Dancing in Jaffa

Der renommierte Tanzlehrer und preisgekrönte Turniertänzer Pierre Dulaine kehrt zum ersten Mal seit seiner Kindheit in seine Geburtsstadt Jaffa zurück für das wahrscheinlich persönlichste Projekt seiner Karriere – israelisch-palästinensische und israelisch-jüdische Kinder seiner Heimat im Gesellschaftstanz zu vereinen.

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Schon die ersten Bilder des Films – alte Aufnahmen von Pierre Dulaine mit seiner langjährigen Tanzpartnerin Yvonne Marceau, das Paar gleitet als Einheit elegant, ja beinahe schwerelos durch den Raum – geben den leichtfüßigen Ton vor, mit dem hier ein eigentlich sehr ernstes Thema behandelt wird. Doch wie im Tanz ist die Leichtigkeit nur eine scheinbare und vordergründige, dahinter steckt knochenharte Arbeit. In Jaffa, heute ein Stadtteil von Tel Aviv, leben jüdische und palästinensische Israelis zwar neben-, jedoch nicht miteinander, und das Verhältnis ist von Segregation, tiefliegenden Vorurteilen und Konflikten geprägt. Eine zwischen den Kulturen und Religionen zerrissene Stadt, in der die Gegensätze unübersehbar auseinanderklaffen. Eine schmale Brücke über diese Kluft zu bauen, das ist das Anliegen von Dulaines Tanzprogramm und ohne Zweifel kein einfaches Unterfangen in einer eher konservativ-traditionell ausgerichteten Gesellschaft. Die israelische Regisseurin Hilla Medalia folgt Dulaine auf dieser Reise ins Ungewisse.

Soziale Kompetenzen durch Tanz lernen

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Mit Gegensätzen arbeitet Medalia ebenfalls auf formaler Ebene, das Spannungsverhältnis zwischen spielerisch und ernst bestimmt das Erzählprinzip der Dokumentation. Die Leichtigkeit der Tanzszenen wird konsequent gebrochen und mit Alltagsszenen in Jaffa konterkariert: Demonstrationen, Kontrollen und immer wieder urplötzlich auflodernde Gewaltbereitschaft. Dazwischen darf Jaffa aber auch in atmosphärischen Bildern seinen Reiz als malerisch-farbenfrohe Kulisse entfalten, schimmert ein Abglanz der einst mächtigen Hafenstadt durch. Diese kontrastive Struktur wirkt von vornherein einer zu einseitigen oder gar euphemistischen Perspektive entgegen, wie sie die etwas naive Formel „Überwindung religiös-kultureller Differenzen durch die Macht des Tanzes (respektive der Kunst im Allgemeinen)“ auf den ersten Blick nahezulegen scheint. Durch Medalias kluge Inszenierungstechnik, Gegensätzliches ineinander zu verschränken, ohne dabei Brüche zu glätten oder wertend einzugreifen, entsteht ein vielschichtiges Bild der hier porträtierten Gesellschaft, wobei es die israelisch-jüdische Regisseurin bewusst unterlässt, dem Zuschauer eine eindeutige Position zum Nahostkonflikt aufzudrängen. Genau das macht einen guten Dokumentarfilm aus: Kritik und Reflexion werden durch die Komposition des Materials selbst evoziert.

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Im Mikrokosmos des Gesellschaftstanzes sollen die Kleinen weniger Schritte und Drehungen lernen als soziale Kompetenzen – gegenseitigen Respekt und Vertrauen, Selbstbewusstsein und Umgangsformen. Das Programm „Dancing Classrooms“ wurde von Dulaine und Marceau um 1994 ins Leben gerufen und mittlerweile an unzähligen Schulen mit großem Erfolg erprobt, die Dokumentation Mad Hot Ballroom (Marilyn Agrelo, 2005) hat bereits ein solches Projekt in New York mit der Kamera begleitet.

Den Kindern die Unschuld zurückgeben

In Jaffa steht Dulaine allerdings vor Herausforderungen gänzlich anderer Art. Sein frommer Wunsch, der Gemeinschaft seiner Heimatstadt etwas zurückzugeben, stößt zu Anfang auf viele verschlossene Türen und Köpfe. Schon die Schulen und Eltern zu überzeugen, die Viertklässler am Programm teilnehmen zu lassen, wird zur Odyssee. Im Unterricht sind im wörtlichen Sinne Berührungsängste zu überwinden – die alterstypischen Hemmungen zwischen Mädchen und Jungs werden durch religiös-kulturelle Ressentiments, Ver- und Gebote des jeweiligen Glaubens noch verstärkt. Da werden in den ersten Tanzstunden die Ärmel über die Hände gezogen, um jeden Hautkontakt zu vermeiden, und besorgte Eltern melden massive Vorbehalte gegen gemischtgeschlechtlichen Tanz an. Doch Dulaine bleibt bewundernswert hartnäckig und geduldig, bis seine Leidenschaft schließlich ansteckt – das intensive Training für den am Abschluss des zehnwöchigen Programms stehenden Wettbewerb, in dem israelisch-jüdische und israelisch-palästinensische Kinder gemeinsam als Paare antreten, kann beginnen.

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Mit Charme, Humor und Unermüdlichkeit bildet Dulaine, dessen Lebensgeschichte bereits in Liz Friedlanders Dance! (Take the Lead, 2006) mit Antonio Banderas in der Hauptrolle fiktionalisiert wurde, den emotionalen Motor der Dokumentation, mitreißend in seiner Begeisterung, ungeschönt in seiner zeitweisen Frustration. In der zweiten Hälfte der Dokumentation überlässt er seinen Schützlingen die Bühne, und Medalia legt den Fokus auf einzelne Schüler sowie die teils extrem unterschiedlichen sozialen Milieus, denen sie entstammen. Dort, wo er die Kinder in ihrer Lebenswirklichkeit observiert, bringt der Film seine intimsten und berührendsten Momente hervor. Und es wird sehr schnell deutlich, dass der Tanzunterricht im Dasein der Kinder als Eskapismus fungiert, weil er ihnen in gewissem Maße die Unschuld zurückgibt, fernab von Herkunft und Religion einfach nur Kinder sein zu dürfen.

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In solchen Augenblicken wächst der Film über die gespaltene Stadt Jaffa und sich selbst hinaus. Es ist ein Gemeinplatz, dass Kinder die Zukunft sind, und es sei dahingestellt, welchen Einfluss Dulaines Tanzprojekt langfristig hat und haben kann. In der Gegenwart jedenfalls gelingt es Dancing in Jaffa nicht nur, einen originellen Blick auf den Nahostkonflikt zu werfen, sondern auch, dass am Ende ein Funken Hoffnung aufscheint. Die Hoffnung, dass kleine Gesten vielleicht nicht die Welt oder Gesellschaft, aber doch ein einzelnes Leben und den Blick auf das Gegenüber verändern können.

Trailer zu „Dancing in Jaffa“


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