Crosscurrent

Flirrende Stimmungen vor erhabener Kulisse. Yang Chao erzählt von einer Liebe, die Zeit und Raum durchbricht. Hinter der visuellen Kraft seines Films verbirgt sich leider reichlich Glückskeks-Philosophie.

Chang Jiang Tu 02

Der junge Kapitän Gao Chun (Qin Hao) befindet sich mit einer geheimen, vermutlich illegalen Fracht auf dem Weg von Shanghai den Jangtse hinauf. Als er mit einem jüngeren Kollegen Pause macht, erklärt der ihm, wie eine ökonomische Liebe im Smartphone-Zeitalter aussieht: In seinem Handy hat er die Nummern von 100 Frauen abgespeichert. Erst chattet er mit ihnen und wartet ab, ob dabei die Chemie stimmt. Wenn sich die Mädchen dann nach einer Zeit bewährt haben, trifft er sich mit ihnen. Das Meiste, was an einem Date kompliziert sein kann, wird einfach durch ein technisches Hilfsmittel getilgt. Gao Chun gehört jedoch einer anderen Zeit an (wie sehr er das tut, erfahren wir erst später). Er will mit Haut und Haaren und auch mit allen unangenehmen Begleiterscheinungen lieben.

Nicht von dieser Welt

Chang Jiang Tu 01

Kurz vor dieser Szene lässt Regisseur Yang Chao eine von vielen, aus unterschiedlichen chinesischen Regionen stammenden Weisheiten einblenden. Sie besagt, dass echte Liebe ohne Zweifel nicht denkbar sei. Yang lässt seinen Protagonisten jedoch nicht nur zweifeln, sondern mit der Zeit auch verzweifeln. Denn die Liebe, mit der er kämpft, entzieht sich jeglichen ökonomischen Kriterien – sie ist im buchstäblichen Sinne nicht von dieser Welt.

Chang Jiang Tu 04

Crosscurrent (Chang Jiang Tu) erzählt, wie ein Mann einem Trugbild verfällt. Als Gao Chun im Maschinenraum des Schiffs das Tagebuch eines jungen Dichters findet, kann er sich schon bald nicht mehr davon lösen. Schon kurz davor hat ihn ein Mädchen in seinen Bann gezogen, bei dem es sich um An Lu (Xin Zhilei), die Geliebte des Dichters, handelt. Ob sie zu diesem Zeitpunkt noch real ist oder schon ein Phantasma, lässt sich nicht genau sagen. Immer wieder begegnet der Fischer ihr auf seiner weiteren Reise. Und während die beiden sich am Anfang noch ganz konkret und körperlich treffen – etwa um nüchternen, bezahlten Sex in einer Hütte zu haben –, rückt An Lu im weiteren Verlauf in immer weitere Ferne, winkt irgendwann nur noch verzweifelt vom Ufer, weil sich die zunehmende Distanz nicht mehr überbrücken lässt, oder verschwindet in der Dunkelheit eines Waldes. Auch sonst wird die Odyssee des Helden immer sonderbarer: Denn nicht nur die Identitäten von ihm und dem Autor verschwimmen zunehmend, auch die Zeit scheint sich umzukehren. Mit jeder Station wird das Mädchen jünger, das Verlangen Gao Chuns größer und sein Ziel unerreichbarer.

Pulsierendes Zelluloid

Chang Jiang Tu 03

Inhaltlich steckt zweifellos viel drin in diesem Film. Eines der zentralen Motive ist etwa der verklärende männliche Blick auf Frauen (von der Hure bis zur Göttin), ein anderes der Identitätsverlust Chinas auf seinem Weg in die Moderne. Besonders Letzteres ist inzwischen ein bisschen zum Klischee des chinesischen Festivalkinos geworden. Crosscurrent ist in dieser Hinsicht zwar durchaus exemplarisch, setzt seine allegorischen Ambitionen aber mit großer visueller Kraft um. Die Fahrt auf dem Fluss gerät zunehmend zur Reise in eine mythisch aufgeladene Vergangenheit, bei der sich das Seelenleben des Protagonisten in der erhabenen Natur spiegelt. Das Wetter ist dementsprechend diesig, der Himmel von einer dicken Wolkendecke blau verdunkelt. Wenn die Kamera ihre Umgebung zunächst dokumentarisch, später dann durch einen märchenhaften Schleier hindurch beobachtet, verwandelt sich das digitale Format immer wieder in pulsierendes Zelluloid. Mit einem Mal werden die Bilder körniger und die scheinbar endlose Landschaft noch unergründlicher. Bildgestalter Mark Lee Ping-Bing (der zuletzt etwa Hou Hsiao Hsiens The Assassin (2015) veredelt hat) besitzt ein feines Gespür dafür, flirrende Stimmungen zu erzeugen, die das fotografische Abbild transzendieren. Dabei arbeitet er sich von tristen Industrieruinen über gigantische Staudämme – die als Symbol des wirtschaftlichen Aufschwungs monumental in der Landschaft thronen – bis zu einer ursprünglichen Natur vor.

Chang Jiang Tu 05

Es gibt eine Binsenweisheit, die man vor allem aus Hollywood oft hört: Wenn man sich während eines Films denkt, wie schön die Bilder sind, läuft etwas falsch. Das ist natürlich eine arg vereinfachte, vor allem aufs klassische Erzählkino gemünzte Aussage, die jedoch ihren wahren Kern hat. Wenn man in Crosscurrent besonders die Kameraarbeit bewundert, liegt das weniger an Lee – der alles andere als ein Poser oder Styler ist –, als daran, dass Yang die schweren Geschütze, die er auffährt, nicht so recht zu stemmen weiß. Seine Strategie ist es vor allem, auf große Begriffe zu setzen. Um Ursprung und Vergänglichkeit soll es in seinem Film gehen. Nicht um die Eigenheiten einer bestimmten Liebe, sondern die Liebe an sich. Problematisch ist dabei nicht, dass Yang hoch hinaus will. Im Gegenteil, manchmal ist es gerade der Hang zum Pomp, der sympathisch wirkt (etwa, wenn am Schluss ein Fabelwesen auftaucht). Allerdings versucht er zu wenig, die Erzählmotive miteinander arbeiten zu lassen, und lässt sie stattdessen prätentiös in der Luft schweben. Bezeichnend dafür ist der Einsatz der Zitate: Nur in den seltensten Fällen bereichern sie Crosscurrent. In den meisten anderen sind sie nicht mehr als Kalendersprüche, die den Film künstlich mit Bedeutung aufladen sollen.

Trailer zu „Crosscurrent“


Trailer ansehen (2)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.