Coraline

Henry Selick hat mit Coraline einen der sehenswertesten Animationsfilme der letzten Jahre gedreht, der beweist, dass 3-D nicht nur Effekthascherei bedeuten muss und dass die altmodische Stop-Motion-Technik wahre Wunder bewirken kann.

Coraline

Das schönste Bild in Henry Selicks 3-D-Animationsfilm Coraline ist keins, in dem einem Dinge um die Ohren fliegen (obwohl es auch das gibt), und keins, in dem man von der Leinwand eingesogen wird (obwohl auch das vorkommt in diesem Film). Nein, das schönste Bild ist ein auf den ersten Blick sehr flaches: Coraline, das Mädchen mit der Vokalvertauschung im Vornamen, steht am Küchenfenster und klebt gelangweilt Sammelbildchen an die Scheibe, während wir sie von außen betrachten. Die Scheibe füllt die gesamte Leinwand aus, man kann einzelne Regentropfen auf dem Glas erkennen und auf ihrem Weg nach unten verfolgen, und erst auf den zweiten Blick bemerkt man die Tiefe des Raums dahinter, die sich unaufdringlich ins Bewusstsein schiebt.

Wer nach den vergangenen Boom-Jahren geglaubt hat, in Sachen Animationsfilm gäbe es außer mehr Computerkraft und wachsender technischer Geschicklichkeit nichts Neues mehr zu entdecken, wird endlich durch diesen Film eines Besseren belehrt. Und wie gerne lässt man sich belehren! Mit der gerade heraufziehenden Welle von 3-D-Spektakeln, zu denen unter anderem Monsters vs. Aliens (2009) gehört, hat das wenig zu tun. Coraline ist nämlich der erste 3-D-Film in Stop-Motion-Technik, das heißt, man sieht nicht am Computer entworfene Bilder, sondern mit der Hand gestaltete Puppen. Regisseur Selick, der auch den Stop-Motion-Klassiker Nightmare before Christmas (1993) inszeniert hat, schafft aus unzähligen Kleinigkeiten wie Miniatur-Perücken und liebevoll gestalteten Wasserkesseln eine bis ins Detail überzeugende Welt, gegen die die flachen Gesichter vieler anderer Trickfilme ausdruckslos wirken.

Coraline

Wie das zugrunde liegende gleichnamige Buch von Neil Gaiman handelt Coraline von dem Wunsch nach dem Anderen, von der Sehnsucht nach Perfektion und sofortiger Wunscherfüllung. Und davon, dass nichts davon ohne einen Preis zu haben ist. Wie in Alice im Wunderland gibt es eine Parallelwelt, und wie im Zauberer von Oz (Wizard of Oz, 1939) stellt sich am Ende heraus, dass es nirgendwo so schön ist wie daheim. Coraline ist mit ihren Eltern in ein altes Haus gezogen und langweilt sich schrecklich. Vater und Mutter sind liebevoll, aber – wie alle Eltern – nicht perfekt. Sie haben genug damit zu tun, über die Runden zu kommen und deshalb kaum Zeit für ihr Kind. Und mit ihren Kochkünsten ist es auch nicht weit her. Coraline wünscht sich also – wie alle Kinder irgendwann einmal –, ganz woanders zu sein, in einer ganz anderen, viel besseren Familie.

Coraline

Dorthin gerät sie weder durch einen Kaninchenbau, noch durch einen Wirbelsturm, aber durch einen geheimnisvollen Gang, mit dem dann auch die 3-D-Effekte des Films intensiver werden. Wie eine Geburtshöhle wirkt dieser Gang, oder wie eine Nabelschnur von innen. In jedem Fall symbolisiert er mütterliche Verbundenheit, und am anderen Ende findet Coraline exakt das gleiche Haus vor wie das ihrer Eltern – nur sauberer. Und sie findet ihre Eltern – nur netter. Ihr dröger Schriftsteller-Vater ist zum singenden Musiker-Vater geworden, und ihre Mutter zu einer wahren Meisterköchin.

Diese „andere Mutter“ nun, wie sie sich selbst nennt, hat ein sehr starkes Interesse daran, Coraline für immer in ihre Welt zu holen. In dieser Welt aber haben die Menschen Knöpfe statt Augen im Gesicht. Die gruselige Vorstellung, Coraline müsste sich mit Nadel und Faden entsprechend behandeln lassen, um dazuzugehören, ist von jener märchenhaften Brutalität, die nicht jeder kindliche Zuschauer leicht wird verkraften können. Knöpfe statt Augen, die Metapher wirkt sowohl körperlich als auch inhaltlich schmerzhaft überzeugend – die Fenster zur Seele sind verschlossen, zugenäht und, aus der anderen Richtung betrachtet: Der Blick in die Welt ist verdunkelt.

Coraline

So ist Coraline im Vergleich zu vielen anderen Animationsfilmen nicht nur inhaltlich komplexer und optisch vielfältiger, sondern auch, besonders im letzten Teil, beängstigender und weniger familienkompatibel. Was damals für das morbide Nightmare before Christmas ebenfalls galt, aber auch ein gewisses Risiko bezüglich der kommerziellen Perspektiven bedeutet. Der Film hat eine FSK-Freigabe ab sechs Jahren, was ihn in eine Reihe stellt mit z. B. Bolt (2008), der aber viel harmloser ist. Eltern, die mit ihren Kindern gerne in Filme wie Ratatouille (2007) oder Wall-E (2008) gegangen sind, werden von Coralines Gruseligkeit überrascht sein und möglicherweise anderen davon abraten. Was eventuell ein Fehler wäre, denn das kindliche Sich-Erschrecken im Kino kann eine erhebende Erfahrung sein, wenn der Film sich Zeit nimmt (eine lange Sequenz zeigt nichts anderes als Coraline, die das neue Haus Zimmer für Zimmer entdeckt) und, wie hier, eine Geschichte voll emotionaler Tiefe erzählt. Wenn er Gefühle entwirft wie Einsamkeit, Sehnsucht und, ja, Angst. Eine Art entwicklungspsychologische Geisterbahn, sozusagen, und auch ein durchdringender Blick auf die dunklen Seiten von aus dem Rahmen geratener Mutterliebe.

Coraline

Bis es aber zum recht düsteren Showdown samt Happy-End kommt, lässt Selick ein Feuerwerk an Einfällen los, die in der 3-D-Version des Films besonders schön wirken und keineswegs als schlichte Demonstration der Möglichkeiten dieser neuen alten Technik. Ob es die gelenkeknackenden Kunststücke des Varieté-Virtuosen Mr. Bobinsky sind, die in gefährlich anmutender Isolation lebenden Miss Spink und Miss Forcible, zwei alte Damen mit überraschenden inneren Werten, oder ob es der Garten ist, der in einer furiosen Sequenz zu Leben erwacht – man kann sich kaum sattsehen an dieser überschwänglichen Feier der Animationskunst. Dass auch die reine Schönheit zuweilen Grusel beherbergt, ist eine weitere Lektion, die an Coraline zu lernen ist.

Trailer zu „Coraline“


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