Dark Blood

Ein verlorener Film wird rekonstruiert. Mit einem interessanten Experiment lässt George Sluizer den verstorbenen River Phoenix wieder auferstehen.

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Wie wird man als Schauspieler unsterblich? Zum Beispiel, wenn man auf dem Höhepunkt seiner Karriere stirbt. So wie Bruce Lee, dessen internationaler Bekanntheitsgrad bis heute ungebrochen ist. Nach dem Tod des Martial-Arts-Stars führte das dazu, dass gleich mehrere Filme mit ihm posthum erschienen. Dabei handelte es sich jedoch nicht um bereits abgedrehte Projekte, sondern lediglich um Fragmente, teilweise sogar nur wenige Aufnahmen, die von geschäftstüchtigen Produzenten mit Doubles und haarsträubend konstruierten Plots zusammengeschustert wurden. Finanziell waren sie ein Erfolg, künstlerisch aber ein Desaster.

River Phoenix kommt an den Ruhm Lees freilich nicht heran. Doch sein engelsgleiches Gesicht, die mutige Rollenwahl und der mit nur 23 Jahren sehr frühe Drogentod machten ihn zu einer Art James Dean der 1990er Jahre. Letzte Filme gab es viele, etwa Even Cowgirls Get the Blues (1993), The Thing Called Love (1993) und Silent Tongue (1994). Einer wurde jedoch schon deshalb zum Mythos, weil er unvollendet blieb: Dark Blood vom niederländischen Regisseur George Sluizer. Da entscheidende Szenen erst gar nicht gedreht wurden, verschwand das Material damals in der Versenkung, ohne dass man darauf hoffen konnte, es jemals zu Gesicht zu bekommen. Fast zwanzig Jahre später wird das Geheimnis nun gelüftet: Sluizer hat den Film neu geschnitten, teilweise mit der Stimme von Rivers Bruder Joaquin nachsynchronisiert und die Leerstellen nicht mit neu gedrehten Szenen kaschiert, sondern deutlich ausgestellt: Während das Bild immer wieder einfriert, liest Sluizer die fehlenden Passagen aus dem Off vor.

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Diese Rekonstruktion ist zweifellos ein interessantes Experiment, unabhängig davon, was die wahren Absichten des Regisseurs sein mögen. Dabei drängt sich vor allem die Frage auf, ob das fehlende vierte Stuhlbein, wie Sluizer es nennt, schmerzhaft spürbar macht, was hier für ein Film hätte entstehen können oder, im Gegenteil, ob die offensichtliche Unfertigkeit eine Bereicherung darstellt, weil sie der Vorstellungskraft des Zuschauers Raum lässt.

Wie in seinem bekanntesten Film The Vanishing (Spoorloos, 1988) schickt Sluizer in Dark Blood ein Paar auf eine gefährliche Reise in eine unbekannte Region. Buffy (Judy Davis) und Harry (Jonathan Pryce) haben Hollywood den Rücken gekehrt, um ihre Ehekrise mit zweiten Flitterwochen zu kurieren. Allerdings funktioniert das nur bedingt. Man macht sich übereinander lustig und geht sich, von kleinen leidenschaftlichen Ausbrüchen einmal abgesehen, vor allem gegenseitig auf die Nerven. Eine Autopanne in der Wüste konfrontiert sie schließlich mit Amerikas Sünden der Vergangenheit, genauer gesagt der Unterdrückung der indigenen Bevölkerung. Dort wo das Jetset-Pärchen gestrandet ist und sich die wenigen überlebenden Indianer zurückgezogen haben, werden nukleare Tests mit verheerenden Folgen durchgeführt. Boy (Phoenix), ein verstörter junger Mann mit indianischem Blut, der seine Frau durch die Folgen der atomaren Strahlung verloren hat, haust hier mit seinem Hund in einer abgelegenen Hütte und heult nachts den Mond an.

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Die Situation bleibt überschaubar: Sluizer inszeniert ein sich langsam zuspitzendes Kammerspiel, in dem zwei fremde Welten aufeinanderprallen. Boy ist dabei ein Ausgebeuteter, der sich mit seiner Opferrolle nicht zufrieden geben will. Während Harry für ihn jenes wohlhabende Amerika verkörpert, dass das Land der Ureinwohner in eine Müllhalde verwandelt hat, erträumt er sich mit Buffy eine gemeinsame Zukunft, vielleicht in einer anderen Welt, wie er sie mit selbstgebastelten Kultgegenständen in einer Höhle beschwört. Was folgt, ist eine Art politischer Backwood-Horror, in dem die Fremden in eine nicht sofort erkennbare Gefangenschaft geraten. Zwischen Hass und verstörender Fürsorge pendelnd, hält Boy die Fremdlinge erst mit verschiedenen Ausreden und schließlich auch mit Gewalt in diesem apokalyptischen Niemandsland fest.

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Obwohl Dark Blood seine Thriller-Handlung gekonnt politisch auflädt und aus heutiger Perspektive ohnehin aktueller denn je ist, scheitert er zuletzt doch an seiner fragmentarischen Struktur. Nicht weil das Konzept eines unvollendeten Films an sich problematisch wäre, sondern weil das Unvollendete mit dem spezifischen Genre des Films nicht so recht harmonieren will. Denn während Dark Blood eigentlich von seiner Spannung und dichten Atmosphäre leben sollte, verhindert der Voice-over immer wieder aufs Neue, dass man sich dem Illusionismus des Films hingeben kann. Mitunter wirkt es auch so, als hätten die fehlenden Szenen vielleicht jene Augenblicke gebracht, die dem Ganzen mehr Leben eingehaucht hätten, etwa ein gemeinsamer Drogenrausch, bei dem Boy über das dunkle Blut fabuliert, das durch seine Adern fließt, oder eine spirituelle Verführungsszene in der Höhle. Mehr als Vermutungen aufstellen kann man hier aber nicht, und so muss man sich mit der Tatsache trösten, dass die Fantasie vielleicht der beste Regisseur ist.

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Nehmen wir also das, was uns Dark Blood tatsächlich bietet: einen seltsam unausgewogenen, manchmal etwas trashigen Film, der weniger mit Atmosphäre arbeitet, als sich auf das Spiel seiner Darsteller zu konzentrieren. Bemerkenswert dabei ist unter anderem, dass die Täterrolle nicht klar definiert ist und die Sympathien Sluizers eher dort liegen, wo man eigentlich das Böse vermuten würde. Weniger bei dem egozentrischen und selbstgerechten Paar als bei dem traumatisierten Jungen. Solche interessanten Aspekte fallen allerdings meist der Gesamtdramaturgie zum Opfer. Dark Blood bleibt somit vor allem auf dem Papier interessant, entwickelt aber durch seinen Wechsel zwischen Einfühlung und Distanz nie einen wirklichen, für den Film essenziellen Fluss. Da kann dann auch der schöne River Phoenix nur wenig dagegen ausrichten, dass es hier nur für eine filmhistorische Obskurität reicht.

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