Damsels in Distress

Mit Tanz, Donuts und Seife gegen Depression und männliche Rohheit: In seiner Campuskomödie mit Greta Gerwig zeigt sich Whit Stillman als Utopist mit Faible für Umgangsformen und gute Gerüche.

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Statt einer Karriere in Wirtschaft oder Politik schwebt Studentin Violet (Greta Gerwig) eine Kurskorrektur der Geschichte vor – mit der Erfindung eines Tanzes, der die Welt verändert und Depressionen heilt. Ihr „Sambola“, eine Mischung aus Walzer, Charleston und Twist, ist auch für Ungeschickte kinderleicht erlernbar – der Abspann wird sich bei den Urhebern Johann Strauss, James P. Johnson und Chubby Checker für die Umsetzung entschuldigen. Auf dem Campus der Seven Oaks University hat Violets Erfindung zuletzt doch noch Erfolg. Zumindest die im Laufe des Films zusammengeführten Paare sieht man, wenn Damsels in Distress auf der Zielgeraden ins Musical switcht, beglückt das Tanzbein schwingen.

Donuts gegen Suizid

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Am Ende des 14 Jahre älteren Vorgängers The Last Days of Disco (1998) kam der befreiende Tanz in der New Yorker U-Bahn unter die Leute. Diesmal bleiben Stillmans junge distinguierte Erwachsene meist unter sich. Mehr noch als seine drei älteren Filme spielt Damsels in Distress in einem abgezirkelten Raum. Die Handlungszeit der Campuskomödie, die mit hollywoodtypischen Campuskomödien wenig gemein hat, ist dabei irgendwie schon unsere Gegenwart – einmal sieht man sogar ein Mobiltelefon –, aber vor allem ist das weich vom Sonnenlicht umspielte Seven-Oaks-Gelände mit den Säulenhallen, den altehrwürdigen Verbindungshäusern und den konservativ-elegant gekleideten Studierenden eine zeitlos klassische Campus-Fantasie.

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Die fiktive Institution hat ihre Pforten erst seit Neuestem für Frauen geöffnet, und die Spuren eines von Co-Education unbehelligten männlichen Studentenlebens sind in Form von Körperausdünstungen, Bierkonsum und schlechten Manieren noch überall sicht- bzw. riechbar. Nach Violets Meinung „enough material for a lifetime of social work“. Sie und ihre zwei ebenso geruchsempfindlichen Mitstreiterinnen, die etwas einfältige Heather (Carrie MacLemore) und die resolute Rose (Megalyn Echikonwoke), haben sich dieser Aufgabe verschrieben. In einem der altehrwürdigen Häuser betreiben sie ihr Suicide Prevention Center, vor dem das Schild mit dem mittleren Wort aber gerne mal abfällt und wo sich manch vermeintlich Suizidgefährdeter nur einen Donut ergattern will.

Die größten Trottel

Greta Gerwig gibt Violet als eine, die ihrer Umgebung stets um eine gewitzte Einsicht und ein mild überlegenes Lächeln voraus erscheint – eine leichtfüßige Flucht nach vorn, die nur vorübergehend, wenn die eigenen Gefühle in Unordnung geraten, zu einem tailspin wird (das Wort zieht sie der Wendung „I’m depressed“ vor). Die mauerblümchenhafte Lily (Analeigh Tipton), von Violets Clique als hilfsbedürftig aufgelesen, geht dagegen am ehesten als Normalo durch mit ihrem schluffigen Alternativlook und ihren hausbackenen Ansichten. Kurioserweise, und bezeichnend für die Eintrittsschwelle zu Stillmans Kosmos, wurde sie, die der Regisseur als unsympathisch verstanden wissen wollte, von vielen Zuschauern eher ins Herz geschlossen als sein exzentrischer Liebling Violet.

