C.R.A.Z.Y. - Verrücktes Leben

Eine Jugend in Québec: Jean-Marc Vallée feiert mit diesem Porträt einer Familie mitten im gesellschaftlichen Umbruch der sechziger und siebziger Jahre Erfolge auf Festivals und beim Publikum.

C.R.A.Z.Y. - Verrücktes Leben

Vielleicht sollte man zu Beginn erst einmal den Titel erklären. C.R.A.Z.Y. sind die Anfangsbuchstaben der Namen von fünf Brüdern, nämlich Christian, Raymond, Antoine, Zachary und Yvan. Gleichzeitig ist „Crazy“ der Titel eines Liedes der Country-Musikerin Patsy Cline aus dem Jahr 1961. Der Vater jener fünf Brüder (Michel Côté) ist ein fanatischer Fan der Sängerin. Und auch ansonsten ist in dieser Familie im kanadischen Québec vieles ziemlich verrückt. Weil der zweitjüngste Sohn und Ich-Erzähler des Films, Zachary (Marc-André Grondin), an einem Weihnachtsabend geboren wird, glaubt seine Mutter (Danielle Proulx), er habe übersinnliche Kräfte, und fortan rufen ständig Verwandte an, die von seinen vermeintlich heilenden Gedanken profitieren wollen. Ein anderer Bruder hat Drogenprobleme, wieder ein anderer ist eine Leseratte in derartiger Vollendung, dass er nicht bei Tisch sitzen kann, ohne sich in das Kleingedruckte auf der Milchtüte zu vertiefen. Außerdem, und das ist das Skurrilste, pflegt der Vater bei jeder Familienfeier ein Mikrofon zur Hand zu nehmen und „Emmenez-moi au bout de la terre“ von Charles Aznavour zu singen. Womit er nicht nur seinen Kindern, sondern spätestens nach dem vierten Mal auch den Zuschauern auf die Nerven geht.

C.R.A.Z.Y. - Verrücktes Leben

Das heißt, vielen wiederum nicht, denn C.R.A.Z.Y. ist ein ungewöhnlich erfolgreicher Film. Im Heimatland Kanada hat er einige Preise erhalten, und zudem gibt es eine wachsende Fangemeinde, die seine ummittelbare emotionale Wirkung in den höchsten Tönen lobt.

C.R.A.Z.Y. - Verrücktes Leben

In der Tat handelt es sich um eine Familiengeschichte, die durch liebevolle Zeichnung ihrer Charaktere, stellenweise lakonische Komik und vor allem durch ein schwelgerisches Eintauchen in die sechziger, siebziger und frühen achtziger Jahre überzeugen will. In fast jeder Einstellung begegnen dem Zuschauer die Ikonen jener Zeit: das Bruce-Lee-Poster im Jugendzimmer, die Musik von David Bowie, die Schlaghosen, die Verunsicherung der Gesellschaft angesichts der gerade angelaufenen Umbrüche nach 1968. Das alles kulminiert in der Person von Zac, der sich zusätzlich zu den üblichen Pubertätsproblemen auch noch mit der Frage beschäftigen muss, ob er schwul ist, und dem seine tief religiöse Mutter den Status eines Auserwählten andichtet.

Der Film beginnt an der frühestmöglichen Stelle, an der eine Coming-of-Age-Story beginnen kann - im Bauch der Mutter. Dort, wo schon die Erzählstimme von Oskar Matzerath in Günter Grass’ „Blechtrommel“ einsetzte. Mit dem kinoleinwandgroßen Embryo als erstem Bild ist dann auch gleich der Grundton getroffen. C.R.A.Z.Y. zieht im weiteren Verlauf einen großen Teil seines Charmes aus schrägen Perspektiven und aus einem poetischen Realismus, der an einen anderen kanadischen Film erinnert, an Leolo (1992). Dazu gehört beispielsweise eine Tagtraum-Sequenz, in der Zachary während der Weihnachtsmesse in einer Kirche über der Gemeinde schwebt - und zwar zu „Sympathy For The Devil“ von den Rolling Stones. Aber dazu gehört leider auch die penetrante Art und Weise, mit der immer wieder Zeitlupen eingesetzt werden. Jeder Unfall und jede Schlägerei wird so mit mehr Bedeutung aufgeladen, als vorhanden ist.

C.R.A.Z.Y. - Verrücktes Leben

Zu den wirklichen Stärken der 127 Minuten gehören die Auseinandersetzungen zwischen Zac und seinem Vater. Michel Côté spielt die Rolle des betont maskulinen Patriarchen, dessen weiche Seite nur in einer geradezu kindlichen Begeisterung für alte Schallplatten zu Tage tritt, so anrührend wie Peter Falk einst für John Cassavetes den überforderten Ehemann in Eine Frau unter Einfluß (A Woman Under the Influence, 1974) gab. Auf dem Soundtrack des Films tummeln sich neben den Stones, Patsy Cline und Charles Aznavour noch viele andere Stars der sechziger und siebziger Jahre. Eine zentrale Rolle kommt David Bowie zu, dessen androgynes Versteckspiel Zacs verwirrter Sexualität Ausdruck verleiht, und Pink Floyds „Shine On You Crazy Diamond“ löst ein sakrales Orgelspiel just in dem Moment ab, in dem Zac beschließt, Atheist zu sein. Ein erstaunlicher Nebeneffekt: Musikalische Entdeckungen gibt es eher im alten Plattenschrank des Vaters zu machen als im jugendlichen Mainstream des Sohnes. Denn anders als zum Beispiel Quentin Tarrantino, der für seine Filme meist alte Songs aus dem Status der Semi-Vergessenheit reißt, reiht Regisseur Jean-Marc Vallée für die akustische Begleitung von Zacs Aufwachsen genau jene Stücke von damals aneinander, die heute sowieso noch jeder kennt.

Immerhin erzeugt er dadurch eine Wohlfühl-Stimmung, die allerdings mehr mit Wiedererkennen als mit Reflexion zu tun hat. Vallée erklärt seine Vorstellung von einem guten Film so: „Ich will mich überraschen lassen, neue Universen entdecken, berührt, verstört, provoziert werden. Ich will lachen, weinen, träumen - am besten alles auf einmal!" Aus diesen enthusiastischen Worten spricht eine Begeisterung, die aber zugleich einer ordnenden Hand bedürfte. C.R.A.Z.Y. jedoch geht mit so grob gepinselter Empathie auf die Figuren und ihre Geschichten los, dass man zuweilen ratlos vor diesem Film steht, der ganz offensichtlich emotional überwältigen will. Man bemerkt die Absicht und ist verstimmt.

 

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