Cosmopolis

Pseudo-Theater und Pseudo-Philosophie: David Cronenberg stürzt in das schwarze Loch der verlorenen Wirklichkeit.

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Cosmopolis erzählt vom Verschwinden aller Bedeutung. Liebe, Geld, Wahrheit, Politik, nichts ist mehr an die harten Fakten der Realität gekoppelt. Ach ja, die Realität rutscht natürlich hinterher, wenn alles den Bach runter geht. Alles fließt, alle Werte kommen ins Gleiten. Man kauft Häuser nicht zum Wohnen, sondern um Geld auszugeben. Man häuft Kapital nicht an, um Häuser zu kaufen, sondern um es zu verzocken. Und das Kapital ist ohnehin nur eine Illusion des digitalen, globalen Finanzmarktes. Aber der Fluss gerät ins Stocken.

Erik Packer (Robert Pattinson), Billionär, Cyber-Kapitalist und Wechselkursjongleur, will mit seiner Stretchlimo durch Manhattan chauffiert werden, um sich die Haare schneiden zu lassen. Der Präsident der USA ist auch irgendwo in den Straßenschluchten unterwegs, ebenso die Begräbnisprozession eines Rapstars und eine Horde antikapitalistischer Demonstranten. Ergo: Verkehrsinfarkt. Aber Packer will seinen Haarschnitt. Unbedingt.

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David Cronenberg adaptierte eigenhändig Tom DeLillos Roman Cosmopolis (2003). Und war dieser schon ein selbstgefälliger, hochkonstruierter Trip voll pseudoradikaler philosophischer Catchphrases, so ist Cronenbergs Leinwandfassung ein künstlerischer Totalausfall. Er korrigiert den allumfassenden Welterklärungsgestus DeLillos nicht, sondern affirmiert ihn noch, angefeuert von der im Hintergrund stets präsenten Weltfinanzkrise. DeLillos knackige Thesen vom Verlust aller wirklichen Werte, von der Abstraktion des Geldes und von der dadurch bedingten totalen Entfremdung des Menschen verlinken sich wie automatisch mit den Tagesnachrichten, wirken fast prophetisch. So hat Cronenberg auch den im Buch allgegenwärtigen japanischen Yen, der Eriks Finanzimperium in nur einem Tag zum Kollaps bringt, durch den chinesischen Yuan ausgewechselt. Die Währung, die alle bestehenden Ordnungen auf den Kopf stellt, ist eine neue.

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Doch DeLillo relativierte seine Thesenfabrik mit kleinen Hinweisen darauf, dass hier nichts wirklich Neues gesagt wird. „There's no more danger in the new“. Mit ein wenig geistiger Verrenkung ließe sich der Roman auch als Persiflage all jener Theoriegebäude lesen, die er selbst zu konstruieren verhalf. Diese Einsicht hat Cronenberg gestrichen. Überhaupt hat er einige verwunderliche Änderungen vorgenommen. So lässt sich der Erik Packer des Buches rund um die Uhr per Video überwachen. Doch etwas ist eigenartig an den Bildern: Er sieht sich Dinge tun, die er in Wirklichkeit erst kurz darauf tun wird. Die Maschinen sind der Gegenwart voraus. DeLillo ließ die Kausalität, die lineare Zeitordnung von einer mediatisierten Vormacht der Zukunft aushebeln. Diese Zukunft ist nun eingetreten.

Weiterhin hat Cronenberg die geringe Zahl an wirklicher physischer Handlung im Buch noch weiter reduziert, im Film wird fast ausschließlich geredet. Die Dialoge hat er dabei unangetastet gelassen. Doch DeLillos artifizielle, aufs Minimalste zusammengestrichene Sprache funktioniert vielleicht auf Papier, aus Schauspielermündern jedoch wirkt sie wie das Produkt einer irre gewordenen google-translate-Applikation. In seiner Buchrezension nannte John Updike diese Fetzensprache „lobotomized“, und wahrlich, die Filmfiguren scheinen eine schief gelaufene Gehirnamputation erlitten zu haben. Höchstens noch Juliette Binoche als sich in den Ledersesseln räkelnde Kunsthändlerin kann mit diesen lebensfernen Wortkaskaden umgehen, wohingegen Robert Pattison keine Chance hat, seine bekannten Gesichtsmuskelzuckungen mit den überheblichen Sätzen einer allmächtigen Hauptfigur in Einklang zu bringen.

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Cronenberg veranstaltet mit der unablässigen Prozession an Gesprächs- und Sexpartnern, die zu Erik in die Limo steigen oder die er in Wagennähe trifft, eine eigenartige Form von experimentellem Theater on the road. Die Dialoge werden so schnell dahergesagt, dass man als Filmzuschauer wenig bis keine Chance hat, den komplizierten Ketten an Signalwörtern (Spektakel, Reichtum, Prostata) zu folgen. Die Limo ist dabei das Herz des Geschehens und Emblem der den Film auszeichnenden Künstlichkeit, schwarzes Plastik überall, leuchtend blaue Bildschirme. Cronenberg überträgt DeLillos Angriff auf die Realität in verfremdende Kameraeinstellungen, viele Großaufnahmen mit Weitwinkel lassen die Gesichter wie aufgebläht erscheinen, die Montage kennt selten mehr als zwei, drei Einstellungen für jede Sequenz.