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Die Männer auf dem Campus sind fast ausnahmslos morons oder playboys and operators oder beides. Die von den Frauen verteilten Seifepackungen benutzen sie als Wurfscheiben. Der größte Trottel unter ihnen, Thor, ist unfähig, die Grundfarben zu lernen, der Anblick eines Regenbogens macht ihn fertig. Immerhin gibt er fast als Einziger nicht vor, ein anderer zu sein, spielt nicht aus mangelnder Selbstsicherheit eine Rolle, in der er nicht aufgeht, was ansonsten ein zentrales Ding ist in diesem Film: Einer setzt sich unter falschem Namen in Literaturkurse, ein anderer erklärt sich zum Anhänger der mittelalterlichen Katharer-Sekte, die den „recreational act“ ablehnt (es folgt ein unmissverständlicher Dialog über Analsex ohne ein explizites Wort). Sogar die souveräne Violet bekommt eine geheime frühere Existenz als „Emily Tweeter“ verpasst, mit neurotischen Tics und frühverstorbenen Eltern.

Verdrehung von Gewissheiten

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„Find someone or not find someone, that’s not the dynamic we’re talking about“: Violets Credo gilt auch für einen Plot, bei dem die durchaus zahlreichen amourösen Verwicklungen nur wenig dramaturgische Antriebskraft haben. Vielmehr springt Stillmans Blick mit gleichverteilter Empathie, wenn auch nicht immer gleich konzentriert, zwischen den mit ihren Spleens und Selbstbildern ringenden Figuren im Gesellschaftsspiel hin und her. Manchmal gibt es visuelle Aktion: lebensmüde Lehramtsstudenten, die sich über eine viel zu niedrige Balustrade stürzen; die tumben Snobs von der Roman fraternity, die ihr Römischsein mangels Lateinkenntnis in einem grotesken Kostümfest begehen. Aber wie in allen Filmen Stillmans liegt der Witz vor allem im Dialog, der mehr noch als mit makellosem Satzbau und literarischen Anspielungen mit der Lässigkeit besticht, mit der er originelle Blicke auf vermeintlich Selbstverständliches wirft.

Auf Kritik an ihrem Verhalten reagieren Figuren bei Stillman typischerweise nicht mit Abwehr, sondern mit freimütiger Zustimmung, um den Vorwurf dann mit einem kleinen Spin ins Positive wenden. Wenn Violet zu hören bekommt, sie romantisiere die Vergangenheit, antwortet sie achselzuckend: „The past is gone, so we might as well romanticise it.“ Die hinreißende Komik solcher Sätze entsteht in dem unaufgeregten Flow, dem beiläufigen Ernst, mit dem Stillmans Figuren Gewissheiten verdrehen, Konventionen infrage stellen oder Alltagsphrasen auf ihre Bedeutung abklopfen.

Seife, die Hoffnung gibt

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Es ist nicht so leicht, den Film zu beschreiben, ohne dass manchem Leser Wörter wie „abgehoben“ oder „artifiziell“ in den Sinn kommen könnten, oder auch der Verdacht, dass hier Probleme wie Depression und Selbstmord auf alberne Weise verniedlicht werden. Was alles nicht ganz falsch ist, aber den eigentümlichen Reiz von Stillmans Kosmos noch nicht zu fassen kriegt. In ihrer Summe ergeben diese Attribute etwas anderes. Man kann ein als Antidepressivum eingesetztes Stück Seife für blasierten Spott halten, aber, wenn man sich auf die Parameter dieser Welt einlässt, auch als durchaus ernst gemeinte Chiffre für ein besseres Leben. Einmal sitzt Violet, die sich mit Liebeskummer in ein Motel verkrochen hat, am Tresen neben zwei Bauarbeitern und lässt sie an der Seife schnuppern, die ihr gerade beim Duschen den Lebensmut zurückgegeben hat. Die beiden nicken der eben noch skeptisch beäugten Studentin gegenüber verblüfft und verständig zu, auch sie erkennen das Potenzial des Wundermittels sofort. Für einen Moment kommt das verrückte Glücksversprechen dann doch unter die Leute wie der alle Schichten ansteckende U-Bahn-Tanz. Whit Stillman, weniger ein Konservativer als ein Utopist mit einem Faible für gute Umgangsformen und gute Gerüche: „This scent and this soap is what gives me hope.“

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