Crash Test Dummies

Ein in Wien gestrandetes Pärchen aus Bukarest gerät in eine Kette zufälliger Ereignisse. In mal komischen, mal melancholischen Episoden zeigt Crash Test Dummies den Alltag von Kleinbürgern und Kleinkriminellen und entdeckt dessen surreale Seite.

Crash Test Dummies

Ana (Maria Popistasu) und Nicolae (Bogdan Dumitrache) reisen von Bukarest nach Wien, um ein geklautes Auto über die Grenze zu bringen. Weil der Deal sich verzögert, müssen sie länger bleiben als geplant, ihnen geht das Geld aus, und sie trennen sich im Streit. Wir folgen ihren Irrwegen durch die Stadt, auf denen sie einer Handvoll Figuren begegnen, allen voran Jan (Simon Schwarz), einem Kaufhausdetektiv mit schlechtem Gewissen, seiner verhuschten Mitbewohnerin Martha (Kathrin Resetarits), Medikamententesterin und lebender Crash-Test-Dummy, und der Nachtschwärmerin Dana (Viviane Bartsch), die in einem Reisebüro arbeitet, aber selbst kaum weiter kommt als in den Stadtpark.

Crash Test Dummies

Ein Film über Zufälle und Zufallsketten, über länderübergreifende zumal: Leicht gerät so etwas bedeutungsschwer und thesenhaft. Umso erfreulicher, wie angenehm lakonisch Crash Test Dummies bleibt – inszenatorisch wie inhaltlich. Nach einer schönen Anfangssequenz, die die Busfahrt von Bukarest nach Wien schwungvoll als Aufbruch und Übergang inszeniert, beschränkt sich der Schauplatz auf ein paar glanzlose Orte in Wien-Mitte, Bahnhöfe, Passagen, Parks, keine leindwandgroßen Ansichtskarten, wie man sie in Reisefilmen dieser Art oft zu sehen bekommt. Auch mit dem Thema „Völkerverständigung“ geht der Film nicht hausieren – anders als etwa in One Day in Europe (2005) werden cultural gaps weder besonders ausgestellt noch augenzwinkernd verniedlicht, eher werden sie beiläufig abgehandelt. Als Probleme, die eben entstehen, wenn Leute nicht die gleiche Sprache sprechen. Wien in den Augen der beiden Rumänen sieht nicht aus wie eine völlig fremde, sondern nur ein bisschen andere Welt, nichts an den gezeigten kleinkriminellen und kleinbürgerlichen Milieus wirkt unbedingt spezifisch österreichisch. Und die Probleme, die sich den Helden stellen – nämlich sich über Wasser halten und am Leben teilhaben zu können – , sind die gleichen wie in ihrer Heimat, sie sind ökonomischer, nicht „kultureller“ Natur.

Für einen zeitgenössischen Film aus Österreich geht Crash Test Dummies mit seinen Figuren ziemlich behutsam um. Die Tragweite der Ereignisse, die Ana und Nicolae mit ihrer Reise in Gang setzen, fällt eher bescheiden aus. Das Leben aller Figuren gerät in Bewegung, aber niemand wird hier völlig aus der Bahn geworfen, allenfalls kommt man etwas ins Schlingern. Jan nimmt Ana in seiner Wohnung auf und verliert ihretwegen seinen Job und sein Toupet. Dana hat eine Affäre mit Nicolae und singt auf einer Karaoke-Party „Reif für die Insel“. Martha lässt sich von Nicolae zum Dealen überreden und wird Zeugin, wie ihm der Daumen gebrochen wird. Keine Toten, nur ein paar Verletzte, keine Zerwürfnisse, nur ein paar Streitereien, und man verabschiedet sich von den Figuren mit dem Gefühl: Einiges an ihrem Leben wird sich wohl ändern, aber vieles wird auch bleiben, wie es ist. Das unterscheidet einen Crash-Test von einem richtigen Unfall: Man wird nur ein wenig durchgeschüttelt.

Crash Test Dummies

Gerade dank dieser, wenn man so will, Mittelmäßigkeit der Ereignisse, gelingt es dem Film, den Alltag seiner Figuren als Dauerzustand leichter Verstörung zu zeigen. Das ist alles schön entspannt, wie beiläufig inszeniert, wirkt allerdings manchmal etwas beliebig und unschlüssig. Zusammengehalten wird der Film vor allem von seinen visuellen Leitmotiven. Bilder der Bewegung und des Reisens sind das zum einen – eine Reihe von chaotischen Autofahrten, Unfällen und Beinahe-Unfällen gruppiert sich um die titelgebenden Crash-Tests. Zum anderen sind es – Kühe. Anas Stoffkuh „Zenzi“ verkündet, wenn man sie drückt, mit einer ihren menschlichen Gefährten unbekannten Selbstsicherheit ihren Namen. Ein paar ihrer lebenden Artgenossinnen stehen, ganz ähnlich in sich selbst ruhend, am Ende mitten auf der Straße und versperren den Helden den Weg nach Hause. Ein bisschen unheimlich ist das, ein bisschen surreal und ziemlich lakonisch – ein Bild, das die Stimmung des Films perfekt einfängt. Und ihn vorm Umkippen ins Pathetische bewahrt: Ganz zuletzt wird die Handlung nämlich doch noch explizit in einen europäischen Rahmen gestellt, der Film endet in der Nacht zum 1. Mai 2004, dem Tag der EU-Osterweiterung. Das wirkt mehr wie ein Zugeständnis an Fördergremien denn wie eine zwingende Schlusspointe. Doch im Schein des großen Feuerwerks steht eine Kuh, das vielleicht gleichmütigste Tier Europas, das dreinschaut, als wäre ihm dieses große Ereignis herzlich egal.

Crash Test Dummies ist der zweite Langfilm von Jörg Kalt, der schon mit seinem Debüt Richtung Zukunft durch die Nacht zu einem Hoffnungsträger des jungen österreichischen Films avancierte. Im Sommer 2007 hat sich Kalt im Alter von 40 Jahren das Leben genommen.

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