Creed – Rocky's Legacy

Ryan Coogler filmt einen ganzen Kampf in einem Take und füllt ikonische Schauplätze mit Leben. Mit ihrem neuen Titelhelden bekommt die Rocky-Serie wieder Drive.

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Ein Schattenboxkampf mit einem an die Wand projizierten YouTube-Video aus Rocky II (1979) ist Adonis Creeds (Michael B. Jordan) erste Leinwand-Zusammenkunft mit seinem übermächtigen Vater und ein schönes Bild für seinen Umgang mit diesem schwierigen Erbe. Ob er den Namen seines schon vor seiner Geburt verstorbenen Erzeugers Apollo besser verschweigt, um aufgrund eigener Leistung anerkannt zu werden, oder ihn mit Stolz annehmen sollte, ist ein zentraler Konflikt für den jungen Boxer. Den Erfolg benötigt er nicht mehr als Aufstiegsmöglichkeit aus den Slums – seit seinem 12. Lebensjahr lebt das zunächst im Waisenhaus aufgewachsene uneheliche Kind auf dem Luxusanwesen der Creed’schen Witwe –, sondern zur Schaffung und Selbstbehauptung seiner eigenen Kämpfer-Identität (wohingegen jeder seiner Gegner sofort mit einem eingeblendeten Steckbrief festgeklopft wird). Sein Coach Rocky (Sylvester Stallone), früherer Gegner und späterer bester Freund Apollos, stellt ihn denn auch zum Trainieren vors eigene Spiegelbild und flüstert ihm noch beim Endkampf ein: „It’s you against you“.

Nicht nur nostalgisches Wohlfühlprogramm

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Nach Star Wars wird mit Rocky nun ein zweites der seit den späten 1970ern wirkmächtigsten Film-Franchises wiederbelebt, und der Zugriff ist auf den ersten Blick ähnlich: Wie Das Erwachen der Macht ist auch Creed eine Art Reboot des allerersten Beitrags, bei dem eine neue Generation in die überall noch sichtbaren Fußstapfen der alten tritt. Auch Adonis Creed bewegt sich durch eine mit Memorabilien und Reliquien gefüllte Welt, auch er findet unter ihren ergrauten Helden einen Mentor, und auch seine Reise durchläuft die leicht wiedererkennbaren archetypischen Stationen des Originals. Doch anders als bei J.J. Abrams ist bei Ryan Coogler ein nostalgisches Wohlfühlprogramm nie der erzählerische Hauptmotor. Der Regisseur nimmt die Prämissen der Serie angenehm ernst (er ironisiert und marginalisiert sie nicht, wirft sich vor ihnen aber auch nicht in den Staub), doch der Fokus seines Interesses liegt auf seiner neuen Hauptfigur und auf ihrer Erfahrungswelt im Jahr 2015. Und diese Neuausrichtung gibt dem Film einen schönen Drive.

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Obsessives Rekapitulieren der Vergangenheit war stets ein Kennzeichen der Rocky-Reihe – doch mit dem Protagonistenwechsel wird aus dem von Folge zu Folge weiter aufgespannten sentimentalen Erinnerungsraum um Rocky Balboa nun ein Erkundungsgebiet eines jungen, hungrigen Mannes. Weil man ihn im alten Trainingscamp seines Vaters in L.A. abweist – die „Straße“ ist kein Ort, dem er entkommen, sondern einer, den er von sich überzeugen muss –, verschlägt es Adonis in die Rocky-Hauptstadt Philadelphia, wo er den Meister persönlich als Trainer zu gewinnen hofft. Der willigt nach dem obligatorischen Zögern auch ein, sodass Adonis bald beim Lauftraining Hühner jagen darf wie einst Rocky unter den Fittichen Mickys.

