Dance!

Antonio Banderas in seiner ersten Mission: Impossible? Als Lehrer für Standardtänze will Pierre Dulaine antriebslose Problem-Kids zu ehrgeizigen, kultivierten Jugendlichen „erziehen“. Fragt sich nur, wer hier tatsächlich wen erzieht.

Dance!

Mobbing, Perspektivlosigkeit, Null Bock-Attitüde. Pädagogen schlagen Alarm, dass die Situation an unseren Bildungseinrichtungen noch weitaus dramatischer sei, als dies Vergleichsstudien wie PISA nahe legen. Nach der Aufdeckung der Ereignisse an der Berliner Rütli-Schule im vergangenen April ging ein kollektiver, wenngleich reichlich heuchlerischer, Aufschrei des Entsetzens quer durch die Medien. Meldungen über Gewalteskapaden an heruntergekommenen amerikanischen Highschools schockieren dagegen längst niemand mehr. Genau an einer solchen Schule ist die Handlung von Dance! (Take the Lead) angesiedelt. Gut zehn Jahre nachdem Michelle Pfeiffer in Dangerous Minds (1995) aufsässigen Kids über Karatetraining die englische Literatur näher brachte, tritt Antonio Banderas als engagierter Tanztrainer Pierre Dulaine in ihre Fußstapfen.

Pierre ist genau die Art von Mensch, die man auf den ersten Blick niemals in einem Ghetto erwarten würde. Er ist kultiviert, höflich, ein Kavalier der alten Schule. Eigentlich ist er weit entfernt von einem Leben, wie viele Jugendliche aus Harlem oder der Bronx es führen. Folglich braucht es erst einen Zufall, um die Geschichte in Gang zu bringen. Pierre wird Zeuge, wie ein Teenager (Rob Brown) aus Frust und Wut das Auto seiner Schuldirektorin auf offener Straße zertrümmert. Anstatt ihn anzuzeigen, schlägt er der Direktorin (Alfre Woodard) vor, ehrenamtlich als Tanzlehrer zu arbeiten, um so die Kids auf andere Gedanken zu bringen. Anfänglich schlägt Dulaine wenig Begeisterung für sein ambitioniertes Engagement entgegen. Walzer & Co. gelten unter den Heranwachsenden als uncool. Deren Ausdrucksform ist der Hip Hop, in den sie ihre ganze Energie stecken. Das erkennt auch Dulaine, der beschließt, die Ideen seiner neuen Schüler mit in die Arbeit einfließen zu lassen.

Dance!

Anhand der Plotbeschreibung dürfte manch einer versucht sein, dem Film Attribute wie „berechenbar“, „unoriginell“ oder „unrealistisch“ anheften zu wollen. Denn auf der reinen Handlungsebene bietet Dance! kaum etwas, was es wert gewesen wäre, mehr als einige Zeilen darüber zu verlieren. Sein Grundszenario, die Zähmung und Erziehung der widerspenstigen Jugend mittels Sport, Literatur oder Musik, wurde seit den 50er Jahren (Die Saat der Gewalt, Blackboard Jungle, 1955) bereits x-fach für die Leinwand mit einem mehr (Coach Carter, 2005) oder weniger (School of Rock, 2003) didaktischen Habitus umgesetzt. Der US-Kritiker James Berardinelli schrieb in diesem Zusammenhang zutreffend, wenn auch etwas verkürzt: „It’s Dangerous Minds with Dancing!“ Als wäre das nicht schon einfallslos und anbiedernd genug, muss auch in Dance! das hohe Lied des American Dream angestimmt werden. Der verklärte Traum einer Nation, nach dem es angeblich jeder schaffen kann, wenn er nur will, kann auf dem Spielfeld des Ghettos besonders hell strahlen, wenn nur der richtige Motivator an der Seitenlinie steht.

Trotz all dieser berechtigten und richtigen Einwände muss der arrivierten Videoclip-Regisseurin Liz Friedlander (The Great Beyond von R.E.M.; Loser von 3 Doors Down) und ihrer Drehbuchautorin Dianne Houston zugestanden werden, dass sie einen unglaublich unterhaltsamen emotional involvierenden Film abgedreht haben, der von kleinen Details (Banderas’ lustvolle Persiflage auf sein ewiges Image als Latinlover) und der ganz bewusst übersteigerten Idee eines Antanzens gegen soziale Widerstände lebt. Anfangs arbeitet Friedlander ausgiebig mit sanften Übergängen zwischen Dulaines aristokratischer, elitärer Welt der Upper-Class und dem von harten Rap-Beats durchsetzen Ghetto-Idyll. Ein Idyll ist es deshalb, weil sowohl die Lebensumstände als auch die Schüler idealisiert werden. Ihre Opposition gegen Dulaines Unterrichtsmethoden fällt reichlich weichgespült aus. Mit der Zeit verwischen die Grenzen zwischen diesen zwei Welten, wodurch eine Vielzahl sehr komischer Momente entstehen. Als Dulaine im Vorzimmer der Direktorin neben einem gelangweilten Schüler Platz nimmt und ihm sozusagen im Vorbeigehen eine kurze Lektion in Sachen Höflichkeit und gegenseitigem Respekt lehrt, lacht man als Zuschauer unbeschwert mit. Statt mit Pathos setzen Houston und Friedlander die Geschichte mit Humor und einem „großen“ Augenzwinkern um.

Dance!

Die Energie, die der Aufprall der unterschiedlichen Lebensentwürfe freisetzt, kanalisiert Dance! in einer hochästhetischen Melange der beiden Tanzstile. Hierbei zeigt sich die Erfahrung der Regisseurin bei Musikproduktionen. Ohne in ein Schnittgewitter zu verfallen, mit Überblick und Gespür für den Rhythmus der Musik fangen Friedlander und ihr Kameramann Alex Nepomniaschy die perfekt choreographierten Tanznummern ein. Die mit dynamischen Hip Hop-Elementen aufgepeppten Standardklassiker erscheinen plötzlich als hoffnungsvolle Utopie aus der Dance! bis in die letzten Szenen seine emotionale Kraft zieht. In diesem Märchen können einst renitente Ghetto-Kids fast selbstredend den großen Tanztalenten die Show stehlen. Und wie bei jeder Utopie ist es sekundär, dass die Wirklichkeit eigentlich ganz anders aussieht.

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