Cry_Wolf
Eine Gruppe von Schülern nimmt einen Mord im örtlichen Wald zum Anlass, Gerüchte über einen Serienkiller in die Welt zu setzen. Bald darauf ereignen sich merkwürdige Vorkommnisse, die den Verdacht nahelegen, dass irgendjemand das Spiel zu ernst nimmt.

Anfang der Achtziger Jahre, zu Hochzeiten des Slasherfilms, schien alles noch ganz einfach. Eine Gruppe naiver, erotischen Abenteuern nicht abgeneigter Teenager wird immer weiter von einem psychopatischen Killer dezimiert, bevor im Finale das sexuell enthaltsame „Final Girl“ dem Schrecken ein Ende setzt – zumindest bis zur nächsten Fortsetzung.
Heute ist alles komplizierter. So auch in Cry_Wolf. Der Neuankömmling Owen Matthews (Julian Morris) wird in der örtlichen High School erst einmal reserviert aufgenommen. Einzig die selbstbewußte Dodger (Lindy Booth) nimmt sich schnell seiner an, was auch damit zusammen hängt, dass sie sich ihre Stellung in der Gemeinschaft selbst hart erarbeiten musste. Als im nahegelegenen Wald ein Mord geschieht, beginnen Owen, Dodger und ihre Clique ein Spiel, das bald seltsame Wege einschlagen wird. Owen verbreitet auf dem schulinternen Online-Messageboard das frei erfundene Gerücht, bei dem Täter handele es sich um einen Serienkiller, der bereits andernorts zugeschlagen habe, immer nach demselben Muster vorgehe und nun die Schüler ins Visier nehmen werde. Das Kalkül geht auf, bald spricht die ganze Schule von einem messerschwingenden Mörder mit orangeroter Skimaske. Owens Prophezeiung scheint sich zu bewahrheiten, als einige seiner neuen Freunde auf mysteriöse Weise verschwinden. Vielleicht versucht tatsächlich ein Trittbrettfahrer, die Gunst der Stunde zu nutzen um zu zweifelhaftem Ruhm zu gelangen. Möglicherweise wird aber auch ein ganz anderes Spiel gespielt.

Cry_Wolf thematisiert die mediale Vermittlung und Erschaffung von Mythen. Der maskierte Serienkiller entsteht aus Versatzstücken unterschiedlichster Horrofilmklischees und privaten Obsessionen der Schüler. Die eigentlichen Gewalttaten bleiben meist Off-Screen und werden indirekt durch Handys, Computer oder andere Medien vermittelt. Der Regisseur Jeff Wadlow zeigt, wie Menschen durch die Geschichten, welche sie umgeben, geprägt werden, und wie sie selber kreativ mit diesen Erzählungen umgehen. Als die Schüler schließlich erkennen, wie sehr sie in den eigenen Lügen und Erfindungen verstrickt sind, ist es bereits zu spät, die Eigendynamik der selbsterschaffenen Legende ist nicht mehr kontrollierbar.
Mit den tumben Schlachtfesten im Stile von Freitag der 13 (Friday the 13th, 1980) hat eine solch komplexe Erzählstruktur natürlich nichts mehr zu tun. Seit den frühen Neunziger Jahren sind Slasherfilme der alten Schule fast nur noch in Videotheken präsent, das Kinopublikum bevorzugte in dieser Phase komplexere Hororfilme wie Das Schweigen der Lämmer (The Silence of the Lambs, 1991). Erst Wes Craven gelang es mit seiner Scream-Trilogie (1996-2000), das Genre wieder zu beleben. Der Altmeister legte in seinen vielleicht gelungensten Filmen Funktionsweise und Dramaturgie des Slasherfilms offen und gelangte dadurch zu einer postmodernen Interpretation des Themas: Craven präsentiert dem Zuschauer keine in sich geschlossene Welt, die Figuren kommentieren ihre eigenen Handlungen anhand von Filmerfahrungen, das Publikum wird nicht mehr als naives, manipulierbares Objekt positioniert sondern in seiner filmischen Sozialisation ernst genommen.

Seit Scream ist das Genre zwar wieder extrem erfolgreich, dennoch ist nichts mehr, wie es einmal war. Die geradlinigen, formelhaften Erzählungen sind komplexeren, oft selbstreferenziellen Strukturen gewichen. Einzelnen Produktionen, wie Rob Zombies Haus der 1000 Leichen (House of 1000 Corpses, (2003) oder dem Gipfeltreffen der Franchisekönige der Achtziger Jahre Freddy Vs. Jason (2003) gelingt es, kreatives Kapital aus diesen neuen Möglichkeiten zu schlagen. Allzu oft resultiert das Spiel mit den Genreelementen allerdings in ebenso belanglosen wie langweiligen Werken, die schließlich auch nicht mehr als Horrorfilm funktionieren.
Leider ist dies über weite Strecken auch hier der Fall. Jeff Wadlows erster kommerzieller Langfilm bietet zwar viele grundsätzlich interessante Ideen, die dem Genre neue Wege weisen könnten, die Umsetzung ist aber oft lieblos, Cry_Wolf gelingt es nie, wirklich Spannung aufzubauen. Sobald sich das nie besonders schwer zu durchschauende Verwirrspiel aufgelöst hat, blickt man auf die faden Überreste eines nur allzu gewöhnlichen Plots, der auch durch eine letzte, extrem konstruiert wirkende Pointe nicht origineller wird.
Filmkritik von Lukas Foerster
Veröffentlicht am 30.11.2005
Kommentare zu Cry_Wolf
Roisin 04.12.2005 17:26
Noch ein neuer Teenie-Film?
Ja und Nein. Cry-Wolf gehört in das Genre Teenie-Horror-Film, doch im wirklich zu seinen Vorgängen (Scream, Ich weiß was du letzten Sommer getan hast..etc.) zeichnet sich Cry-Wolf nicht nur durch die üblichen Klischees aus.
Diese Film hat tatsächlich eine Stoty, die nicht vorhersehbar ist. Die Aufdeckung wer der Mörder ist blieb mir bis zum Schluß ein Rätsel.
Für sein Genre ist Cry_Wolf erstaunlich gut und einen Kinoabend wert!
Coal 26.01.2006 13:54
Naja, mich hat er nicht so begeistert. Aber wenigstens haben die Macher begriffen, dass das Genre längst "over the edge" ist. Wirklich schlecht isser aber auch nicht.
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Blog: Berlinale im Dialog

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Film-Angaben
Titel: Cry_Wolf
USA 2005
Laufzeit: 90 Minuten
Regie: Jeff Wadlow
Drehbuch: Beau Bauman, Jeff Wadlow
Produktion: Beau Bauman
Darsteller: Julian Morris, Lindy Booth, Jon Bon Jovi, Jared Padalecki, Sandra McCoy
Kinostart: 08.12.2005
DVD-Angaben
Titel: Cry Wolf
Vertrieb: e-m-s new media
Bild: 2,40:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1, DTS 5.1), Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Spieldauer: 87 Minuten
Extras: Originaltrailer englisch und Kinotrailer deutsch; Bio- und Filmografien zu Cast & Crew; Making of
Verleih ab: 04.05.2006
Verkauf ab: 22.06.2006
Copyright Cry_Wolf
Fotos: © 3L
BERLINALE 2012

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