Dallas Buyers Club

Keine Angst! In Jean-Marc Vallées Film kommen einem die AIDS-Kranken sicher nicht zu nahe.

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Die Interessen der Pharmakonzerne können nicht die Interessen sein, die Kranke haben. Das musste der Amerikaner Ron Woodroof in den 1980er Jahren am eigenen Leib erfahren. Nachdem er auf den HI-Virus positiv getestet wurde, wendete sich nicht nur sein privates Umfeld von ihm ab, auch die gesundheitlich für ihn verträglichste Behandlung blieb ihm verwehrt. Weil er sich nicht mit dem umstrittenen Medikament AZT vollpumpen lassen wollte, setzte er auf eine halblegale Eigentherapie: Er gründete den Dallas Buyers Club, versorgte seine Mitglieder gegen eine Grundgebühr mit aus dem Ausland geschmuggelten Medikamenten und unterwanderte damit die Monopolstellung der Pharmaindustrie. Die Geschichte vom einsamen Kämpfer, der sich gegen einen übermächtigen Gegner auflehnt, klingt wie gemacht für einen sentimentalen Hollywoodfilm (auch wenn die vermeintlich menschlichen Absichten des Helden in diesem Fall ziemlich eigennützig sind). Doch Dallas Buyers Club, der diese wahre Geschichte nun auf die Leinwand bringt, ist nicht in der amerikanischen Traumfabrik entstanden, sondern eigentlich ein Independentfilm.

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Dass dieses Label schon lange nicht mehr synonym für Filme zu verstehen ist, die formal experimentierfreudiger sind oder sich an kontroversere Themen herantrauen, dafür steht Dallas Buyers Club exemplarisch. Man kann es dem Kanadier Jean-Marc Vallée (C.R.A.Z.Y. – Verrücktes Leben, 2005) nicht verdenken, dass er einen Tränendrüsendrücker inszeniert hat. Dafür ist das dramatische Potenzial einer Figur, die hinter ihrer Scheißegal-Attitüde plötzlich merkt, wie sehr sie am Leben hängt und im Angesicht des Todes um jeden neuen Tag kämpft, auch zu verlockend. Doch einer richtigen emotionalen Achterbahnfahrt, wie sie auch in der Geschichte angelegt ist, will sich Vallée dann doch nicht hingeben. Anstatt das Risiko einzugehen, dass es für den Zuschauer auch mal ungemütlich wird – was der Thematik durchaus angemessen wäre –, bleibt der Film konsequent auf der sicheren Seite.

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Das fängt schon mit seinem Protagonisten an. Um möglichst breitenwirksam Mitleid für die Opfer der „Schwulenseuche“ zu erregen, braucht es schon einen heterosexuellen Draufgänger und Weiberhelden, der vor allem im starken Kontrast zur zweitwichtigsten Figur des Films steht: der labilen Transsexuellen Rayon (Jared Leto). Für die Geschäftspartnerin bleibt vor allem die Rolle des nöligen Opfers, das zumindest hin und wieder die Welt von Woodroof mit kessen Sprüchen und Marc-Bolan-Pin-ups durcheinander bringen darf. Beide Rollen vereint, dass sie Oscar-Material sind. Gesellschaftliche Außenseiter zu verkörpern ist seit jeher eine gute Strategie, um mit irgendetwas ausgezeichnet zu werden, und wenn dabei noch körperliche Strapazen auf sich genommen werden, ist das schon die halbe Miete. (Vor einigen Tagen wurde das Vorurteil bestätigt. Sowohl McConaughey als auch Leto, die für den Film beträchtlich abgenommen haben und ihre Leistung mit unterschwelliger Aufdringlichkeit ausstellen, haben für ihre Darbietung einen Golden Globe bekommen.)

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Tatsächlich ist besonders McConaughey, der sich in wenigen Jahren vom Romantic-Comedy-Schönling zu einem der interessantesten Schauspieler Hollywoods gemausert hat, das Sehenswerteste an dem Film. Irgendwo zwischen selbstgefälligem Method Acting und einem in dieser Intensität nur selten zu beobachtenden Wahnwitz spielt er seine Figur mit einer körperlichen Expressivität sondergleichen. Immer wieder explodiert er buchstäblich, reißt die Augen schlagartig auf und wirft seine spindeldürren Gliedmaßen in alle Richtungen. Von der Wehleidigkeit, mit der Tom Hanks sich vor zwei Jahrzehnten in einen HIV-Infizierten einfühlte, ist hier nichts zu sehen. Wir haben es mit einem richtigen Kämpfer zu tun, der vielleicht nicht ganz zufällig auch noch heterosexuell ist.

