melancholischen Nói Albínói (2003) erweist sich in seinem neuen Film als Anhänger eines poetischen, dezidiert antirealistischen Kinos.

Der Film ist in kontrastreichem Schwarz-Weiß gedreht, was ebenso wie die atmosphärische Musik von slowblow, der Band des Regisseurs Dagur Kári, dazu beiträgt, die Handlung von Zeit und Raum abzulösen. Dark Horse spielt nur scheinbar im Kopenhagen der Gegenwart, in Wirklichkeit ist das Setting genau so unbestimmt wie der Lebensweg der Protagonisten. Wenn man das Geschehen auf der Leinwand datieren müsste, kämen eher die Sechziger Jahre in Frage, erinnert der Film doch vor allem stilistisch an die dreisten, fantasievollen Komödien dieser Zeit wie etwa Richard Lesters Der gewisse Kniff (The Knack ...and How to Get It, 1965).

Dark Horse

Dark Horse beginnt als skurrile Komödie im Stil Aki Kaurismäkis: der arbeitslose Künstler Daniel (Jakob Cedergren) verdient seinen Lebensunterhalt damit, gegen Bezahlung Liebeserklärungen anderer Menschen auf Häuserwände zu sprayen. Sein bester Freund, der von allen nur „Opa“ genannt wird (Nicolas Bro) arbeitet in einem Krankenhaus, sein Traum ist es jedoch, Fußballschiedsrichter zu werden. Beide verlieben sich in die junge Verkäuferin Franc alias Francesca (Tilly Scott Petersen), deren promiskuitive Mutter (Bodil Jørgensen) ebenfalls eine wichtige Rolle in der Geschichte spielen wird.

Daniels Handlungen sind nur auf den ersten Blick sinn- und folgenlos. Als der (Lebens)künstler schließlich auf frischer Tat mit der Spraydose in der Hand ertappt und vor Gericht gestellt wird, beginnt der zuständige Richter (Morten Suurballe), angesichts des ihm dargebotenen alternativen Lebensentwurfs, am Zweck seiner bürgerlichen Existenz zu zweifeln. ganz langsam bricht alles um ihn herum zusammen, bis er schließlich, jeglicher metaphysischen Grundlage beraubt, in den endlosen Gängen des Kopenhagener Flughafens wieder zu sich kommt. Ebenso wie es Daniel auf diese Weise gewinnt, ein klein wenig Subversion in den grauen Alltag zu tragen, werden auch in der Filmsprache des Regisseurs Risse deutlich, die den Streifen, vor allem gegen Ende, wohltuend von konventionelleren Komödien abheben.

Dark Horse

Die Montage gerät so manches Mal aus den Fugen, kurze Szenen werden doppelt gezeigt, Handlungsfäden reißen scheinbar unvermittelt ab und werden ebenso spontan von anderen ersetzt. Gerade die letzte Viertelstunde des Films ähnelt einem etwas wirren, aber stellenweise ergreifend schönen Tagtraum, der frei assoziierend zwischen verschiedenen zeitlichen und räumlichen Ebenen wechselt und die Regeln des klassischen Erzählkinos weit hinter sich lässt.

Leider kommt dieser Abschnitt des Films zu spät und trifft auf Figuren, die seiner nicht würdig sind. Daniel und Franc, stärker noch die Nebenfiguren, scheinen einem Paralleluniversum entsprungen, in dem es ein klein wenig zu skurril zugeht. Dagur Káris unverkennbares Vorbild Aki Kaurismäki entwarf seine seltsamen Figuren in Filmen wie Ariel (1988) und Leningrad Cowboys Go America (1989) vor dem Hintergrund der ganz normalen spießbürgerlichen Lebenswelt der Restbevölkerung, auch die Protagonisten selbst changierten stets zwischen absurder Rebellion und Desillusion. Nur aus diesem Kontrast entstand das komische und subversive Potential dieser Werke. In Dark Horse dagegen ist alles und jeder originell, kreativ und unangepasst, nichts unmöglich und deswegen irgendwann alles egal. Denn Dagur Kári gelingt es letztlich nicht, seinen Film mit echtem Leben zu füllen, Empathie für seine Figuren zu erzeugen, die man, ganz im Gegensatz zu Nói aus Nói Albínói, nach Verlassen des Kinos schnell wieder vergessen hat.

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