Crossing The Bridge - The Sound Of Istanbul

Während der Produktion von Gegen die Wand (2004) neugierig auf die Musikszene Istanbuls geworden, kehrt Fatih Akin in Begleitung des Bassisten der Einstürzenden Neubauten in die Stadt zurück, um sich sich auf die Suche nach ihrem Sound zu begeben. Der Rundumschlag durch die verschiedenen Stile veranschaulicht vor allem Istanbuls Symbolstellung als Schmelztiegel der Kulturen.

Crossing The Bridge - The Sound Of Istanbul

„Ich höre ohne zu schauen und so sehe ich“, zitiert der fiktive Tontechniker Phillip in Wim Wenders’ Lisbon Story (1994) den portugiesischen Dichter Fernando Pessoa. Um den Stummfilm eines Freundes über Lissabon zu untermalen, läuft Phillip unermüdlich durch die Viertel der Stadt und versucht mit seinem riesigen Mikrofon ihren Klang einzufangen. Es ist vor allem die Musik, die ihn in Gestalt einer Sängerin und ihren melancholischen „Saudade“-Balladen verzaubert. Eine Stadt hören, um sie zu verstehen, will auch Regisseur Fatih Akin und schickt seine Reinkarnation des Geräuschesammlers, den Bassisten der Einstürzenden Neubauten Alexander Hacke, mit einem mobilen Tonstudio ausgerüstet durch die Straßen Istanbuls, um ihren spezifischen Sound aufzuzeichnen. Dabei konzentrieren sich Hacke und Akin ausschließlich auf die Musiklandschaft, welche sie gemeinsam während einer Musikproduktion für Gegen die Wand (2004) kennenlernten und deren Farbenprächtigkeit sie seitdem fasziniert.

Crossing The Bridge - The Sound Of Istanbul

Gemütlich sitzen die Musiker von Baba Zula auf einem mit Instrumenten vollgestellten Schiffsdeck und lassen sich, begleitet von Hacke und seinem Bass, für die bevorstehende Jamsession vor die Stadt hinausfahren. Der Drummer der Band erklärt, dass er zwar ein westliches Schlagzeug benutze, aber traditionelle türkische Percussioninstrumente hinzufüge. Mit dieser Paarung aus modernen und alten Instrumenten vollziehen Baba Zula improvisierend die Vereinigung orientalischer Musik, Klängen aus der Natur sowie elektronischen Sounds und erschaffen Kompositionen, die irgendwo zwischen Tradition und Erneuerung, abend- und morgenländischem Einfluss treiben. Unter dem Schiff folgt während dieser musikalischen Hochzeit der Bosporus seinem symbolischen Lauf, zerteilt Istanbul in zwei Kontinente und stellt gleichzeitig mit seinen Brücken den Verbindungsort dar, wo Europa und Asien aufeinandertreffen und sich zumindest in der Musik von Baba Zula untrennbar miteinander vermischen.

Wie einen linearen Reisebericht hat Fatih Akin den Film aufgebaut und überlässt ab der Taxifahrt vom Flughafen Alexander Hacke die Führung, heftet sich in Begleitung der Handkamera von Hervé Dieu (Solino, 2002; Gegen die Wand) an dessen Fersen und schaut ihm zu, wie er allerlei Musik aufzeichnet. Von der Fusion aus Clubsounds und traditioneller Sufimusik, über Rockmusik zum Hip Hop, Straßenmusik oder der aus Kanada stammenden Interpretin von vergessenen Folkloreliedern und ihrem Roma-Klarinettisten reicht die Ausbeute bis hin zu den berühmten Ikonen, dem ersten türkischen Rockmusiker Erkin Koray, dem Schauspieler und Saz-Musiker Orhan Gencebay und der „Stimme von Istanbul“, der Balladensängerin Sezen Aksu.

Crossing The Bridge - The Sound Of Istanbul

Obwohl die Aufmerksamkeit von Crossing The Bridge dem Musizieren gilt - Dieu filmt in langen Großaufnahmen die im Spiel versunkenen Virtuosen und ihre Instrumente - geben die Interviews mit den Musikern zwischendurch zu verstehen, dass die Musikszene Istanbuls unentwirrbar mit politischen Situationen verknüpft ist. So brechen langsam, aber unverkennbar, unterstützt von vereinzelt eingestreuten Archivbildern vergangener Zeiten, aus den Erzählungen und Werken der Musiker die Geschichte und Gegenwart Istanbuls als heterogene Vielvölkerstadt hervor, in der die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Musikstil gleichbedeutend mit Identität ist. Die lange unterdrückten Kulturen der Roma oder der kurdischen Minderheit, arabische oder US-amerikanische Einflüsse, all dies spiegelt sich heute im Zuge des Annäherungsprozess an die EU-Verfassung immer mehr öffentlich wahrnehmbar in den Musiken der Stadt wider. Ein friedliches Miteinander und eine kreative Vermischung der Stile, so lautet die schon im Titel des Films anklingende Botschaft, die weithin hörbar mit Unterstützung der Selektion von Musikstücken und Gesprächspartnern formuliert wird. Auch in diesem Film, seiner zweiten dokumentarischen Arbeit nach Wir haben vergessen zurückzukehren (2000), bleibt Akin somit seinem werkübergreifenden Thema, der Versöhnung zwischen den Kulturen, treu.

Crossing The Bridge - The Sound Of Istanbul

Darüber hinaus reiht er sich in die Riege der Filmemacher ein, die den Weg von der Fiktion zur Dokumentation über die Musik beschreiten. Das Porträt eines Ortes über dessen musikalische Erscheinungen zu zeichnen, haben in den letzten Jahren insbesondere Wim Wenders mit der filmischen Umrahmung des Comebacks vergessener Musiklegenden aus Kuba (Buena Vista Social Club, 1999) und Mika Kaurismäki mit seiner Entdeckungsreise durch die Musikkulturen Brasiliens (Moro no Brasil, 2001/2002) unternommen. Eine Entscheidung, bei der mehr als die pure Lust auf Exotik und Unterhaltung, sondern auch immer ein Programm mitschwingt: Der Versuch jenseits des Tourismus durch die universelle Sprache der Musik einen unmittelbaren Zugang zum Fremden zu finden.

Crossing The Bridge versteht es, sich auf diese Weise mit der aktuellen, schwierigen Debatte um die Europadazugehörigkeit der Türkei auseinanderzusetzen, führt die Absurdität einer Aufteilung der Welt in West und Ost vor und wirbt für mehr Toleranz. Denn entschlüsseln könne man den fremdartigen Sound einer Stadt wie Istanbul sowieso nicht, beschließt Alexander Hacke seine Recherchen, aber verlieben könne man sich trotzdem.

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.