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So kurzweilig es auch ist, McConaughey zuzusehen, er bleibt Teil einer soliden, aber auch unheimlich risikolosen Inszenierung, die stets darauf bedacht ist, dass alles schön konsumierbar bleibt. Zwar hält sich Vallée mit übertriebener Menschelei zurück und lässt seinen Protagonisten streckenweise sogar ein richtiges Arschloch sein, aber was macht das für einen Unterschied, wenn am Ende doch das gemeinsame Leid über alle Schranken verbindet? Unangenehm daran ist auch, dass man dem Film seinen Humanismus nicht ganz abnehmen will. Das trifft besonders dann zu, wenn es zwischen Woodroof und der notorisch gutmütigen Ärztin Eve (Jennifer Garner) zu knistern beginnt. Häufig ist es eine spannende Alternative, Liebesgeschichten nicht auszuerzählen, sondern anzudeuten. Hier bekommt man aber das Gefühl, es geschieht aus den falschen Gründen. Da die Beziehung zwischen Eve und Woodroof nie über ein flirtendes Anfangsstadium hinausgeht, muss sich der Film zum Beispiel auch nicht mit der unangenehmen Frage auseinandersetzen, ob die zwanghaft empathische Ärztin inmitten der aufgeheizten AIDS-Hysterie zu Sex mit einem Infizierten bereit wäre. Dallas Buyers Club wählt den gemütlichen Weg und versucht Woodroofs Sexualtrieb stattdessen mit einem Quickie unter Infizierten gerecht zu werden. So nah sollen den Zuschauern die AIDS-Kranken dann doch nicht kommen.

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Kommentare


Apextwin

Since the movie is based on a true story, a heterosexual protagonist is pretty much built in. It's also basic dramaturgy, as it creates the strongest possible contrast between Woodruff and Rayon, which always makes for better conflict and drama.

And while the material might seem like it gives its subject matter the "safe" Hollywood treatment, let's not forget that even independent films need financing. And outside of Germany, that means private investors, who generally expect to recoup their investment. Dallas Buyers Club was set up, and fell apart, numerous times over the past decade because nobody in Hollywood wanted to touch the script - with McConaughey and Leto attached.

In fact, the project was thiiis close to dying, and only went into production because Casian Elwes (a Hollywood indie producer) joined the project and called in some favors to bridge a multi-million dollar funding gap.

Anyway, not to say that there's not some edgier ground Dallas Buyers Club could have covered, but even indie directors have to keep their investors happy. So there's a limit to how dark and non-commercial you can really go with this kind of movie ;o)


Rico Städtler

Bezüglich des letzten Absatzes der Kritik muss ich sagen, dass ich die Diskussion, dass Ron mit Eve keinen Sex hatte, weil dies dem heterosexuellen, konservativen u. nicht betroffenen Zuschauer nicht zuzumuten sei, für zu kurz gegriffen halte: Geht es nicht eher darum, dass bei einem chauvinistischen, sex-fixierten Macho wie Ron durch eine schwere Erkrankung wie HIV/AIDS die Einsicht reifen kann, dass allein Sex einen in manchen Stunden keinem Trost verschafft? Nur ein Gedanke... ;-)


Michael

Das kann man natürlich so sehen. Ich glaube aber trotzdem nicht, dass diese Einsicht der Hauptfigur rein zufällig auch eine bequeme Variante für den Film ist, unangenehmen Fragen aus dem Weg zu gehen. Ich würde auch nicht unbedingt sagen, dass man einem vielleicht heterosexuellen, konservativen usw. Publikum sowas nicht hätte zumuten können. Ich glaube eher die Produzenten waren zu feige, herauszufinden, ob man es kann.


ulle

Gerade Gesehen: Feel -Good -Movie für die breite Masse bis who- cares -about- Sex/ Gender, was m.E. prima ist im Sinne der Aufklärung. In diesem Sinne auch zu lesen als pädagogischer Film und klar das Gegenteil zur Berliner Schule (ach, würde Madame Schanelec mal so ein Drehbuch in die Hand nehmen und umsetzen..) .






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