Gelassene Detailgenauigkeit

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Das Zusammenspiel von Stallone und Jordan ist von Anbeginn warmherzig, und Coogler und seine Kamerafrau Maryse Albertis zeichnen die Schauplätze mit gelassener Detailgenauigkeit – den Hauseingang, vor dem Creed von einem Kind angesprochen wird; den Imbiss, in dem ihm Nachbarin und Trip-Hop-Sängerin Bianca (Tessa Thompson) von ihrer drohenden Gehörlosigkeit erzählt, ihr Home-Studio, bei dem sie sich beim Musizieren näherkommen. So verschmilzt die neue Hauptfigur ebenso geschmeidig mit ihrem Umfeld wie Bill Contis klassischer Gonna fly now-Trainingsscore mit Hip-Hop-Klängen. Und all die ikonischen Orte – die Rocky-Statue und die 72 Stufen, Mickys alte Boxschule oder auch das im letzten Film etablierte Restaurant –, all die Gemälde- und Postergalerien der Vergangenheit erscheinen hier doch nicht museal, sondern als ebenso organische Bestandteile des sich um Adonis entfaltenden Lebensraums wie sein Mietshaus oder die Bars und Clubs, in denen er Bianca datet.

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Wie Rocky im Originalfilm erhält auch Adonis schließlich die Chance, gegen den amtierenden Weltmeister zu kämpfen, den Briten „Pretty“ Conlan (Tony Bellew), der von Creeds wahrer Identität Wind gekriegt hat und einen spektakulären Gegner braucht. Von da ordnet sich der Film straffer der dramaturgischen Abfolge bis zum Finale unter, was vor allem die vorher so sorgsam gezeichnete Beziehung zu der aufstrebenden Musikerin Bianca, die ihren eigenen Kampf zu bestehen hat, ein wenig ins Schematische driften lässt. Conlan wiederum, konfrontatives Großmaul und Pressekonferenz-Platzhirsch, bleibt nicht nur wegen des ausgelagerten Kampfschauplatzes Liverpool etwas außerhalb der Adonis’ an- und umtreibenden Konflikte und wird kaum mit der gleichen explosiven Dringlichkeit zum Rivalen aufgebaut wie einst Clubber Lang oder Ivan Drago für Rocky. Ein zuverlässiges Highlight sind dagegen die Kampfszenen selbst, und vielleicht noch eindringlicher als das alle Regeln der Übertreibungskunst feiernde Finale – mit wie Donner krachenden Schlägen und auf den Boden schmetternden Schädeln, extremen Zeitlupen und Blutspritzer-Montagen – ist ein im Stil wesentlich realistischerer Zweirundenkampf in der Mitte des Films, den die Kamera in einem einzigen, unerbittlich an den Oberkörpern haftenden Take einfängt.

Not a mistake

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„Wenn ich beim Schlussgong immer noch stehe, werde ich das erste Mal im Leben wissen, dass ich nicht nur ein Niemand bin.“ Rockys berühmter Ausspruch aus dem ersten Film ist eine Art Glaubenskern der gesamten Saga, zu dem sie sich – hierin nach Georg Seeßlen das ideologische Gegenstück zu Scorseses Raging Bull (1981) – stets affirmativ verhält. Auch in Creed taucht dieser gewiss fragwürdige Vorsatz wieder auf, wenn das uneheliche Waisenkind auf dem gleichen Weg beweisen will, dass es „not a mistake“ ist. Diese Besessenheit, das Durchhalten im Ring über alles zu stellen – im Zweifel sogar, wie Apollo in Rocky IV (1985), übers eigene Leben –, erfährt in Creed interessanterweise nun durch Rocky Balboa selbst eine sachte humane Korrektur. Dass kein Sieg einen solchen Preis wert sei, mahnt er seinen Schützling zunächst ebenso eindringlich wie die sonst für diesen Part vorgesehenen Mütter und Geliebten. Doch er, der alle Weggefährten verloren hat, der sich im Gartenstuhl vor die Gräber von Ehefrau und Schwager setzt und ihnen aus der Tageszeitung vorliest, mit schimmernden Augen hinter der Lesebrille, aber lächelnd – dieser alte Mann muss sich dann erst selbst von Adonis überreden lassen, den Kampf gegen den Krebs aufzunehmen. Das Boxtraining mit Chemotherapie-Szenen gegenzuschneiden ist ein nicht unriskanter Move des Films – dass er funktioniert, ist ganz erheblich Stallones einfühlsamer, lebensfreundlicher Darstellung dieser Figur zu verdanken, die ihn sein ganzes Filmleben begleitet hat. Und nie hat man mit Rocky die 72 Stufen so gerne erklommen wie heute.

Trailer zu „Creed – Rocky's Legacy“


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