Cowboys & Aliens

Wo J.J. Abrams das Geheimnis seines Sommer-Blockbusters so lange wie möglich geheim hielt, verrät Jon Favreau bereits mit dem Titel alles zu seinem Film.

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Wir schreiben das 19. Jahrhundert: In der Wüste wacht James Bond auf und hat sein Gedächtnis verloren. Erst nach und nach findet er heraus, dass seine Frau entführt wurde, er ein gesuchter Verbrecher ist – und nicht zuletzt von Indiana Jones gejagt wird. Natürlich sind nicht tatsächlich der berühmte Geheimagent und der ebenso berühmte Archäologe die Hauptfiguren von Cowboys & Aliens. Aber es ist doch eine Erwähnung wert, dass ein Film, der sich an einer Synthese zweier zentraler Motive amerikanischen Kinogeschichte versucht, mit der Besetzung von Daniel Craig und Harrison Ford noch zwei weitere Kinomythen integriert.

Der von Craig gespielte Jake Lonergan unterscheidet sich vom klassischen Westernhelden vor allem durch eine merkwürdige Apparatur an seinem Arm, die nicht von dieser Erde zu stammen scheint. Als der Konflikt mit den eher fremdenfeindlichen Bewohnern der Stadt Absolution, besonders mit dem von Ford gespielten Colonel Dolarhyde, gerade auf einen ersten Höhepunkt zusteuert, beginnt Lonergans Manschette zu leuchten und zu piepen. Kurz darauf wird Absolution von Raumschiffen und schleimigen Aliens angegriffen.

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Leider haben Iron-Man-Regisseur Jon Favreau und sein Team den Charme dieser Idee nicht in den Film selbst übertragen. Originell ist neben der Prämisse von Cowboys & Aliens zwar auch die zwischen epischer Gitarrenmusik und dröhnemdem Event-Score changierende Filmmusik, ansonsten erschöpft sich die Attraktivität des Blockbusters im erstmaligen Aufeinandertreffen von – Überraschung! – Cowboys und Aliens. Favreau gelingt es weder, mit dem stumpfsinnigen Plot die Flucht in den Trash zu wagen, noch bringt er die Geduld für eine wirkliche Western-Ästhetik auf. Die ersten Bilder mögen an alte Klassiker erinnern, der zu schnelle Schnitt zeigt aber bald, dass Favreau vor allem seine Aliens präsentieren möchte. 

Wie beim berühmten Fall der Snakes on a Plane ist hier die einzige Existenberechtigung des Films also die bereits im Titel wirkende Grundidee. Und diese hat es tatsächlich in sich: Schließlich ist der mit dem Western verknüpfte Frontier-Mythos die Ursprungsideologie der amerikanischen Nation, während der Science-Fiction-Film der Nachkriegszeit diese Nation mit der vor allem im Kalten Krieg notwendigen anonymen Bedrohung versah und der nationalen Identität ihr Anderes stiftete. Mit Cowboys & Aliens treffen also nicht nur Western und Science-Fiction aufeinandern, sondern Mythos der Vergangenheit und Schatten der Zukunft, die Gründung der Nation und ihre ständige Bedrohung.

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Der Film verlässt sich dabei so stark auf die Originaliät seines Konzepts, dass er die beiden amerikanischen Proto-Genres auf ihre Grundformeln reduziert und damit die vielfältigen Revisionen rückgängig macht, die sie im letzen Jahrhundert durchgemacht haben. Diese Rückkehr zu den formalistischen und vermeintlich unschuldigen Grundstrukturen ist aber auch eine Rückkehr in eine Zeit, in der diese Genres eine nicht ganz unschuldige Rolle spielten – eine Zeit, in der die Aliens noch als Symbol für die Bedrohung eines bösartigen Kommunismus standen und in der die Cowboys noch mit allen Mitteln für Recht und Ordnung sorgten. So hinterlässt die Präsenz der Außerirdischen im Western durchaus einen Beigeschmack. Denn diese sind hier nicht das Unverstandene, das womöglich gar der Menschheit einen Spiegel vorhält, sondern wieder das anonyme Böse – die Eindringlinge aus dem All, die Familien auseinanderreißen, Menschen einer Gehirnwäsche unterziehen und die deshalb zerstört werden müssen.

In einem Western-Kontext erinnert die Rolle der Außerirdischen noch an ein anderes problematisches Motiv der Hollywood-Geschichte. Denn letztlich spielen die Cowboys und Aliens hier das alte Spiel von Cowboys und Indianern. Letztere werden hier zwar schnell zu Verbündeten im Kampf gegen die Außerirdischen gemacht, und Colonel Dolarhyde muss dafür sogar seine rassistischen Vorurteile ablegen. Doch diese Integration setzt erneut einen anonymen Antagonisten voraus, mit dem – wie  mit den ersten Filmindianern – kaum eine Identifikation möglich ist, weil er als bloßer Teil des gefährlichen Wild-West-Settings in Erscheinung tritt. Die Stilisierung der indigenen Bevölkerung Amerikas zum Fortschrittshindernis hatte nicht zuletzt die ideologische Funktion, Unterschiede zwischen den weißen Siedlern zu verschleiern und die Besiedlung des Westens als nationales Projekt darzustellen. Auch hier macht erst die Bedrohung durch Aliens ein gemeinsames Handeln von Cowboys und Indianern möglich. Die Anklage der Ureinwohner gegen die Gewalt des weißen Mannes, eines der zentralen Motive der späteren, revisionistischen Western, ist bloße Randnotiz in einem Film, in dem die Schwadronen von Raumschiffen die ursprüngliche Funktion von Indianerhorden im Westernfilm reproduzieren.

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So bietet Cowboys & Aliens kaum Neues und kaum Sehenswertes. Doch gerade weil Western und Schience-Fiction hier so simpel und schematisch verknüpft werden, lässt der Film einen neuen Blick auf die Widersprüche der Geschichte dieser Filmformen zu. Die Funktion der Aliens als Indianer offenbart die dramaturgischen Vereinfachungen einer noch immer populären Form von Eventkino. Auch wenn wir in Unterhaltungsfilmen mittlerweile gerne allerlei kritische Töne vernehmen, spielen wir doch ebenso gerne noch Cowboys und Indianer. 

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Kommentare


Sebastian

...wieder einer dieser inhaltlich und dramaturgisch oberflächlichen Filme, der sich überhaupt nicht für seine Figuren und deren Hintergründe interessiert. Am Ende zeigt das Drehbuch nicht im Geringsten den Willen, die Geschichte interessant und im Detail zu beenden.


Bobby

Das ist ne Komödie, Ihr Experten. Wenn ihr persönliche Hintergründe wollt, müsst Ihr Euch Biographien anschauen.






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