Dancing with Myself

Die Macherinnen von Ausfahrt Ost (1999) und Der Glanz von Berlin (2001) konzentrieren sich in Dancing with Myself einmal mehr auf den Alltag einfacher Leute. Voller Melancholie und Zukunftsangst liefern sie ein ergreifendes Porträt von drei Außenseitern.

Dancing with Myself

Und wieder einmal schaut sich Reinhard Alexis Sorbas (Zorba the Greek, 1964) an. Nicht nur ist es sein Lieblingsfilm, sondern mit seiner unbändigen Energie ist die Figur des lebensfrohen Sorbas (Anthony Quinn) auch sein großes Vorbild. Gebannt verfolgt er die Handlung und als Quinn am Strand von Griechenland zu tanzen beginnt, springt Reinhard aus dem Bett und imitiert dessen Tanzschritte, hemmungslos und ohne Angst, sich vor der Kamera lächerlich zu machen.

In Dancing with Myself, dem neuen Dokumentarfilm von Judith Keil und Antje Kruska, geht es um weit mehr als einfach Abschalten und Spass am Wochenende haben. Der Tanz in seinen unterschiedlichsten Formen ist nicht nur für den 63-jährigen Rentner Reinhard sondern auch für die anderen porträtierten Personen ein Lebenselexier und eine Flucht vor ihren problemgeladenen Leben. Laurin, eine 18 jährige Schülerin, zieht mit ihrem lasziven Tanzstil die Blicke von Männern und Frauen an. In der Schule klappt es jedoch gar nicht und sie quält sich nur mühsam durch die Tage. Auch Mario wachsen die Probleme immer mehr über den Kopf. Arbeitslos und auf sich alleine gestellt hangelt sich der 36 Jahre junge Mann mit Hilfsarbeiterjobs durchs Leben.

Dancing with Myself

Tanzen wird gemeinhin als sozialer Akt aufgefasst, entweder zu zweit oder in größeren Gruppen. Dancing with Myself präsentiert dagegen Menschen die alleine und für sich tanzen. Mit geschlossenen Augen scheinen sie völlig losgelöst von ihren Problemen zu sein und blühen auf der Tanzfläche auf. Anders als der thematisch ähnliche Dokumentarfilm Rhythm is it! (2003) ist Dancing with Myself glücklicherweise differenzierter. Voller penetranter „Du kannst es schaffen!“-Botschaften, die auf Dauer unerträglich wurden, und einer dem Spielfilm entlehnten Spannungsdramaturgie verkam Rhythm is it! zu einem äußerst plumpen Film. Ohne diese künstliche Dramaturgie begleitet der Film von Judith Keil und Antje Kruska dagegen in lockerer Form die drei Protagonisten.

Die zahlreichen Tanzszenen sind dabei nur der Aufhänger und die Gespräche konzentrieren sich überwiegend auf die schwierigen Lebensverhältnisse. So erzählt Reinhard von seiner großen Liebe Stella, die jedoch nur eine gute Freundin sein möchte. Mario dagegen leidet unter seiner Arbeitslosigkeit und Laurin möchte am liebsten das Gymnasium abbrechen. Der Gegensatz zwischen dem aufregendem Nachtleben und dem tristen Alltag gibt dem Film eine abwechslungsreiche Spannung und macht Dancing with Myself zu einem ergreifenden Porträt von drei Generationen Aussenseiter, geprägt durch Zukunftsangst und Arbeitslosigkeit.

Dancing with Myself

Die beiden Regisseurinnen dringen dabei tief in das Leben von Laurin, Mario und Reinhard ein. Der Geburtstag von Mario ist einer der bewegendsten Momente des Films. Angespannt und verunsichert nimmt er nur widerwillig die Glückwünsche seiner Mutter entgegen und beim Telefongespräch mit seiner Tochter kann er seinen Pessimismus kaum verbergen. Stellenweise hätte man sich jedoch etwas mehr Distanz gewünscht: Als sich Laurin und ihr Freund in einer Szene zärtlich küssen und die Kamera die beiden in Großaufnahme aufnimmt, ist man von dieser Intimität peinlich berührt und kommt sich als Störenfried vor.

Etwas schwerfällig erweist sich zudem die Gliederung der einzelnen Szenen. Die starre Abfolge aus Tanzsequenz, Interview, Tanzsequenz mit dem nächsten Progtagonisten, Interview, etc. wirken formal zu brav. Erst gegen Ende wird dieses Schema aufgebrochen.

Dancing with Myself

Im Gegensatz zu dem befreiend euphorischen Ende von Rhythm is it! belassen es Judith Keil und Antje Kruska letztendlich bei leichten Hoffnungsschimmern, gelöst sind die Probleme jedoch nicht. Dancing with Myself liefert dabei ein melancholisches Bild von drei gesellschaftlichen Außenseitern, angesiedelt zwischen Liebe und Einsamkeit.

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