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So addiert Cronenberg noch eine weitere Ebene an Distanz in die Liste der gelösten Verbindungen von Cosmopolis: die der Bilder zum Geschehen. Überhaupt ist die Philosophie dort eine der unüberbrückbaren Entfernungen: Mensch und Welt, Sprache und Bedeutung, Sex und Liebe, „two separate systems that we miserably try to link“. Die Stadt zieht langsam und lautlos an den gepanzerten Scheiben der Limousine vorbei, sie wirkt fern und inszeniert. Die Demonstranten sprühen Graffiti auf das Glas, und so wird die Entfernung zwischen drinnen und draußen noch größer. Wo der Taxi Driver (1976) von Martin Scorsese noch deshalb verrückt wurde, weil er den ihn umgebenden Wahnsinn nicht draußen halten konnte, da vergrößert sich in Cosmopolis die Distanz unablässig. Wenn Erik dann am Ende in einem semi-zerstörten Wohnkomplex auf seine Nemesis (Paul Giamatti) trifft, wenn der Sturz vom virtuosen Dompteur des Scheinkapitals zum mittellosen Guru der Post-Philosophie auf dem schmutzigen Boden der „Wirklichkeit“ zum Ende kommt, ist der Effekt gleich null. Schon zuvor hatte sich der Film so weit von jeder Bedeutung entfernt, willentlich oder unwillentlich, dass geschehen kann, was will: Etwas von Bedeutung passiert hier ohnehin nicht.

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Kommentare


Gala

die Sätze die Herr Pattinson spricht wurden genau von Herrn Cronenberg vorgegeben. Dieser erlaubte keine Veaederungen, somit ist Ihre Analyse von Robert Pattinson komplett verkehrt und Ihr persönlicher Angriff auf diesen sehr guten Schauspieler einfach lächerlich. Leider werden sie noch oft in das Gesicht dieses schönen Mannes blicken muessen , da er ja mit 6 neuen Projekten in den kommenden Jahren beschäftigt ist. "wohingegen Robert Pattison keine Chance hat, seine bekannten Gesichtsmuskelzuckungen mit den überheblichen Sätzen einer allmächtigen Hauptfigur in Einklang zu bringen." Finden sie eine solche Aussage wirklich angepasst, es ist schade das sie sich nicht von ihrer Eifersucht befreien koenne.


Frédéric

@Gala: In dem Satz ist just die Erkenntnis enthalten, dass Pattinson hier die Freiheit fehlt - und seine Gesichtsmuskelzuckungen passen nunmal nicht zu seiner Rolle sowie zu den vorgegebenen Sätzen.
Den Film schon gesehen?
Ich bin übrigens auch überrascht, dass Pattinson so viele Rollenangebote erhält, angesichts seiner doch oft sehr blassen und ähnlichen Performances. Aber pardon, mich überkommt gerade mit Sicherheit nur der Neid.


Markus

Natürlich ist das Neid: Wer will nicht aussehen, wie ein Vampir der in der Sonne glitzert?

Ansonsten eine sehr treffende Kritik zu diesem filmischen Debakel.


gala

For a film weighed with so much expectation differences of opinion are to be expected. But, by far the majority of critics were agreed on one thing: Together, with an outstanding supporting cast, Cronenberg and Pattinson not only met the challenge of realizing DeLillo’s presciently, accurate worldvision – they exceeded it. Palme d’Or or not, that achievement stands.
Vielleicht verstehen Sie das besser. Ihre Meinung ueber den Film sollte sich nicht nur auf Herrn Pattinson concentrieren sondern vielmehr ueber die Nachricht die deLillo gab. Und Markus , Ihre Antwort liest sich wie die Ausage eines 13 jaehrigen Kindes, how very dumb


Ragism

Tut mir leid, ich fand den Film brilliant. Aber ähnlich schwer für den Rezensenten hier zu umschreiben, was den Film wirklich schlecht macht, wäre es für mich zu sagen, was ihn nun so packend macht. Die Kritikpunkte der gekünstelten, entfremdeten und unempathischen Sprache sind für mich gerade Pluspunkte, weil sie die moderne Sprache des Menschen zuende denkt und in die Extreme führt. Bis zuletzt weiß man nie so ganz, was man von den Dialogen halten soll, beschreiben sie doch weniger eine Interaltion als ein durch und durch selbstbezogenes Gequatsche, das trotzdem nur eine winzige Einsicht in die Figuren gewährt.
Das ist nicht nur bei Pattinson so, sondern bei allen Rollen in diesem Film. Der Film lässt einen ähnlich ratlos zurück wie die Verstrickungen der Endphase des modernen Kapitalismus. Genau dieses Experiment hat bei mir funktioniert, ich kann aber gut verstehen, wenn dies jemand für "zu viel des Guten" hält.


Ulle

OMG, sind hier Teeniefanboys/ -girls (Gala) des mittelmäßig begabten Ex Vampirs gelandet ?
Die Kritik ist übrigens wunderbar geraten. Noch ein gescheiterter Film von Cronenberg. Wie schon das Freud-Dramulette mit dem anderen, weiblichen ( vollends überforderten) Teeniestar Kneightley.
Cosmopolis als "Kapitalismuskritik" aufzufassen ist Occupy- Besoffenheit ( durch schales Bier) . Leere Hülsen. Vor diesem Hintergrund ist die Besetzung mit dem Vampirchen schon wieder ein hinterlistiges Meisterstück.


skim

Robert Pattinson ist kein guter Schauspieler, aber Cronenberg hat ihn trotzdem absichtlich eingesetzt. Bei Robert Pattinson als auch bei Eric Packer ist wider Erwartung hinter der Oberfläche nicht viel da.






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