Darjeeling Limited

Wes Anderson schickt drei sehr exzentrische Brüder auf eine Reise durch Indien, wo ihre Selbstfindung auf ganz andere Gleise gerät als ursprünglich geplant.

Darjeeling Limited

Die drei Brüder Francis (Owen Wilson), Peter (Adrien Brody) und Jack (Jason Schwartzman) sind auf einer Reise durch Indien, ein bisschen auch auf der Suche nach sich selbst, nach dem, was sie als Brüder, als Familie ausmacht. Irgendwann stoppt der Zug und fährt nicht weiter, steht mitten in einer Wüstenlandschaft: Man habe sich, erfahren sie, verfahren, und die Brüder wundern sich immerhin, wie ein Zug vom Weg abkommen könne, aber auch auf Nachfrage bleibt klar: „We haven’t been able to locate ourselves yet.“

Hätte man nicht die Besetzung schon vor Augen gehabt und die Bilder des Films bis dahin gesehen, in diesem Moment wäre spätestens deutlich, dass wir uns mit Darjeeling Limited (The Darjeeling Limited) – so heißt auch der Zug, der da in der Hitze festsitzt – in einem selbstreflexiven Familienfilm von Wes Anderson (siehe Special) befinden. Wilson ist eng mit Anderson befreundet, Schwartzman schon in seinem Rushmore (1998) zu sehen gewesen, und auch weitere „regulars“ wie Bill Murray und Anjelica Huston haben zumindest kurze Auftritte.

Dass Darjeeling Limited dabei an Andersons andere Filme erinnert, ist sicherlich nicht verwunderlich; der Regisseur hat sich einen sehr eigenen Stil angeeignet, der sich in allen Aspekten seiner Ästhetik niederschlägt. Die Ausstattungsorgie, mit der er in Die Tiefseetaucher (The Life Aquatic with Steve Zissou, 2004) durch bestürzende Aufmerksamkeit für jedes Detail Handlung wie Personen nahezu in den Hintergrund zu schieben drohte, ist hier immerhin ein wenig gemildert, wenngleich man da auch in Darjeeling Limited sicher keine Schlampigkeit bemerken wird.

Darjeeling Limited

Gerne setzt und stellt Anderson seine drei Hauptfiguren in Bildkompositionen, bei denen jede Farbe, jedes Detail genau bedacht und aufeinander abgestimmt ist, und immer noch ergeben sich dadurch Bildfolgen, die man auch als Standbilder lange ansehen mag, als habe sich der Regisseur seinen Film zuerst als Folge langer, ruhiger Einstellungen imaginiert und diese dann einander angepasst und miteinander verbunden.

Peter und Jack Whitman sind auf Einladung von Francis nach Indien gekommen, wo dieser hofft, dass sie im Rahmen einer auch spirituell gemeinten Reise Spannungen innerhalb der Familie aufzulösen in der Lage sein würden. Francis hat die Reise genau vorbereitet: Täglich erhalten die drei Stundenpläne, die ein Angestellter für sie erstellt, einschweißt und unter ihrer Abteiltür durchschiebt.

An Geld mangelt es den dreien nicht, im Gegenteil. Das Geld ist hier immer im Hintergrund, es grundiert die dem Leben gegenüber weniger gelassene als desinteressierte Haltung der Männer: Dies sind keine jungen Backpacker ohne Geld, sie reisen in einem exklusiven Zug und mit viel Gepäck. Emotional hingegen liegt da so einiges im Argen. Vor einem Jahr ist ihr Vater gestorben, die Mutter (Huston) hat sich in ein Kloster in den indischen Bergen zurückgezogen.

All das eröffnet sich erst im Lauf der Reise nach und nach, die durchaus nicht geradlinig verläuft – das groteske Konzept von Selbstfindung scheitert recht schnell schon daran, dass sich die äußeren Realitäten nicht Francis’ Plänen unterwerfen wollen, von der inneren Entwicklung jetzt einmal zu schweigen. Schließlich gönnt man sich keine Ruhe: Auch die innere Einkehr ist zunächst schon dem Terminplan unterworfen.

„We haven’t been able to locate ourselves yet.“ Das meint natürlich nicht nur den geographischen Ort, für Anderson ist diese Reise eine vor allem seelische, so dass der Film stellenweise an erheblichem Metaphorik-Overflow leidet. Will noch jemand einsteigen in den Zug des Lebens? Mit viel zuviel emotionalem Ballast, pardon, Gepäck, das zudem offensichtlich aus Familienbesitz stammt?

Darjeeling Limited

Dass es dann doch nicht so schlimm kommt, wie sich das anhören mag, liegt an den durchweg ironisch gebrochenen Charakteren, die in der Wirklichkeit wohl unerträglich wären, auf der Leinwand aber jenen Charme entwickeln, der die besten Figuren Andersons auszeichnet. Ihre Familienkonflikte haben schon die Figuren in Die Royal Tenenbaums (The Royal Tenenbaums, 2001) verhandelt, indem sie sich lange und lakonisch anschwiegen, während sie zueinander fanden; die drei Brüder, die ihr Heil schließlich bei der Mutter suchen, halten es ähnlich. Wohin sie das am Schluss führt, ist glücklicherweise gar nicht so klar.

Den ruhigen, fast beengenden Aufnahmen im Inneren des Zugs setzt Anderson außerhalb des Zuges, in den Städten, Tempeln und auf dem Land, gerne schweifende, weite Kamerablicke gegenüber, als ließen sich in dieser Fremde tatsächlich so etwas wie Offenheit und neue Wege finden. Hier finden sich die drei Brüder dann auch auf einmal in ein existenzielles Ereignis eingebunden, das das Trauma widerspiegelt, auf das sie sich immer wieder beziehen, und das sie aus ihrer Trägheit herauszureißen scheint.

Dass sie dabei trotzdem immer außen vor, immer Fremde bleiben, hat in Darjeeling Limited Methode: Hier wird keineswegs dem Exotismus gefrönt, obwohl wirklich reichlich Gelegenheit dazu bestünde. Stattdessen macht der Film immer klar, wie sehr man als Fremder nur mühsam eine Beziehung zu dem Geschehen außerhalb seiner selbst, außerhalb des eigenen Zugabteils aufnehmen kann. Bei den eigenen Brüdern anzufangen ist da sicher nicht die schlechteste Idee.

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