Creepy

Das Grauen breitet sich bei Kiyoshi Kurosawa auf dem Nährboden der sozialen Entfremdung aus. Mit einer fulminanten Rückkehr zum Horrorgenre widmet sich der japanische Regisseur den Feinheiten des Unheimlichen.

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Nach dem traumatischen Erlebnis mit einem Serienmörder sucht der Polizist Takakura (Hidetoshi Nishijima) Zuflucht in der bürgerlichen Normalität. Gemeinsam mit seiner Frau Yasuko (Yûko Takeuchi) zieht er in eine ruhige, aber nicht besonders schöne Gegend mit großen Strommasten und gedrungenen Häusern. Wirklich erfüllend ist das Leben hier nicht: Während sich Takakuras Job als Professor für Kriminologie als ziemlich dröge erweist, versucht Yasuko die Leere ihres Hausfrauenalltags mit gespielter Geschäftigkeit zu füllen. Für Irritationen sorgt allerdings Nishino (Teruyuki Kagawa), der neue, gelinde gesagt, etwas sonderbare Nachbar der beiden. Erst ist er bemüht nett, dann wieder überraschend feindselig, erst furchteinflößend, dann wieder harmlos und lächerlich. Doch in einem Punkt ist sich Profiling-Experte Takakura sicher: Der Typ ist zu offensichtlich seltsam, um einer Fliege etwas zuleide zu tun.

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Die von einer trügerischen Ruhe geprägten Horrorfilme von Kiyoshi Kurosawa sind häufig Kommentare zum desaströsen Zustand der modernen japanischen Gesellschaft. Bei dem Genre-Auteur werden die einsamen und unverstandenen Menschen durch ihre Verwundbarkeit zu leichten Opfern einer äußeren Bedrohung. In Pulse (Kairo, 2001) sind es etwa orientierungslose Jugendliche, die durch eine geheimnisvolle Website erst in die soziale Isolation und dann in den Selbstmord getrieben werden. In Cure (Kyua, 1997) ist es ein Polizist in der Ehekrise, der empfänglich für die Manipulationen eines Mörders mit hypnotischen Fähigkeiten wird. Und auch in Kurosawas neuem Film, der Romanadaption Creepy (Kurîpî), kann sich das Grauen nur ausbreiten, weil es ihm durch zwischenmenschliche Störungen ermöglicht wird.

Die Fragilität der bürgerlichen Familie

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Schon bald wird Takakura auf den ungelösten Fall einer Familie aufmerksam, die von einem Tag auf den nächsten vom Erdboden verschwunden ist. Zurückgeblieben ist nur die Tochter, die vom eigenartigen Verhalten der Familienmitglieder berichtet, von einer zunehmenden Verschlossenheit und heimlichen Telefonaten mit einer Person, zu der sie offenbar in einem zerstörerischen Abhängigkeitsverhältnis standen. Im Vergleich dazu wirken die Takakuras wie ein Pärchen aus dem Werbekatalog. Doch gerade im Umgang mit ihrem Nachbarn zeigt sich, wie schnell sich das ändern kann. Wenn die beiden beginnen, Geheimnisse voreinander zu haben, geschieht das zwar aus guter Absicht, hat aber eine verheerende Wirkung. Creepy macht schon recht früh klar, dass Nishino mit den Vorkommnissen auf irgendeine Weise in Verbindung steht. Verraten ist damit aber noch nicht viel; zum einen, weil die Auflösung sich als recht clever erweist (Takakura soll mit seiner anfänglichen Einschätzung durchaus recht behalten), zum anderen aber auch, weil der Film nicht wie ein Whodunnit aufgebaut ist, sondern gemächlich seinen Suspense verbreitet. Eines kann man zumindest schon verraten: Die bittere Wahrheit entlarvt wieder einmal die Fragilität der bürgerlichen Familie.

Hinterhältige Inszenierung

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Creepy ist sehr geradlinig und klassisch erzählt, offenbart aber auch wieder, was Kurosawas Stärke als Regisseur ist. Statt auf Schockmomente setzt er auf ein schleichendes Unbehagen, statt auf einfachere Mittel wie Großaufnahmen und schnelle Schnitte auf totalere Einstellungen und längere Kamerafahrten. Seinen Fokus legt der Film weniger auf den Ausdruck der Figuren als auf ihre Positionierung an menschenleeren Orten (und damit auf Sinnbilder ihrer sozialen Entfremdung). Wenn sie sich durch Räume bewegen und immer wieder neu vom einfallenden Sonnenlicht moduliert werden, beeinflusst das die Atmosphäre auf subtile Weise. Eine Verhörszene beginnt etwa im Hellen, geht in einen im buchstäblichen Sinne bewegten Dialog im Zwielicht des Zimmers über und kommt in einer schattigen Ecke zu ihrem Höhepunkt. Das zurückgenommene Sound-Design ist nicht minder wirkungsvoll: Bei besagtem Verhör ist immer wieder ein leises innerdiegetisches Rumpeln zu hören, das etwa von einem Fahrstuhl oder von Bauarbeiten kommen könnte und sich unterschwellig auf die Stimmung überträgt. Durch die hinterhältige Inszenierung geraten wir als Zuschauer letztlich in eine ähnliche Situation wie die Figuren: Der Schrecken packt uns nicht auf einmal, sondern ergreift fast unmerklich von uns Besitz, lähmt uns und macht uns hilflos. Seit zehn Jahren hat Kurosawa schon keinen Horrorfilm mehr gedreht. Creepy zeigt, wie sehr er dem Genre gefehlt hat.

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