Couscous mit Fisch

Ein geniales Couscous-Rezept, der Traum vom eigenen Restaurant und eine Symphonie an überlappendem Dialog: In Abdellatif Kechiches drittem Film wird das Erzählen gefeiert.

Couscous mit Fisch

Die aus Tunesien stammende Großfamilie, vor langer Zeit nach Frankreich eingewandert, kommt zu einem Essen zusammen. Die geschiedene Frau, ihre Töchter, Söhne und Schwiegersöhne, auch ein eingeheirateter Franzose, dem prompt ein wenig Arabischunterricht gegeben wird. Man lacht viel, neckt sich, in den Mundwinkeln hängen manchmal Essensreste, es wird geschmatzt. Es fallen Sätze wie „Ohne Peperoni geht bei mir gar nichts“, „Gibst du mir noch etwas von dem Couscous?“ oder „Hör mir bloß auf mit Diät.“ Alle reden durcheinander, so viel überlappenden Dialog hört man sonst nur bei Robert Altman. Die Szene dauert geschlagene zehn Minuten, was in dramaturgischen Maßstäben eine halbe Ewigkeit ist. Neun Minuten davon bringen die Handlung des Films nicht einen Deut weiter; sie verletzen vermutlich ungefähr alle gängigen Regeln des Drehbuchschreibens.
Die Szene ist einfach großartig.

Couscous mit Fisch

Couscous mit Fisch (La graine et le mulet) ist der dritte Film von Abdellatif Kechiche. Nach Voltaire ist schuld (La faute à Voltaire, 2000), der die Mühen eines Tunesiers beschrieb, die französische Staatsbürgerschaft zu erlangen, und L’esquive (2003) über Jugendliche in einer Pariser Banlieue geht es wiederum um Einwanderer und deren Schwierigkeiten, in der französischen Gesellschaft akzeptiert zu werden. Was Kechiches Filme aber so einzigartig macht, ist nicht so sehr ihr Thema, sondern seine Art, die Geschichten zu erzählen.

Dieser Film zum Beispiel besteht aus drei klar voneinander getrennten Akten. Der erste Akt nimmt sich eine Stunde, um die einzelnen Figuren vorzustellen: Slimane (Habib Boufares), der für seine Arbeit auf der Werft zu alt geworden ist, von seiner Frau getrennt lebt und sich im Hotel seiner neuen Lebensgefährtin einquartiert hat. Seine Kinder, darunter ein nichtsnutziger Sohn. Seine junge Stieftochter Rym (Hafsia Herzi), die dem ermatteten Mann mit tiefer Zuneigung begegnet. Und noch einige mehr. Der zweite, kürzeste Akt beschreibt in nur knapp 30 Minuten Slimanes Plan, auf einem alten Schiff ein Restaurant zu eröffnen sowie die Schwierigkeiten, die damit einhergehen. Der dritte, wieder einstündige Teil schließlich spielt hauptsächlich auf diesem Boot, am Abend der Restauranteröffnung.

Couscous mit Fisch

Kechiche arbeitet dabei mit zwei konträren Stilelementen: der ausführlichen, beinah dokumentarischen Sequenz auf der einen und der Ellipse auf der anderen Seite. Das gibt dem Film eine eigentümliche Struktur. Während er sich sehr viel Zeit lässt, um das tägliche Leben seiner Figuren darzustellen, wird der eigentliche plot point, das handlungsauslösende Element, nur kurz abgehandelt: Nach einem radikalen Schnitt stehen Slimane und seine Stieftochter Rym vor dem ausrangierten Schiff, von dem vorher nie die Rede war, und diskutieren über das künftige Restaurant.

In einem Independent-Film aus den USA, und für einen solchen wäre die äußere Handlung von Couscous mit Fisch typisch, würde nun das Hauptaugenmerk auf den Umbau des Schiffes gelegt, vielleicht würde mit einer einfallsreichen Montage der Fortgang der Arbeiten illustriert, während von außen unvorhergesehene Schwierigkeiten auftauchen; vielleicht wäre auch noch ein Alkohol- oder Drogenproblem zu bewältigen. Bis dann, in einem Triumph der Freundschaft und Hilfsbereitschaft, das Restaurant eröffnet würde. Kurz: Um der vorhersehbaren Dramaturgie willen wäre so manches erfunden worden. Kechiche tut so etwas nicht. Er erfindet nicht, er findet. Das Gefundene wird kunstvoll gestaltet – Couscous mit Fisch ist alles andere als ein Dokumentarfilm –, aber es ist, im positiven Sinne, banales Leben. Nur der für Kechiches Verhältnisse ungewöhnlich dramatisch parallelmontierte Schluss fällt aus diesem Rahmen.

Couscous mit Fisch

Der Weg vom maroden Schiff zum Restaurant aber wird komplett ausgespart. Slimane und Rym müssen sich zwar noch mit den Bürokraten von der Stadtverwaltung herumschlagen, aber dann steht auch schon der Eröffnungsabend an, der allerdings nur ein Probeabend ist, an dem die Entscheidungsträger überzeugt werden sollen. Ein anderes Beispiel für diese elliptische Technik: Der Konflikt, der wegen des Restaurantprojekts zwischen Slimane und seiner Geliebten entsteht, wird nicht gezeigt, sondern erzählt. Eine Handvoll alter Männer, die später noch einmal als Musiker auftauchen werden, unterhalten sich in einem Café über die ganze Angelegenheit. Wie an einem Lagerfeuer erzählen sie die Geschichte, auch hier wieder in aller Ausführlichkeit – einer Ausführlichkeit, die eher das Erzählen feiert als das Erzählte (leider geht davon in der deutschen Synchronfassung zwangsläufig viel verloren).

