Cut

Immer mitten in die Fresse rein. Ein obsessiver Liebesbrief ans Kino, mit einem Regisseur, der sich als lebender Boxsack zur Verfügung stellt.

Cut 4

Amir Naderi hat sich schon einmal auf unbekanntes Terrain begeben. Noch in den 1970er und 80er Jahren zählte er mit Filmen wie The Runner (Davandeh, 1985) zu den Hauptvertretern eines neuen iranischen Kinos. In der postrevolutionären Zeit wurde das Filmemachen für ihn aber immer mühsamer. Als die ersten seiner Arbeiten zensiert wurden, kehrte er dem Heimatland den Rücken und wanderte nach Amerika aus, wo er als New Yorker Independentregisseur eine neue Schaffensphase begann. Und nun hat sich Naderi ein weiteres Mal in unbekannte Gefilde vorgewagt, wenn auch diesmal nur für einen Film. Das Reiseziel war Japan.

Das Erstaunliche an Cut ist, dass er nie dem exotischen Reiz des fremden Landes erliegt. Japan sieht hier, anders als es gern von Ausländern gesehen wird, weder bunt noch besonders skurril aus. Naderi bekam allerdings auch Unterstützung von prominenten Kollegen. Shinji Aoyama (Eureka, 2000) arbeitete am Drehbuch mit, Kiyoshi Kurosawa (Charisma, 1999) war „spezieller Berater“. Doch Cut ist letztlich ohnehin zu eigenwillig und größenwahnsinnig, um sich mit Begriffen wie Authentizität aufzuhalten. Es ist ein obsessiver Liebesbrief ans Kino.

Cut  2

Shuji (Hidetoshi Nishijima) ist ein erfolgloser Regisseur, für den Film eine Religion ist. Zumindest das klassische Autorenkino. Heute, findet Shuji, werden nur noch tote Filme mit rein kommerziellem Kalkül produziert, und die die Multiplexe dieser Welt sind die Leichenhallen. Wie ein Getriebener rennt er mit einem Megafon durch die Straßen und verkündet seine Philosophie. Seine Wohnung ist tapeziert mit den Konterfeis von Regisseuren, und auf seiner Terrasse, über den Dächern von Tokio, zeigt er alte Filme für einen eingeschworenen Kreis von Liebhabern. Die eigenen Werke wurden bisher von seinem Bruder, einem Yakuza, finanziert. Der hat sich allerdings so weit verschuldet, bis er liquidiert wurde. Nun soll Shuji innerhalb von zwei Wochen einen horrend hohen Betrag abbezahlen, sonst blüht ihm dasselbe.

Cut  3

Die meiste Zeit spielt Cut in einer ehemaligen Boxhalle, die als Zentrale der Yakuzas dient. Hier wurde auch Shujis Bruder auf der Toilette ermordet. Und genau an diesem Platz, und nur an diesem Platz, wie der Protagonist mehrmals betont, versucht er das Geld als lebender Boxsack zusammenzubekommen. Erst lässt er sich von den Yakuzas ins Gesicht schlagen, später dann in den Bauch. Naderi inszeniert diese Szenen in braun-gelblichem Licht und konzentriert sich auf Gesichter und Figurenanordnungen im Raum. Teilweise blendet er die eigentliche Gewalt auch aus und widmet sich der sich sorgenden Barkeeperin Yoko (Takako Tokiwa) im Nebenzimmer.

Das Faszinierende an Cut ist, dass er von der Liebe zum Kino erzählt, ohne intellektuell oder sentimental zu werden. Vielmehr handelt es sich um einen ungemein körperlichen Film oder zumindest einen Film, der körperlichen Exzess mit geistigen Freuden verbindet. Wenn sich Shuji mit blutendem Gesicht kurz vor der Ohnmacht befindet, rekapituliert er Filmtitel und Jahreszahlen, als wiederbelebte er sich selbst. Und sogar als er schon deutlich von seinem täglichen Martyrium gezeichnet ist, besitzt er noch unglaubliche Energien. Immer wieder stampft er wütend auf den Boden auf, schreit sich die Seele aus dem Leib und hält natürlich auch weiterhin seinen Filmclub ab.

Cut 5

Die Kraft, die Shuji aus dem Leib geprügelt wird, bekommt er schließlich auch durch das Kino zurück. In Schwarzweißszenen besucht er die Gräber von den Großen des japanischen Films: Akira Kurosawa, Kenji Mizoguchi und Yasujiro Ozu. Am Grabstein von Letzterem, auf dem das Schriftzeichen für „Nichts“ ragt, lehnt er sich müde an und streichelt zärtlich über die Inschrift. Einige sehr schöne Szenen zeigen Shuji in seiner Wohnung, mit freiem Oberkörper. Auf seinen geschundenen Leib werden Filme wie Robert Bressons Mouchette (1967) oder Peter Greenaways Die Bettlektüre (The Pillow Book, 1996) projiziert, und es scheint wirklich so, als heilten die bewegten Bilder seine Wunden.

Es gibt kaum zwischenmenschliche Beziehungen in Cut, nur Shuji und seine bedingungslose und zunehmend masochistische Beziehung zum Kino. Für jeden Zuschauer, der diese Leidenschaft nicht zumindest im Ansatz teilen kann, ist der Film eine Zumutung. Den Höhepunkt von Naderis Kreuzung von Cinephilie und Gewalt bildet eine Szene, in der Shuji 100 Faustschläge einsteckt und für jeden Schlag einen für ihn bedeutenden Film nennt. Dazu wird jeder Titel in großen, die ganze Leinwand ausfüllenden Lettern eingeblendet.

Cut  1

Man kann sich über die etwas konservative Sichtweise des Films, dass es keine wahre Filmkunst mehr gibt, durchaus streiten. Wenn Shuji aber unermüdlich „Das Kino stirbt“ durch sein Megafon brüllt, ist das irgendwie liebenswert. Es wirkt auch so, als wäre Naderi in diesem Punkt mit seinem Protagonisten einer Meinung. Mit Cut hat er nun einen wahnwitzigen Film gedreht, der das Kino noch einmal versucht wiederzubeleben. 

Trailer zu „Cut“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.