Crossfire

Le nouveau commandant est arrivé.

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Willkommen bei den Sch’tis mal anders: irgendwo nicht ganz unweit von Marseille, im sonnenglitzernden Süden Frankreichs. Es scheint, als stünde die gesamte Gegend zum Ausverkauf. Industrieruinen, begonnene und nie ganz abgeschlossene Projekte. Das Polizeipräsidium ein Provisorium und kurz vor der gänzlichen Auflösung. Die schwangere Chefin verwaltet den Laden nur noch. Doch dann kommt Vincent Drieu (Richard Berry) mit dem Zug aus Paris, im Gepäck eine dunkle Vergangenheit und eine imposante großkalibrige Schusswaffe. Er gründet eine Jogginggruppe, und das lokale Dezernat wagt die Auseinandersetzung mit dem Großverbrechen.

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Marseille als Zentrum und Umschlagplatz des internationalen Verbrechens ist eine Ikone des klassischen französischen Gangsterfilms, Jean-Paul Belmondo persönlich verkörperte 1972 qua deutschem Filmtitel den Mann aus Marseille (im Original La Scoumoune). Richard Berry selbst war es, der kürzlich als Regisseur den großen Marseille-Gangsterfilm mit Jean Reno in der Hauptrolle wieder hat aufleben lassen. Der Titel L’Immortel (im internationalen Verleih 22 Bullets) auch hier paradigmatisch. Es ist die jüngste zahlreicher französischer Genreauskopplungen, die den Policier wieder aufleben lassen. Während Xavier Beauvois mit Le petit lieutenant (2005) einen Meilenstein geschaffen und den linksintellektuellen Rand des Genres mit seinem Thriller um eine desillusionierte Polizistin taxiert hat, steht am anderen Ende Olivier Marchal mit seinen vor Testosteron strotzenden, von Daniel Auteuil und Gérard Dépardieu verkörperten archaischen Machismo-Männern. Ein direktes, im Falle von Diamond 13 (2009) und MR 73 (2008) fast brachiales Kino, das sich mal stark an amerikanischen Konventionen orientiert und von einem dichten Drehbuch lebt (36 – Tödliche Rivalen / Quai des Orfèvres, 2004) und mal in beeindruckend individueller Stilisierungswut ganz dem Untergang des selbstzerstörerischen Protagonisten folgt. Hoffnung gibt es dort, wenn, dann nur auf endgültige Erlösung. Selbst Genre-Bastarde wie Die Horde (La Horde, 2009) hauchen dem Polizei- und Gangsterfilm neues Leben ein.

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Die Wiederbelebung des Policier bedarf deshalb derlei Ausführungen, weil sie im deutschen Kino bislang nicht stattgefunden hat. Abgesehen von einer minimalen Kinoauswertung, die Le petit Lieutenant unter dem sinnentleerten Verleihtitel Eine fatale Entscheidung widerfahren ist, fand bis zu 22 Bullets alles seinen direkten Weg in die Videotheken. Letzterer verdankt das Schicksal der größeren Anteilnahme vor allem seinen international zugkräftigen Stars. Sowie vielleicht noch einer Oberflächenästhetik und Geradlinigkeit, die offensichtlich sogar Multiplex-Betreiber überzeugt hat.

Mit Crossfire (Les Insoumis, 2008) nun verhält es sich anders. Hier stoßen wir erneut in die kantigeren, ruppigeren Gefilde des Subgenres vor. Und die können so vielfältig wie aufschlussreich sein. In jener Form, so scheint es, findet das Genre zu seinem eigentlichen Kern.

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Inmitten lauter Versatzstücke erkennt man so etwas wie eine südfranzösische Lebenswirklichkeit. Geprägt von Müdigkeit und Ermattung ob der schwadronierenden Scheinregierung Bruni/Sarkozy. Hier kommt es zum Clash of Civilisations, trifft das globalisierte Europa aufeinander. Crossfire betont das Multikulturelle seines Casts. Doch im Gegensatz zu den offen fremdenfeindlichen Starvehikeln der 1980er Jahre ist die Andersartigkeit hier zur Normalität verschmolzen, das Verbrechen ein internationales Konglomerat. Willkommen ist jeder, der genügend Rücksichtslosigkeit mitbringt. Und davon, so Crossfire, existieren viele. Das System ist korrupt. Schon zu Beginn, bei einer spektakulären Gefangenenbefreiung, sind die militärisch agierenden Schwerverbrecher und die den Transport beschützenden Polizeibeamten optisch und in ihrem Handeln kaum voneinander zu unterscheiden. Wie auch, haben die Gangster das System doch längst infiltriert. Potenziell korrupt sind sie alle, das dekliniert Crossfire auch in der Folge an fast all seinen Protagonisten durch. Hier, wo das internationale Verbrechen – das Wirtschaft und Staat mit einschließt – die Industrialisierung in eine Sackgasse hat münden lassen, gilt nur noch der Profit. Selten hat ein Film so auf jegliche Motivation seiner Antagonisten jenseits der puren Geldgeilheit verzichtet. Die Gangster weisen keinerlei Spezialisierung auf, sie planen und exekutieren, was größtmöglichen Ertrag garantiert.

Der Handlungsort ist marode. Befindlichkeiten einer Region, wie sie im Deutschland der 1980er Jahre die Schimanski-Episoden der Tatort-Reihe ausdrückten. Hier rührt der internationale Polizeifilm, ganz anders als seine durchaus ansehnliche, aber polierte und beschränkte Version in 22 Bullets, an seiner Essenz. Es rumort. So unterschiedliche Produktionen wie Michael Caines Vigilante-Rückklonung Harry Brown (2009), Ken Loaches sentimentales Feel-Good-Movie Looking for Eric (2009) und jetzt Claude-Michel Romes zuweilen martialisches Epos transzendieren den reaktionären 80erJahre-Wunsch nach der regeneration through violence in einen recht aufrechten politischen Aufschrei. Die politische Dimension steckt bereits in dem Originaltitel, den man etwas unbeholfen mit Die Ungehorsamen übersetzen könnte. Zum politischen Ungehorsam, zum Protest ruft Rome auf, und auch, wenn es der Franzose vielleicht nicht so ernst meint wie Loach mit dem Schulterschluss, dem Aufstand der Tapferen, so gesteht er seinen loyalen Underdogs am Ende doch einen Triumph über das korrupte System zu. Womöglich aber nur als Utopie, denn Vincent, der Mann mit der Wumme, verschwindet, wie er gekommen ist, ein angezählter Shane, der vielleicht nur einen Pyrrhussieg errungen hat.

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