Kechiche hat dabei weder Angst vor Redundanz noch vor hysterischen Frauen. Wie schon in L’esquive sind es vor allem die Frauen, die in ungezügelte Rede- und Schimpfkanonaden ausbrechen, die aber gleichzeitig aktiv und fordernd männlicher Passivität und Borniertheit entgegentreten. Besonders eine von Slimanes Töchtern gibt sich biestig und meckert minutenlang über ihren Mann und ihr kleines Mädchen, wird dann aber wieder in inniger Umarmung mit ihrem Vater gezeigt. Der Regisseur kadriert solche Bilder sehr eng, oft ist außer den Gesichtern nicht viel zu sehen.

Couscous mit Fisch

Diese Gesichter gehören vor allem Laienschauspielern. Hauptdarsteller Boufares spielt den gescheiterten Patriarchen mit leinwandfüllender Müdigkeit, mit dem Ausdruck eines Mannes, der sich jahrzehntelang abgemüht und angepasst hat. Hafsia Herzi, eine wirkliche Entdeckung, ist als Stieftochter Rym das Energiezentrum des Films. Mit einer Mischung aus Sinnlichkeit und Geschäftstüchtigkeit treibt sie die Handlung voran, und am Ende ist sie es, die mit äußerster körperlicher Anstrengung versucht, Slimane und sein Restaurant zu retten. Die vermeintliche Hysterie der Frauen, das wird hier deutlich, ist nichts weniger als ein Ausdruck unbändiger Kraft, die in der männerdominierten Gesellschaft immer wieder ins Leere schlägt.

Trailer zu „Couscous mit Fisch“


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Kommentare


blai

Langatmiger und langweiliger Film! Wie der zu seinen Venedig-Filmfest-Auszeichnungen kam ist mir schleierhaft. Schade um die verschwendete Zeit. Nicht empfehlenswert.


Mt-VB

Natürlich ist der Film NICHT langweilig, kann nur sein, dass ein/e BetrachterIn den gezeigten ganz alltäglichen Wahnsinn nicht aushält, weil das eigene Leben so arm ist. Das ist ein Film mit Bildern (im Wortsinn) satt.


tabelsi

tolles film gratultion e bravo .


Flo

Hab den Film jetzt auch gesehen, und muß leider sagen, daß ich ihn auch todlangweilig fand. Selbst wenn das eine Dokumentation wäre, wäre es immer noch nicht besonders interessant, aber in einen Spielfilm kann ich bei dieser banalen und bis zum geht-nicht-mehr ausgewalzte Handlung einfach nicht wachbleiben.


waffeleisen

hab den film heute gesehen.
scheinbar sind die gemüter bezüglich "couscous mit fisch" sehr gespalten.
ich jedenfalls fand ihn genial!
gute filme bekommt heutzutage leider nicht mehr so oft zu sehen, und das ist ein wirklich fantastischer film, es ist schade wenn man ihn nicht gucken würde, weil der oder andere meinen, er wäre langweilig.

also, wer nicht unbedingt "guter film" mit "hollywood und special effects" gleich setzt, der sollte sich diesen film auf alle fälle ansehen ; )


astranum

mir hat der film nicht gefallen.
ich habe ihn zwar versucht mit wohlwollendem auge zu sehen, im fazit muss ich aber sagen, dass er für meinen geschmack doch eher amateurhaft erzählt ist. kein gefühl für rhythmus und erzähldramaturgie. die darsteller sind überzeugend, aber der schnitt des films ist grottenschlecht. atmosphären die durchaus entstehen werden gnadenlos breitgetreten. die kameraführung ist beinahe penetrant unangenehm und trägt selten wirklich dazu bei die sensiblen vorgänge der personen zu offenbaren. es muss für mich in keinster weise hollywoodianisch ein film gestrickt sein, im gegenteil - aber bei diesem film habe ich das gefühl, dass die regie ihre arbeit nicht gemacht hat und zu verliebt war in das viele fimmaterial, das während den dreharbeiten entstanden ist. Das ein oder andere dem Publikum vor zu enthalten wäre kein Schaden gewesen. Die Musik während der Festszenerie ist allerdings sehr schön.


couscousfresser

ich kann alle, die den film schlecht machen nicht verstehen. ich habe so mitgefühlt- und gebangt, dass ich kaum stillsitzen konnte. jeder der das versteht kann auch mal einfach nur zusehen und benötigt keine supereffekte, um einen film inspirierend zu finden.


Mark

Unglaublich dröger und banaler Film, dessen Schauspieler duch die bank weg eine ätzende negative Ausstrahlung bieten. Die Geschichte über eine unfähige Prekariatsfamilie ist weder unterhaltsam inszenziert noch dramtaurgisch von Reiz.






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